Liebe Frau Radisch, ...

Ein öffentlicher Brief an die Autorin des Buches »Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden«

Liebe Frau Radisch, vergangenen Dienstag war ich bei Ihrer Lesung auf der lit.COLOGNE. Die Veranstaltung hieß »Frauen, Kinder und Karriere«, und Sie haben aus Ihrem neuen Buch »Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden« vorgelesen. Am besten gefallen hat mir, neben der tollen Atmosphäre des Ortes, der KulturKirche Köln, dass Sie sich so aufgeregt haben. Dass Sie empört waren und Ihre Stimme erhoben und wild gestikuliert haben, als Sie anschließend mit der Schriftstellerin und alleinerziehenden Mutter Julia Franck über die ideologisch durchtränkten Schreibtischdebatten in den Zeitungen der letzten Monate diskutierten. Ich finde nämlich, Aufregung tut an dieser Stelle gut. Wir sind heute viel zu wenig entrüstet angesichts so mancher Äußerungen vieler Frauen und Männer zum Thema Frau- und Mannsein, Mutter- und Elternschaft, Geschlechterrollen. Dieser Meinung war wohl auch das Publikum, das als Reaktion auf Ihre Argumente und emphatischen Feststellungen immer wieder spontan dazwischenapplaudierte. Wir scheinen uns also alle einig zu sein in dieser Diskussion (Sie schreiben: »Wir alle«, das seien diejenigen, die »bei klarem Verstand sind«): Thesen einer Eva Herman, die als wohlgemerkt Nachrichtensprecherin und Talkshow-Moderatorin wohl eher selten ihren Kindern das Gute-Nacht-Liedchen vorgesummt hat, aber dennoch vor den bösen Auswüchsen ebenjener Bewegung warnt, die sich Emanzipation nennt und genau ihr ermöglicht hat, ein solches Buch überhaupt schreiben zu können, oder die Ideen eines Phillip Longman, der uns die Rückkehr des Patriarchats schmackhaft machen möchte (denn patriarchalische Strukturen bedeuteten den reinsten Kindersegen für unsere ach so überalterte Welt), zeugen höchstens von dem verzweifelten und dummen Versuch, ein Idyll zurückzufordern, das es als solches nie gab. Denn die Vorstellung desselben (Mami wartet mit den Kindern im sonnendurchfluteten Garten, den warmen Schokopudding anrührend, auf Papi, der Abends von der Arbeit nach Hause kommt und sich an der psychischen Gesundheit seiner bestens bemutterten Kinderlein erfreuen kann) beruht schlicht auf Strukturen, die viele Frauen unterdrückt haben. Das ist längst durchschaut und vielfach diskutiert. Doch wo heute wieder aufgerollt wird, was eigentlich längst als abgeschafft und begraben gilt, sind solche Sätze möglicherweise wieder wichtig. Sie schreiben: »Machen wir es kurz und deutlich: Die Vorlieben der überwältigenden Mehrzahl der Männer für die sozial unterlegene Weiblichkeit sind barbarisch und für die Frauen tief beschämend und demütigend.« Solche unbequemen Sätze (weil reich an hartem Vokabular) finden sich öfter auf Ihren 187 Seiten und machen vor allem eines deutlich: Weder von realer Gleichberechtigung, noch von Ideologiefreiheit kann schon die Rede sein. Sie sagen ja selbst: »Bei Müttern gehen die Rechnungen anders.« Wo Frau sich zwischen Arbeit und Familie aufreibt, vom Meeting zum Stockbrotbacken im Kindergarten düst, oder sich, so wie Sie es aus Ihrem Alltag schildern, mit krankem Kind in den Zug setzt, selbiges dann Oma und Opa in den Arm legt (man könnte vermuten: gehetzt wirft), zurück zur Arbeit eilt – und nebenbei noch mit dem schlechten Gewissen kämpft -, da ist von Gleichheit gegenüber dem Arzt, der seine Operation nicht vertagt, dem Anwalt, der seinen Prozess nicht verschiebt, dem Regisseur, der seine Premiere nicht ausfallen lässt, nicht viel zu spüren. Mama wird das grippige Kind schon richten. Und Papa erobert indessen die Welt. Das ist ungerecht, und deswegen, Frau Radisch, ist Ihre atemlose Empörung absolut angebracht. Frau Franck, in ihrer ruhigen, besonnen anmutenden Art, gab in der Diskussion mit Ihnen zu bedenken, sie wolle sich nicht vorstellen, dass Männer nicht an ihren Kindern interessiert seien. Und ich muss ehrlicherweise von einem Großteil an männlichen Freunden berichten, die mir, statt den patriarchalischen Macho zu geben, in ernstem Ton versichern, wie schmerzhaft es für Männer sei zu wissen, dass sie niemals in der Lage sein werden, ein Kind zu gebären. Wo die Frauen unaufhaltsam voranschreiten und sich endlich erobern, was ihnen längst seit Anbeginn der Zeit zugestanden hätte, verbleibt diese vielleicht letzte und unauslöschliche Ungerechtigkeit, dass der Mann die Erfahrung, ein Kind austragen und es stillen zu können, niemals machen wird.

