Ausbruch aus der Blase

Kathrin Weßling war mit ihrem Roman Super, und dir? zu Gast bei Import/Export in Bonn

Am vergangenen Montag stellte Kathrin Weßling ihren Roman Super, und dir? in der Literaturshow Import/Export in Bonn vor. Während der 15. Show mit Moderator Dorian Steinhoff und seinem Sidekick Dennis Laubenthal in der Fabrik 45 wurde nicht nur das Buch besprochen, sondern auch Themen wie Social Media und Depressionen diskutiert. Wie gehabt machten alternative Romananfänge, lyrische Beiträge und spontane Buchideen den Abend einmal mehr zu einer unterhaltsamen und äußerst lockeren Veranstaltung.

Sofort zu Beginn wird Kathrin Weßling auf ihre Social Media Präsenz angesprochen. Sie sei sehr aktiv in den sozialen Netzwerken unterwegs, heißt es. Wie ist es da möglich, nebenbei noch ein Buch zu schreiben? Weßling erläutert, dass sie Bücher »eher so in 2 Monaten« schreibt, in denen sie sich dann etwas zurückzieht, aber auch nicht zu viel. »Online sein hilft«, sagt sie und erklärt, dass Social Media für sie erholsam ist. Dabei bezieht sie sich auf den Unterschied zwischen Eskapismus und Partizipation: nicht das passive Scrollen und die Flucht aus der realen Welt ist für sie entspannend, sondern das Lesen und Teilnehmen. Weßling meint, je mehr man liest, sich mit Themen auseinandersetzt und aktiv an Diskussionen und Gesprächen beteiligt, desto besser kann man schreiben. Außerdem bieten soziale Medien für sie eine Möglichkeit, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen und nicht ständig in ihrer »eigenen Suppe zu schwimmen«. Ohne Social Media fühle sie sich müde und gefangen in ihrer »bubble«, behauptet sie. Lachend fügt Weßling hinzu, Twitter und Instagram seien super, da sie dadurch nicht in Wirklichkeit rausgehen und mit Menschen kommunizieren muss.

Auch die Protagonistin in Super, und dir? hat einen starken Bezug zu Social Media: Marlene ist eine 31 Jahre alte Perfektionistin und macht ein Volontariat als Social Media Managerin. Schnell wird klar, dass zentrale Aspekte des Buches mitunter Drogenkonsum und Arbeit sind, insbesondere die Verbindung dieser beiden Aspekte. Marlene ist ständig berauscht, nimmt täglich Ritalin und Speed um zu funktionieren. Sei aber alles nicht so schlimm, denn »Ritalin ist Medizin, das nehmen sogar Kinder«. Laut Weßling dienen Drogen zur Kompensation und die Protagonistin kompensiert alles, aber vor allem sich selbst, mit Rauschmitteln. Alles, was zählt, ist die Arbeit und wie man sich integrieren kann – und es ist nie genug. Inspiriert wurde Weßling von ihrem Umfeld: sie kenne sehr viele Männer und Frauen, die zwar 1000%-ige Leistung erbringen, aber trotzdem nie zufrieden sind. Irgendwo ist Arbeit ja auch wie eine Droge, denn »wenn man arbeitet, muss man nicht nachdenken«, - außer natürlich an die Arbeit selbst - so die Autorin.

