Manfred von Hohenstaufen

Manfred Poser erzählt das Leben des Königs von Sizilien, des berühmten Sohnes von Stauferkaiser Friedrich II.

Seit ein paar Jahren verfolgt mich der Gedanke, eine Zeitlang in Manfredonia in Apulien leben zu wollen, an der Adriaküste. Nun, da dieser Beitrag erscheint, bin ich vielleicht gerade dort, jedoch auf der Durchreise; oder schon wieder weg. Warum sollte Peter nicht in St. Petersburg leben oder Heide in Heidelberg? Statt sich von den Gegebenheiten leiten zu lassen, würde man dem Gleichklang den Vorzug geben wie der Lyriker, der sich dem Reim unterwirft (dazu mehr in 14 Tagen). Wörter besitzen Magie, unser Name ist ein untrennbarer Teil unserer Persönlichkeit, und ich halte es nicht für unmöglich, dass die Gesetze der Welt nicht nur der Logik folgen, sondern auch dem Wohlklang und der Ähnlichkeit.

 

Kastell Manfredonia
Das Kastell in der von Manfred gegründeten Stadt an der Adriaküste (aus Gregorovius: Wanderjahre in Italien, 1937)

 

Der deutsche Historiker Ferdinand Gregorovius, der die Geschichte Roms im Mittelalter dargestellt hat, ist 1875 nach Manfredonia gereist. Da stand »in dunkler Majestät der Garganus, jetzt als riesiges Vorgebirge in das Meer gelagert – zu seinen Füßen am Golf eine kleine Stadt mit einem altersgrauen Kastell und einem Leuchtturm am Hafen, worin ein paar schwarze Segelschiffe ankerten. Alles dies überflattert von Gewölk und Windessausen. Da riefen wir jubelnd den Namen Manfred von Manfredonia!« (aus: Wanderjahre in Italien, 1856–1877)

 

Der Lieblingssohn

Schon mein Vater hieß Manfred. Er kam 1927 zur Welt, als Deutschland noch den schneidigen »roten Baron« verehrte, Manfred von Richthofen, der nach 80 Luftsiegen am 21. April 1918 abgeschossen wurde und sein Leben verlor, das nur 26 Jahre gedauert hatte. Davor gab es den Einsiedler Manfred von Riva am Luganer See in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Doch mir geht es um den berühmtesten meiner Namensvettern: Manfred von Hohenstaufen. Er gründete das römische Sipontum neu und gab ihm seinen Namen. Manfred wurde 1232 geboren und starb am 26. Februar 1266 bei der Schlacht von Benevent, wurde also 34 Jahre alt. Und ich lebe schon zwei Jahrzehnte länger als er. Aber was für ein Leben er hatte! Manfred war der Lieblingssohn des großen Stauferkaisers Friedrich II., den sie stupor mundi nannten, »das Staunen der Welt«. Der Sohn entsprang Friedrichs Verbindung mit Bianca Lancia. Er wuchs im Schloss von Trani an der apulischen Küste auf und lebte später auf Castel del Monte im Landesinneren. Ende Februar, 735 Jahre nach Manfreds Tod, endete in Mannheim die Ausstellung Die Staufer und Italien. Schon 1977, das Jahr des 25-jährigen Bestehens Baden-Württembergs, war ein Stauferjahr gewesen. Auch damals gab es eine Ausstellung, zu der Karl J. Svoboda ein Heft über Manfred von Hohenstaufen, den König von Sizilien, veröffentlichte. Da erfahren wir viel über den Helden, den Dante im dritten Gesang des Purgatoriums so darstellt: »Biondo era, gentile e di bel aspetto.« Blond war er also, freundlich und von gutem Aussehen.

 

Der König von Sizilien auf einem Buchumschlag
Der König von Sizilien auf einem Buchumschlag.

 

»Der liebenswürdige junge Mann mit dem langen blonden Haar gewann im Flug die Herzen seiner Mitmenschen«, lesen wir. Manfred schätzte wie sein Vater die Jagd, die schönen Künste und die Wissenschaft. Für die Thronfolge war er nicht vorgesehen; das sollte Konrad IV. übernehmen, sein Halbbruder. Nur starb Konrad schon 1254 an der Cholera, vier Jahre nach dem Tod des großen Stauferkaisers, und so wurde Manfred König. Friedrich hatte sein Leben lang gegen die Päpste gekämpft, und sein Sohn hatte während seiner zwölf Jahre als staufischer Regent (1254–1266) nacheinander vier Stellvertreter Christi gegen sich. Er nimmt ohne Probleme Lucera, wobei ihm der Normannenschatz des Königreichs Sizilien in die Hände fällt. Dann besiegt er bei Foggia ein päpstliches Heer und ist 1257 unangefochten als Herrscher anerkannt. Der Freund der schönen Künste hat sich durchgesetzt. Am 10. August 1258 wird Manfred in Palermo zum König von Sizilien gekrönt. Svoboda schreibt: »Der Hof König Manfreds war glänzend. Dichtkunst und Wissenschaft hatten dort einen vornehmen Rang. Manfred selbst war in diesen Wissenschaften und auch in den Künsten zuhause.« Der junge König soll sogar eine Meditation über die letzten Dinge verfasst haben. In Lucera umgab er sich mit Arabern, weshalb man ihn den »Sultan von Lucera« nannte. Er soll dort auch Wahrsager angestellt und einen Harem unterhalten haben. Gerüchte!

