Mit dem Handbuch des Kreativen Schreibens zum eigenen Roman?

Rüdiger Heins: Handbuch des Kreativen SchreibensJeder Germanist, so das geläufige Vorurteil, möchte in seinem tiefsten Inneren selbst Autor werden. Und bestimmt die Hälfte von ihnen, so glauben viele, hat schon einen halbfertigen Roman in der Schublade. Da aber nicht jeder ein Goethe sein kann, ergreifen Germanisten andere Berufe: Sie werden Journalisten, Lektoren, Werbetexter. Böse Gerüchte munkeln auch von germanistisch gebildeten Busfahrern oder Würstchenverkäufern. Das muss nicht sein, denn – ob man es glauben mag oder nicht – gutes Schreiben ist erlernbar! Nicht nur für Germanisten.

Das Handbuch des Kreativen Schreibens von Rüdiger Heins preist sich selbst im Klappentext folgendermaßen an:

Creative Writing ist ein Instrumentarium, das auf die Kulturtechnik des Schreibens zurückgreift. Mit methodischen Übungen wird versucht die kreativen Ressourcen des Einzelnen zu entdecken, um sie im „Schreibprozess“ mit Hilfe des geschriebenen Textes zum Ausdruck zu bringen. […] Die schnellen Erfolge für das Schreiben von Texten sind für AnfängerInnen überraschend, denn die Qualität der neu entstandenen Texte hebt sich zunächst deutlich von älteren Textproduktionen ab.

"Klingt doch super, damit kann ich meinen Roman zu Ende schreiben!", mag mancher Germanistik-Student nun denken. Schade nur, dass das Buch seinem eigenen Anspruch nicht gerecht wird. Gut die Hälfte des Buchs wird damit verschwendet, Experten zu befragen, was Creative Writing sei, und Institute vorzustellen, bei denen entsprechende Kurse belegt werden können. Staubtrocken und nicht sehr hilfreich für meinen Roman. Ein weiteres Viertel enthält zum einen Wissen aus dem Deutschunterricht der Mittelstufe, etwa über Erzählperspektiven, zum anderen nützliche Tipps für Lesungen – wenn man denn mal soweit ist, dass man etwas zum Vortrag bringen kann. Also verfüge ich jetzt über das Vor- und Nachwissen für meinen Roman, aber was wird aus dem Roman selbst?

Im anderen Viertel dann endlich die ersehnten Übungen und Tipps. Leider zum größeren Teil zur Gattung Lyrik. Und siehe, die erste Übung lautet: Man nehme eine Zeitung, zerschneide sie und lege aus den Schnipseln ein Gedicht. Cut-Up nennt sich die Methode, die wie das Creative Writing aus den USA kommt – und dies ist nur einer von vielen englischen Begriffen, die dem Leser um die Ohren gehauen werden. Eigentlich eine Schande, denn die Leser sollen und wollen doch auf Deutsch schreiben, da kann man doch Wörter wie Plot, Flow, Setting, Cluster, Mindmapping und Story übersetzen, oder? Immerhin sind die Wörter groß geschrieben, eingedeutscht sozusagen. Apropos Leser: Im Buch werden die Leser permanent als Autoren bezeichnet. Ist denn jeder, der einen Kurs im Kreativen Schreiben belegt, gleich ein Autor? Na dann, Germanisten, nichts wie hin! Nein, stopp, dass dies nicht so ist, zeigt sich an einem abgedruckten Text, der auch schon durch ein Lektorat gegangen sein soll. Er steht unter "Autobiographisches Schreiben" und erzählt von der kleinen Paula, die gerne mit ihrem Großvater intim wird, weil ihre Mutter sie nicht beachtet:

„Du darfst einmal fühlen“, sagt Opa. Vorsichtig streichelt Paula Opas Ding. Der muss plötzlich zur Toilette. Lässt Paula allein mit ihren Gedanken. Durfte sie Opa denn so anfassen? Muss sie das auch beichten? Paula ist jetzt zehn Jahre alt.

Dieser Text erstreckt sich über drei Seiten im Buch und nimmt einem die Lust, selbst zu schreiben: Wenn sowas dabei heraus kommt... Dafür überrascht der Autor des Buchs mit gewagten Erkenntnissen:

Es gibt ein ambivalentes Verhältnis zwischen AutorInnen und JournalistInnen. Beide Berufsgruppen arbeiten mit dem Wort. Die einen literarisch, die anderen journalistisch.