Iris Radisch: Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden Zwischen diesen beiden Polen, so mein Eindruck beim Lesen, bewegen Sie sich auch in »Die Schule der Frauen«: Einerseits sind wir im 21. Jahrhundert an dem Punkt angekommen, an dem wir sagen können: Nie ging es uns so gut, nie hatten Frauen mehr Chancen und Möglichkeiten, alte, männlich diktierte Strukturen abzustreifen und sich auf einen eigenen Weg zu machen. Patriarchat ade! – oder, in Ihren Worten: »Die Heldenfamilie, in der Weib und Kinder um den alle ernährenden und treusorgend leitenden Patriarchen kreisen, ist mit dem letzten Jahrtausend in unserer Weltgegend endgültig ausgestorben.«. Andererseits schwingt eben doch auf jeder Seite Ihres Buches ein oft böser, manchmal bitterer Unterton mit, der eben von jenen Alltagsgeschichten erzählt, in denen sich die Krux (oder vielmehr: Mär) von der so leicht postulierten, jedoch völlig unrealistischen »Vereinbarkeit« von Kind und Karriere einfach nicht in Wohlgefallen auflösen mag: »Wir können die Rechnung so oft rechnen, wie wir wollen. Es kommt immer dasselbe dabei heraus: Einer zahlt in diesem Leben einen Preis. Wenn es nicht die Eltern sind, ist es das Kind. Und wenn es die Eltern sind, ist es die Mutter. Man stößt sich den Kopf wund an diesem Problem und fragt sich irgendwann entnervt: Ist die Welt wirklich so eng? Fällt uns denn nichts Besseres ein?« Sie meinen: Nichts Besseres als Kinderkrippen schon für neun Monate alte Babys, nichts Besseres als »All-inclusive-Ganztagsschulen« und vor allem (!) nichts Besseres als gut ausgebildete Frauen, die auf das »Zauberwort«, mit dem »Familien-Ideologen« sie »geködert« haben, hören, und sich im Halbtagsjob der Entsagung anheimgeben - heißt: Sie verzichten auf die Hälfte ihrer Arbeitsstelle, ihres Rentenanspruchs, ihrer beruflichen Entwicklungschancen und ihres Gehalts. Da muss ich Sie schon wieder zitieren mit einem Satz, der in Ihrem Buch gefühlte 20 Mal auftaucht: »So kann es nicht weitergehen.« Es ist ja nicht so, dass Sie gegen Kinderkrippen und Ganztagsschulen sind, im Gegenteil, schließlich hätten Sie ohne diese plus zusätzlich privat finanzierte Betreuung durch ein reizendes Kindermädchen dieses Buch nicht schreiben können. Geschweige denn wären Sie Redakteurin bei der Zeit. Das Problem beschlich Sie in dem Augenblick, so beschreiben Sie das sehr nachvollziehbar, als Sie feststellen mussten, dass Sie nicht wissen, was Ihre Kinder gerade in der Schule lernen, welche Freunde sie haben, was sie traurig macht, ob sie schon lesen können. Sie finden es für Mütter wie Väter gleichermaßen bitter, mit ihren Kindern keine Zeit verbringen zu können, schlicht weil das Arbeitsleben es nicht gestattet und bedauern, dass im Laufrad zwischen Arbeitswelt und straff durchplanter »Quality Time« mit den Kindern am Wochenende (zwischen Freizeitpark, Kino, Popcorn und Pommes, die wieder wettmachen sollen, wofür unter der Woche nie Zeit ist) die Liebe und der gelebte Augenblick ganz verloren gehen. Vielleicht klingt es kitschig, wenn Sie den Alltag mit Kindern als »Glück vieler unverhoffter, manchmal epiphanischer Augenblicke« beschreiben, doch gewinnen solche Worte, aus dem Buch gelöst und von Ihnen selbst gesprochen, an Echtheit und Authentizität. Sie haben Recht, wenn Sie beklagen, dass in dieser Debatte von Liebe leider viel zu wenig die Rede ist, und dass es in unserer durchgestylten Welt keine Sprache für das Glück mit Kindern gibt. Lösungen also müssen her, und zwar pragmatische, realistische. Und die können sich eben nicht im rein privaten Bereich vollziehen, sondern sind eine Aufgabe, der sich die Gesellschaft stellen muss, wenn sie nicht die nächsten Jahrzehnte über Kindermangel quengeln möchte. Genau da liegt natürlich auch die Schwierigkeit, wer ist schon die Gesellschaft, doch wohl eher die anderen. Oder was meinen Sie, wie Herr di Lorenzo reagiert, wenn Sie ihm vorschlagen, 20 weitere Redakteure und Redakteurinnen einzustellen, um die zu erledigende Arbeit bei der Zeit mit 2/3-Stellen auf mehrere Schultern zu verteilen und so jedem zu ermöglichen, mindestens zwei Nachmittage ab 15 Uhr zuhause mit den Kindern verbringen zu können? Sie selbst sagten ja, und Ihre Stimme hallte nachdrücklich in der KulturKirche: »Kinder sind keine reine Privatsache«. Voranschreiten müssen eben gerade solche Organe wie die Zeit, um zu zeigen, dass Lösungen jenseits des Hausmütterchen- und Karriere statt Kinder-Prinzips möglich sind. (Lieber Herr di Lorenzo, sollten Sie das hier lesen: Verstehen Sie diese meine Zeilen gerne als eine Aufforderung!)