 

Manfred in einer historischen Darstellung
Manfred in einer historischen Darstellung (aus Svoboda: Manfred von Hohenstaufen, 1975)

 

Manfreds Ende: das Ende des Staufergeschlechts

Er heiratete in zweiter Ehe Helena Comnena, Tochter von König Michael II. aus Epirus. Daraus entsprangen die Kinder Beatrix, Enrico, Friedrich und Azolino. Papst Urban IV. (1261–1265) belehnte den bösen Karl von Anjou mit dem Königreich Sizilien, und plötzlich gab es zwei Könige! Urbans Nachfolger Clemens IV. krönte Karl am 26. Januar 1266 zum König, einen Monat später treffen sich die Kontrahenten mit ihren Heeren zur Entscheidungsschlacht bei Benevent. Manfred stirbt. Sein Körper wird verscharrt, wieder herausgeholt, woanders hingeworfen. Diese Niederlage war gleichbedeutend mit dem Untergang der Hohenstaufer, und die Enthauptung Konradins, Konrads Sohn, in Neapel war der allerletzte Schlusspunkt. Königin Helena und ihre Kinder versuchten nach der Schlacht, sich von Trani aus einzuschiffen. Sie wurden verraten. Helena starb nach vier Jahren Haft bei Salerno im Alter von 29 Jahren. Beatrix kam nach 18 Jahren frei, die Söhne verschmachteten im Kerker. Bis an ihr Lebensende, etwa 40 Jahre, vegetierten sie dahin, in Ketten und bei notdürftiger Ernährung. Die unendliche Grausamkeit, drei Menschen lebend verrotten, sie den Hass auf ihren Vater und dessen Geschlecht abtragen zu lassen, hat viele beschäftigt. Der blutige Machtkampf um Sizilien in den hundert Jahren zwischen 1190 und 1290 war angetan, ein tiefes Prinzip zu beschwören: Böses führt zu Bösem, vergossenes Blut bringt kein Glück. Die Normannen, die um 1090 Sizilien eroberten, verhielten sich tolerant gegenüber den Arabern, die fast 200 Jahre lang die Insel beherrscht hatten. Robert und Roger Guiscard teilten sich Sizilien. 1130 entstand das »Königreich beider Sizilien« – Apulien und die Insel. Auf den 1154 gestorbenen Roger folgten zwei Wilhelms, der Böse (1166 gestorben) und der Gute (1289). Im November und Dezember 1194 eroberte der Hohenstaufer Heinrich VI. Palermo und wütete schrecklich unter den Normannen. Das Geschlecht der Anjou herrschte nach Manfreds Untergang gleichfalls grausam über Sizilien, bis die Franzosen 1282 bei der »Sizilianischen Vesper« in einer Nacht abgeschlachtet und/oder vertrieben wurden. Gregorovius schrieb über Hohenstaufen: »Die Nemesis vollzog dasselbe Schicksal auch an ihm. Wie es die Herrschaft Siziliens mit Blut und Greueln angetreten hatte, lud es das blutige Verhängnis auf sich, und erntete eigentlich nur, was es gesät hatte. [...] Und wieder erweckte aus all diesem Blut dasselbe richtende Verhängnis den Rächer auch über das Haus Anjou in der sizilianischen Vesper.« Manfred jedoch machte sich keiner Greuel schuldig. Er liebte die Kunst. Hundert Jahre später schreibt Karl J. Svoboda:

»Das Schicksal der Familie Manfreds zeigt das Verwiesensein des Menschen über sich hinaus. Die Liebe als oberstes Prinzip der Vernunft wird in der Lage sein können, den Menschen auf einen Weg zu führen, der solche Schicksale ausschließt. [...] Der Glaube an diese Liebe wird die Brücke sein zu dem Ort, da Liebe die Macht aufhebt, zur Macht und allen alles wird.«

 

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