Mekka der Kleinkunstwelt

Prix PantheonWas hat Bonn, das es auch in Post-Hauptstadtzeiten noch bedeutend erscheinen lässt? Die Post? Gut, wir haben die Post. Die Telekom? Auch die. Rheinisches Landesmuseum, Bundeskunsthalle, einige Ministerien? Yep. Den Rhein? Jaja, schon gut, Bonn hat wirklich einiges zu bieten, auch wenn das die breite bundesdeutsche Öffentlichkeit nicht mehr so recht wahrnehmen will. Die kleine Stadt am Rhein ist noch immer bedeutend, wenn auch zugegebenermaßen nicht mehr so laut und medienpräsent wie früher. Doch was Post, Telekom und Pantheon hier in der einstigen Metropole zu Füßen des Siebengebirges auf die Beine stellen, ist heute von größerem Belang als je zuvor. Ja, Sie lesen richtig: das Pantheon! Denn zum einen ist und bleibt das Pantheon eine der führenden Kleinkunstbühnen der Republik, zum anderen, richtet es seit 1995 den einzig wahren »German-Spaß-und-Satire-Open-Wettbewerb« aus, den Prix Pantheon! © Sven von SchlachtaUm seiner Bedeutung und dem Publikums- sowie Medieninteresse gerecht zu werden, einigten sich Jury, Pantheoniken und die interessierten Fernseh- und Hörfunksender nun endlich darauf, den bisherigen drei mit je 4.000 Euro dotierten Preiskategorien eine weitere hinzuzufügen. Erstmalig wurde in diesem Jahr per Televoting und Internet vom TV- und Hörfunkpublikum der Sieger in der Kategorie KLOTZEN & GLOTZEN prämiert und am 23. Mai bei einer großen Gala auf dem Museumsplatz geehrt. Wie vorherzusehen, ließen sich WDR, Pantheon und 3sat nicht lumpen und fuhren auf, was die Kabarett- und Comedyszene zu bieten hat. Selbstredend übernahm Rainer Pause, seines Zeichens Gründer des Pantheon, in seiner Paraderolle als Fritz Litzmann die Moderation des Abends. Gewohnt wirr und charmant zugleich führte er das Publikum des rappelvollen Museumsplatzes durch eine Gala der Extraklasse. Rick Kavanian schlüpfte in die Rolle des glücklosen Bundestrainers Jürgen Klinsmann, Wilfried Schmickler drosch mit Brachialhumor gekonnt auf die Nation ein und auch Harald Schmidt ließ es sich nicht nehmen, als Ehrenpreisträger von 1998 seine Aufwartung zu machen. Wie immer umjubelt, enterte Schmidt die Bühne und überraschte das Publikum mit einer dadaesken Lesung eines Beitrags, mit dem er angeblich im nächsten Jahr in Klagenfurt antreten möchte. Zwar mag ein Großteil der anwesenden Gäste verwirrt gewesen sein ob des Vorgetragenen, der Schlussapplaus fiel hörbar verhaltener aus als die Begrüßung, nichtsdestotrotz bewies Schmidt einmal mehr, dass Kabarett nicht immer wahlloses Dreschen abgelutschter politischer Themen bedeuten muss. Eventuell wäre Michael Mittermeier, der ebenfalls mit einem Gastauftritt auf der Bühne vertreten war, zu raten, sich vom Schmidtschen Geist eine Scheibe abzuschneiden. Mittermeiers Auftritt war in manchen Ansätzen zwar gewohnt souverän, doch gerade einige Ausflüge ins politische Terrain zeigten einmal mehr, dass er nur selten über das Niveau eines politischen Aschermittwochs hinauszukommen vermag. © Sven von SchlachtaGanz anders bei Hagen Rether: Seine vom eigenen Klavierspiel kommentierten larkonischen Pöbeleien gegen Gott und die Welt rissen die Zuschauer von den Stühlen. Schuster, bleib bei deinen Leisten! Neben den hochkarätigen Gastauftritten stellte Pause auch die Preisträger der im klassischen Wettbewerb ermittelten Kategorien vor. Den Vortritt und Eröffnungsteil übernahm selbstverständlich Jürgen Becker als Ehrenpreisträger der Kategorie REIF & BEKLOPPT. Verliehen wird dieser Preis an Künstler, die durch ihre oft jahrzehntelange Praxis die Kleinkunstszene hinlänglich zu prägen vermochten. Der Jurypreis FRÜHREIF & VERDORBEN wurde in diesem Jahr an zwei Wettbewerber vergeben. Zum einen erhielt ihn die österreichische Kombo Global Kryner für ihren frischen und überraschenden Crossover konservativ traditioneller Oberkrainer Musik mit zeitgenössischen Populärstücken. Die Jury begründete ihre Entscheidung wie folgt:

Aufgestellt sind sie wie eine Oberkrainer-Band – traditionelle Besetzung – alles klar. Aber dann? Dann kommt Musik, die wir woanders herkennen: »Something stupid«, »I can't stand the rain«, »Eye of the Tiger« – das haben wir so noch nicht gehört. Und da geht dann auch schon die Post ab. Mit unglaublichen Arrangements bringen die Global Kryner sattsam bekannte Welthits ganz neu zum Strahlen. Und es bleibt auch nicht beim reinen Krainer-Sound, mit dem sie erst einmal geschickt antäuschen: Klassische und vor allem jazzige Phrasen mischen sich ein. Damit gehen die Global Kryner weit über die übliche Musikparodie hinaus und schaffen neue eigenständige Werke.

Der zweite Teil des Preises ging an den Kölner Fatih Cevikkollu, dessen Blick aufs Kabarett geprägt sei vom Integrationsgedanken. Die Jury:

Mit Fatih Cevikkollu zeichnet die Jury einen jungen Komiker aus, für den Integration Kabarettistensache ist. O-Ton Cevikkollu: »Ich spüre in mir die Lust am Recht auf Empörung«. Fatih Cevikkollu schafft mit Liebe und Selbstironie einen urkomischen Brückenschlag zwischen seinen beiden Kulturen: der deutschen und der türkischen. Fatih Cevikkollu vollführt seine immer hintergründige und zielsichere Kritik an Politik und Gesellschaft mal nachdenklich, mal bissig, aber immer so, dass seine Sicht der Dinge die Zuschauer nicht nur zum Lachen bringt, sie wirkt auch in deren Köpfen weit über den Abend hinaus.

Große Überraschung des diesjährigen Prix' war die Vergabe des Publikumspreises BEKLATSCHT & AUSGEBUHT. Nach zwei Wettkampftagen entschied sich das Publikum für den in Mühlheim an der Ruhr geborenen Kabarettisten Christian Hirdes. Seine ungewöhnlich charmante Auffassung von Kabarett verzauberte das mit allen Gags vertraute Wählervolk mit akrobatischer Lyrik und hingebungsvollen Klavierstücken. Der Gewinner des Rundfunkpreises KLOTZEN & GLOTZEN wurde erst im Rahmen der Gala bekannt gegeben. Sichtlich gerührt nahm ihn der Vollblutkomiker Kay Ray im neongelben Anzug entgegen und bezauberte durch einen kurzen Exkurs rund um das Thema »Homosexualität und Fußball«. Mögen sich Berliner, Münchner oder gar Düsseldorfer auch die Mäuler zerreißen, eindrücklich bewiesen Pause und Co., dass das kabarettitische Herz des Landes noch immer im Bönnschen Raum schlägt. Eine große Gala für eine große Region. Der Prix Pantheon ist neu geboren! Ein klares Signal an die Republik.

 

Der Prix Pantheon wurde vom WDR und von 3sat aufgezeichnet. Eine Liste der Sendetermine ist unter www.pantheon.de einzusehen. (Fotos: Sven von Schlachta)

 

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