Drüberleben und »die Geschichte einer Selbstermächtigung«

Die Stimmung wird etwas ernster, als das Thema Depressionen angesprochen wird. Zu Weßlings erstem Buchvertrag kam es durch ihren Blog Drüberleben, der von ihren Depressionen handelte. Neun Jahre ist das nun her und damals war es im Vergleich zu heute noch etwas Besonderes, öffentlich über dieses Thema zu schreiben. Weßling war mit ihrem Blog eine von 2 Personen, welche explizit online über Depressionen berichteten. Sie wurde sozusagen über Nacht berühmt, gewann den Bloggerpreis und schließlich wurde sogar eine Literaturagentur auf sie aufmerksam. Der Titel ihres ersten Buches ist zwar auch Drüberleben, doch Weßling war wichtig, dass es eine eigene Geschichte erzählt. Sie empfand es als peinlich, ihre bereits online vorhandenen Texte bloß auf Papier zu übertragen, weshalb nichts aus dem Blog in das Buch eingeflossen ist. Für Weßling ist Drüberleben das perfekte Wort, um Depressionen zu beschreiben: es beinhaltet einerseits das »über Allem schweben« und nichts oder nur schlechtes zu empfinden, andererseits den Versuch einfach nur zu »Überleben«. Auf die Frage, ob das Schreiben bei Depressionen hilft, antwortet die Autorin mit einem klaren nein, denn »Schreiben ist keine Therapie«. Sie erklärt, dass man in einer schweren Depression kein Buch schreibt, da einem schon alltägliche Dinge wie duschen oder essen schwer fallen. Drüberleben entstand in einer leichten bis mittleren depressiven Episode, und sogar da gab es aufgrund ihres Zustands viele Verzögerungen, da es schwierig für sie war in diesem Zustand einen Zeitplan einzuhalten. Heute geht es Weßling besser und sie kann jetzt endlich »normal funktionieren«, was vor allem an ihrer ADHS Diagnose vor einigen Jahren liegt. Seitdem ist sie in medikamentöser Behandlung und weiß nun, dass die Depressionen damals daher kamen. Ihren Weg beschreibt Dorian Steinhoff als »die Geschichte einer Selbstermächtigung« und erntet dafür lauten Applaus.

Weßling liest besonders emotional und lebhaft aus ihrem Roman vor. Im ersten Textabschnitt erfahren wir alles über das »Doppelleben« der Protagonistin. Nach Außen hin ist sie perfekt, immer top gestylt, leistet gute Arbeit und wird als »Little Miss Perfect« von ihrer Arbeitskollegin bezeichnet. Doch innerlich wirkt sie  zerrissen, unzufrieden und verzweifelt. Sie ist wütend, dass sie es nicht schafft glücklich zu sein obwohl sie doch »das Richtige« macht: arbeiten, socialisen, networken, funktionieren und einfach ein guter Mensch und nützlicher Teil der Gesellschaft sein. Durch Weßlings hitziges Vortragen kann man förmlich spüren, wie aufgewühlt die Protagonistin ist, während ihr tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf schießen. Auf diesen rasanten Ausschnitt folgt ein interaktives Spiel, welches die Situation sehr auflockert. Zu den Werken Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll, Es von Stephen King und Homo faber von Max Frisch werden jeweils 3 verschiedene Romananfänge vorgetragen. Davon ist eines das Original, eines von Weßling und eines von Steinhoff – das Publikum soll dann abstimmen, welcher Romananfang das Original ist. Kein einziges Mal gelingt es der Autorin und dem Moderator das Publikum zu täuschen, was für viele Lacher sorgt. Nachdem das Gedicht Der Zweifler von Bertold Brecht vorgetragen wurde und alle wieder etwas zur Ruhe gekommen sind, folgt das Spiel the plot is hot. Dabei muss sich Weßling spontan anhand von vorgegebenen Aspekten wie Protagonist, Titel, Zeit der Geschichte, Genre und Motiv einen Plot ausdenken. Natürlich geht es auch hier wieder um Social Media, diesmal jedoch ganz ironisch: Weßlings Geschichte handelt von einer Netzfeminsitin, die sehr aktiv auf Twitter ist, als Opfer eines Shitstorms schließlich sogar enführt und dann aber von Ulf Poschardt im Cabrio gerettet wird.

Das Ende der Veranstaltung folgt unmittelbar nach dem zweiten Textausschnitt, welcher von fragwürdigen Marketingstrategien im Social Media handelt und erneut lebhaft, fast sogar wütend, von Weßling vorgetragen wird. Allgemein hat man den ganzen Abend über das Gefühl, mit Freunden zusammenzusitzen. Weßlings lockere und authentische Art, sowie Steinhoffs und Laubenthals humorvolle aber auch einfühlsame Einwürfe tragen dazu bei, dass der Abend trotz der Ernsthaftigkeit manches Themas dennoch rasant und locker bleibt. Eine Mischung aus Unterhaltung, Literatur und Lesung macht das Format auch bei der 15. Folge der Literaturshow im Rheinland wieder zu etwas Besonderem.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!