Vielen Dank für diese Information! Immer noch auf der Suche nach wirklich hilfreichen Anregungen und Methoden, stolpert man am Ende tatsächlich noch über Tipps für Autoren (oder besser „AutorInnen“, denn immerhin wird im gesamten Buch der Emanzipation sprachlich Rechnung getragen)! Dort wird unter anderem dazu geraten, Klischees zu vermeiden, emotionalen Abstand zum eigenen Gedicht zu wahren und keine Satzzeichen zu verwenden. Außerdem solle man jeden Tag zwei Stunden schreiben, ein Tagebuch führen, Briefe schreiben, viel lesen und von anderen Autoren abschreiben, um deren Texte visuell neu zu gestalten. Der Tipp, der mir persönlich am besten gefallen hat: Anstatt einkaufen zu gehen, solle man lieber schreiben, denn „das erspart Geld und Sie kommen weiter im Schreiben“. Wenn Sie also mal wieder einem spindeldürren Autor begegnen sollten, dann denken Sie daran: Der muss nicht zwingend deshalb so dünn sein, weil er mit seinen Texten nichts verdient, sondern weil er eine der goldenen Regeln dieses Creative Writing-Handbuchs beherzigt. Und stecken Sie ihm bitte ein Brötchen zu, damit die Welt nicht nur aufgrund seines vorzeitigen Hungertodes von seinen Werken verschont bleibt.

Letztlich scheint dieses Buch eher ein Lehrbuch über Kreatives Schreiben als ein Handbuch des Kreativen Schreibens zu sein. Vielleicht hätte der Untertitel – Creative Writing für Sozialpädagogen – vorwarnen können; jedenfalls: Mein Roman wird wohl noch einige Zeit auf seine Fertigstellung warten müssen.

Rüdiger Heins: Handbuch des Kreativen Schreibens. Creative Writing für Sozialpädagogen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2005. 132 Seiten. ISBN: 3-8340-0005-1. 15,– Euro.

Tja, Literaturkritik ist eben

Tja, Literaturkritik ist eben von persönlichen Meinungen geprägt, und dass man über ein und dasselbe Buch unterschiedlicher Auffassung sein kann, ja sogar mitunter dieselben Belege sowohl pro als auch contra anführen kann, macht die Sache doch gerade spannend.

Unsachlichkeit vermag ich in Katrin Uelpenichs Kritik nicht zu erkennen. Im Gegenteil halte ich ihre Argumente für nachvollziehbar - und dass sie sie auf unterhaltsame Weise zu vermitteln sucht, kann man ihr aufgrund des doch eher trockenen Stoffs (ein Sachbuch, immerhin) kaum verübeln. Aber auch das ist freilich nur eine Meinung, über die sich diskutieren ließe.

Offengestanden ist die Kritik

Offengestanden ist die Kritik von K.Ue. unsachlich.
Das Buch gibt Anregungen, die zum Schreiben animieren.
Auch eine Kritikerin muss es aushalten kritisiert zu werden. Das Katrin Uelpenich unsachgemäß auf einen Kommentar über ihre Kritik reagiert ist unprofessionell.

Ich habe das Buch gelesen.

Ich habe das Buch gelesen. Cathrin Schumann hat meine Kritik anscheinend nicht gelesen. Sonst hätte sie festgestellt, dass die Kritik ordentlich belegt ist. Nun ist die Frage, was ihr das Buch "gebracht" hat. Vielleicht war es eine gute Hilfe beim Abnehmen? Ist doch was, oder?

Ich habe das Buch gelesen.

Ich habe das Buch gelesen. Deswegen kann ich dir unqualifizierte Kritik von Katrin Uelpenich nicht verstehen, denn mir hat das Handbuch sehr viel gebracht. Vielleicht würde Uelpenich gerne selbst einmal ein Buch veröffentlichen. Ob das mit ihrem Roman jemals klappt? Na ja, schließlich bleibt ihr ja noch, andere Autoren im WEB zu kritisieren. Ist doch was,. Oder?

 

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