Müssen wirklich alle mit?

Der übliche Weg, neue Musik kennenzulernen, ist wohl das Radio oder Musikfernsehen - gangbar zumindest für diejenigen, die sich durch nervtötendes Gedudel, das π ∙ Daumen 90% des Programms ausmacht, nicht abschrecken lassen. Sicher, daneben gibt es noch die bekannten Musikmagazine, die es sich mittlerweile lobenswerterweise auch zur Aufgabe gemacht haben, ihren Heften CDs beizulegen und somit nicht nur über Musik zu berichten, sondern sie auch hörbar vorzustellen. Leider findet man aber auch hier immer wieder die gleichen Todläufer. Was beim Rolling Stone einst unter dem Titel "New Voices" Musik an den Leser brachte, wird bei fortlaufender Nummerierung mittlerweile als "New Noises" weitergeführt. Tatsächlich enthielten nach einiger Zeit die CDs oft nur noch neue Songs bereits bekannter Stimmen. Um an neue Musik zu kommen, hilft am schmerzfreisten also nur zweierlei: entweder nette Leute, die anderes kennen, oder neue Magazine mit anderen Lieblingskünstlern. Doch bei aller Liebe zur Vielfalt kommt im allgemeinen das Deutschsprachige ein wenig kurz. Dem Abhilfe zu schaffen, gibt es mittlerweile im dritten Jahr pünktlich zum Sommer die Deutschpoprundschau Müssen alle mit (Tapete Records). Der derzeit recht hohen Deutschpopquote geschuldet, findet das Projekt mit Perfekte Welle – Musik von hier (Universal), German Connection (Edel Records) und Neudeutsch (EMI) sogar eine gewisse Konkurrenz. Bei diesen aber sind Lieder versammelt, die dem Radiokenner sicherlich schon aus den Ohren quillen. Müssen alle mit hingegen versucht eine Mischung herzustellen, die auch auf den Entdeckereffekt setzt. Auf der aktuellen Nummer 3 der Sampler-Serie befinden sich Veröffentlichungen der letzten beiden Jahre. Hier sind neben jungen Bands auch 'Klassiker' der neuen deutschen Musik wie Tocotronic und Fink versammelt.

Über eine Sammlung kann man immer irgendwie urteilen: dem einen fehlt dies, dem anderen ist das zuviel. Aber darum geht es nicht. Denn weder will dieser Sampler ein repräsentativer Querschnitt durch das musikalische Schaffen deutscher Indiebands sein, noch das Musikbedürfnis letztgültig befriedigen. Entdeckung ist gefragt, und ja – es geht auch um ein Lebensgefühl. So ist es auch zu verzeihen, dass die Bilder des Booklets nicht wirklich zur Musikauswahl passen. Vergilbte Fotos aus den 70ern/80ern haben wenig mit Bands wie Klee oder Kolkhorst zu tun, die sich in der gegenwärtigen Popmusik wohlfühlen. Viele Tracks haben mit dem Zeitgeist wenig gemein. Weder sind sie beschwingt fröhlich wie Wir sind Helden und Co., noch sind alle so monoton-leierig gesungen wie das "Hamburger Schule"-mäßig Die Sterne oder Tocotronic auf der CD vorführen. Was ich jedoch ein wenig vermisse, ist das exklusiv Eigene. Selbst von der großartigen Band Fink ist mit "Dies für Dich" kein Song, den man auch in einigen Jahren noch interessiert hören wird, vertreten, obwohl das Herkunftsalbum Bam Bam Bam das allemal anbieten würde. Viele Lieder auf diesem Sampler klingen beliebig, poppig oder gar kitschig. Hier scheidet sich eindeutig Rock von Pop. Doch leider muss man erst einiges über sich ergehen lassen, um schließlich etwa bei Von Spar oder Michel van Dyke hängen zu bleiben. Bei "Unsere Band ist am Ende" von Bernd Begemann & die Befreiung rettet die Ironie des Textes das Lied knapp, was bei Teles "Es kommt ein Schiff" völlig misslingt: "Fang mit deiner Arbeit an. Und nehmen wir mal an, es geht alles schief, sing ein Lied, wenn du weißt, wie das geht. Es geht ah ha ha es geht uh hu hu. Und jeder wird dich lieben und auf Händen tragen dafür." (hier zum Selberhören) Was so eine Sammlung sicherlich nicht braucht ist ein Vorwort, das nichts über die Bands und die Musik erzählt. Sebastian Tim von Tapete Records, dem Herausgeberlabel, erzählt von seinen frühen Musikbegeisterungen für Rondo Veneziano und dem Video, das Silvester 1993 mit ihm in der Rolle des Meat Loaf gedreht wurde. Dann lieber keine Worte - dafür aber wenigstens richtige Quellenangaben, denn wen interessiert, von welchem Album das ein oder andere Lied stammt, muss im Plattenladen selber recherchieren. (Sofern es den in der Stadt überhaupt noch gibt: In Bonn zum Beispiel kommen auf einen 32.000 Einwohner.) Kein Hinweis, der neugierig machen könnte, keine weiteren Worte über die beteiligten Bands - stattdessen wird mitgeteilt, welche Plattenfirma die "freundliche Genehmigung" für die Veröffentlichung des jeweiligen Liedes gegeben hat. Mehr Musik von Von Spar, Samba und ähnlich guten Bands hätte das peinliche Vorwort schon verzeihlich machen können. Leider geht es auf diesem Sampler aber meist refrainlastig poppig zu. Da bleibt kein Auge zugedrückt und nur für zwei, drei Bands die Hoffnung, dass der ein oder andere Hörer den langen Weg in den Plattenladen auf sich nimmt und das Radio dann eine Plattenlänge qualitätsvoll schweigen lassen kann. Müssen alle mit 3. Hamburg: Tapete Records, 2005. Ca. 79 min. Spielzeit. Ca. 18,- Euro. Tapete Records im Internet: www.tapeterecords.de

Wie wenig das

Wie wenig das Deutschsprachige in Deutschland beachtet wird, zeigt sich vor allem in diesen Tagen, da die erste CD von Der Bote nicht hierzulande, sondern mangels Interesse hiesiger Firmen in Rußland erschienen ist. Außerhalb der Grenzen der ehemaligen UdSSR ist sie nicht zu bekommen - und das, obwohl Sänger Boris Delic von diversen Metal-Größen wie Victor Smolski oder Sascha Gerbig von Lacrimosa begleitet wird und, wie sein Gästebuch zeigt, Fans aus (ja, tatsächlich:) aller Welt seit Jahren darauf warten, endlich seine nicht dudelfunkkompatible Debüt-CD kaufen zu können.

 

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