Was mir natürlich gut gefallen hat an Ihrem Buch – und auch an Ihren sehr eindringlichen Abschlussworten auf der lit.COLOGNE - ist Ihr Optimismus auf den letzten Zeilen. Sie glauben nämlich, dass sich dieses Problem schon allein deswegen lösen wird, weil es gar nicht anders geht. Wir werden also, mal wieder, schlicht nach dem Prinzip der Ökonomie handeln, das uns irgendwann unausweichlich dazu zwingen wird, weder auf Kinder, noch auf Arbeitskraft zu verzichten. Trotz aller Zustimmung muss ich Ihnen jetzt aber doch noch einige Punkte nennen, die mir in Ihrem Buch leider negativ auffielen und in meinem zustimmenden (und ebenfalls aufgeregten) Gesichtsausdruck beim Lesen für enttäuschte Züge um die Mundwinkel sorgten. Denn obwohl ich zu diesem Thema lange nichts so Ehrliches und Realistisches (das verdanken Sie Ihrer guten Beobachtung) gelesen habe, schaffen leider auch Sie es nicht, einige Klischeenäpfchen zu umgehen. Zum Beispiel frage ich mich, wieso Sie Ihr Buch »Die Schule der Frauen« nennen? Betreiben Sie damit nicht genau jene Zentrierung der Debatte um die Frau, die Sie doch so bemüht sind zu bekämpfen? In Ihrem kürzlich in der Zeit erschienenen Artikel mit dem schlichten aber wirkungsvollen Titel »Männer!« hatten Sie doch so schön vorgemacht, wie die Diskussion eben auch ablaufen könnte, nämlich mit Blick auf die Männer, die herausgefordert sind, Vaterschaft authentisch und wahrhaftig zu leben. Richtig ärgerlich wird es aber dann an den Stellen, an denen Sie zwar möglicherweise sehr treffende Beobachtungen zu bestimmten Beziehungsmodellen machen, diese aber, wie ich finde, völlig unangemessen bezeichnen. Das Modell, nach dem der Mann Karriere macht, die Frau indessen die Kinder großzieht, und schließlich der ergraute Mann, eine »schwer vermittelbare Ex-Gattin« zurücklassend, gen junger, attraktiver Geliebter abzuckelt, nennen Sie »Pilati-Modell« - nach Rudolf Scharping und der Gräfin Pilati. Das Modell, bei dem der Mann sich in regelmäßigen Abständen eine mindestens 15 Jahre jüngere Frau sucht, und das mehrfach hintereinander, nennen Sie »Doris-Modell«, mit Anspielung auf Altkanzler Gerhard Schröder. Warum, um Himmels Willen! sind solche Schemata, die die Unbeständigkeit männlicher Beziehungen zum Inhalt haben, nach den Frauen benannt? Finden Sie das nicht auch außerordentlich demütigend für all die verlassenen Frauen und Mütter? Hier, verehrte Frau Radisch, geht es um nichts Geringeres als die Rhetorik, mit der wir diese Debatte zu führen gedenken. Da Sprache Wahrheiten - oder eher: Realitäten - schafft und transportiert, halte ich es für ein unausweichliches Muss, die Worte solcherart zu verwenden, dass sie das System, welches sie zu bekämpfen vorgeben, nicht heimlich wieder unterstützen. Liebe Frau Radisch, wenn ich es mir genau überlege, würde ich auch gern ein Buch zu diesem Thema schreiben. Es gäbe ja noch so viel zu sagen. Ich weiß aber, dass Sie drei Kinder und einen außerordentlich anspruchsvollen und zeitaufwendigen Beruf haben, und deswegen habe ich Verständnis dafür, dass Sie nicht noch weitere drei Seiten meines Briefes lesen könnten. Also setze ich hier, mit noch viel Ungesagtem im Kopf, einen Punkt und grüße Sie herzlich. Ihre Anna-Lena Scholz

 

Iris Radisch: Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden. München: DVA 2007. 187 S. ISBN 978-3-421-04258-3. 14,95 Euro.

 

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