Letzte Sätze

Manfred Poser wendet sich – nach dem Vorbild Letzter Worte berühmter Personen – letzten Sätzen in Büchern zu

Dass ich nicht früher darauf gekommen bin! Ich stand spät am Abend auf einer Terrasse bei Zürich, rauchte meine Pfeife, und da fiel mich der Gedanke an: Wären nicht letzte Sätze von Romanen ähnlich aussagekräftig, wie es erste Sätze sind (oder wie sie es nicht sind)? Man könnte eines Tages einen Lehrstuhl gründen, der literarische Finalität zum Thema hätte.

Bei meiner Affinität zum Jenseits war es jedoch fast logisch, dass ich zu den Schlusssätzen kommen würde. Sagte nicht der griechische Philosoph Solon dem Potentaten Krösus, niemand sei vor seinem Ende glücklich zu preisen? Das Ende gehört zum Anfang, und es möge uns würdig antreffen.

Wie allerletzte Buchstaben: Jüdischer Friedhof Sulzburg (Foto: Manfred Poser)

Allerdings ist der letzte Satz oft nur wie ein i-Pünktchen, eine Arabeske. Denn so wie der erste Satz nur zum Anfang hinleitet, so schließt der letzte Satz ein Ende ab, das bereits ausgestaltet ist. Er ist nur der Versuch, einen Punkt zu machen, denn nichts endet wirklich. Von jedem Buch könnte man die Fortsetzung schreiben (außer die Welt ginge mit dem letzten Satz unter). Die glückliche Eheschließung führt zu einem erst glücklichen, dann öden Eheleben. Der Tod des Protagonisten führt diesen in ein neues Leben, die Hinterbliebenen in die Aufgabe, sich ohne den Verblichenen neu zu sortieren.

Hinein in die Literatur!

Sortieren wir einmal eine Auswahl letzter Sätze; versuchen wir, sie zu kategorisieren. Da gibt es die meisterhaften Sätze, gleich dem vollen Klang eines Orchesters. Uwe Johnson beendete so auf Seite 1891 seine Jahrestage:

»Wir hielten einander an den Händen: ein Kind; ein Mann unterwegs an den Ort wo die Toten sind; und sie, das Kind das ich war.«

Und so beendet Henning Mankell sein Buch Der Feind im Schatten, mit dem er seinen Ermittler Wallander endgültig verabschiedet:

»Die Jahre, die er noch zu leben hat, vielleicht zehn, vielleicht mehr, sind seine eigene Zeit, seine und Ledas, seine und Klaras, keines anderen Menschen Zeit.«

Thomas Mann gibt sich im Zauberberg dem Pathos anheim:

»Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?«

Dann gibt es letzte Sätze, die der Anfang zu etwas Neuem sind:

»Puh! Der Trip beginnt.« (Charlotte Roche, Schoßgebete)

»Mit ein wenig Hilfe schaffte sie es jetzt auch alleine aufzustehen.« (Paolo Giordano, Die Einsamkeit der Primzahlen)

»Er befestigte ein Ende der Schnur am Knöchel und machte sich auf in die Dunkelheit.« (José Saramago, Alle Namen)

Andere letzte Sätze schließen lapidar die Handlung ab:

»›Ich war nur beruflich unterwegs‹, sagte ich. ›Aber jetzt bin ich wieder hier.‹« (Simon Beckett, Leichenblässe)

»›Ich komme‹, antwortete er ihr und kehrte der Aussicht den Rücken.« (Salman Rushdie, Die Satanischen Verse)

»›Nein, nichts mehr‹, sagte Brunetti und legte den Hörer auf.«

(Donna Leon, Schöner Schein)

»Stiller blieb in Glion und lebte allein.« (Max Frisch, Stiller)

W.G. Sebald schreibt meisterhaft und gleichzeitig lapidar:

»Ich las am Wassergraben der Festung in Breendonk das fünfzehnte Kapitel von Heshel’s Kingdom zu Ende, und machte mich dann auf den Rückweg nach Mechelen, wo ich anlangte, als es Abend wurde.« (Austerlitz)

Und dann gibt es letzte Sätze mit klarer Kitsch-Anmutung:

»›Das ganze Leben‹, sagte er.« (Gabriel García Marquez, Die Liebe in den Zeiten der Cholera)

»Diesmal würde es für immer sein.« (Carlos Ruiz Zafón, Der dunkle Wächter)

Zum Ende hin

Autobiografien sind etwas Besonderes. Von Rudyard Kipling habe ich schon öfter gesprochen, und das Buch über sein Leben, Something About Me, endet mit einem tragischen Akkord:

»Links und rechts vom Tisch waren zwei große Globen, auf denen der Große Flugreisende einst mit weißer Farbe jene Flugrouten in den Osten und nach Australien ausgewiesen hatte, die bereits vor meinem Tod weidlich benutzt wurden.«

Das Buch erschien kurz vor Kiplings Tod, 1936. Er hätte auch schreiben können: die bereits weidlich benutzt werden. Alles, was geschieht, findet ja vor unserem Tod statt. Im Original steht: »... which were well in use before my death.« Kipling hatte ihn gewissermaßen schon auf der Rechnung, den Tod, und er hielt es wohl für angemessen, seine Autobiografie mit dem allerletzten Wort enden zu lassen.

Tragisch auch, wenn wir im Tristram Shandy von Laurence Sterne die Fußnote 5 lesen, nach dem Satz »The End of the Ninth Volume«: »Sterne did not live to continue the book.« (»Sterne konnte dieses Buch nicht mehr weiterführen.«)

Aber der Tod ist ja nur eine Verwandlung und nicht das Endgültige, mit dem er bei uns konnotiert ist; wir sollten das Wort nicht so häufig verwenden. Größer als der Tod ist die Liebe, und Dante Alighieri, der Liebeslyrik schrieb und zum Orden der Fedeli d’Amore gehörte, hat das gewusst, darum ließ er seine Göttliche Komödie nach dem 99. Canto mit der folgenden Zeile enden (und Thomas Mann, oben zitiert, ließ sich vielleicht davon inspirieren):

»l’amor che move il sole e le altre stelle.«
(»… die Liebe, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt.«)

Die Liebe, gesehen in Südschweden (Foto: Manfred Poser)

Der letzte kurze Satz in Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel lautet: »Es ist so schön.« Das erinnert an die letzten Worte von Prominenten, die auf eine jenseitige Welt weisen.

Die englische Autorin Elizabeth Barrett Browning (1806‑1861) soll in ihrer letzten Minute gesagt haben: »Es ist schön.« Die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson (1830‑1886) äußerte: »Ich muss hineingehen! Der Nebel hebt sich.« Und wenn der Nebel verschwunden ist, wird es klar und hell, und das hat vielleicht auch Johann Wolfgang von Goethe gesehen, als er ausrief: »Licht, mehr Licht!«


 

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