Mit Frisch zum Fernsehen

Die Schweizer Literatur, so wird immer wieder mal behauptet, sei ein Stiefkind der Germanistik. Dabei gab und gibt es nicht nur faszinierende deutschsprachige Autoren in der Schweiz und sogar eine eigene Schweizerische Akademische Gesellschaft für Germanistik – auch das Fach selbst scheint bei unseren südlichen Nachbarn durchaus beliebt. Dass es auf jeden Fall zum »Neigungsfach« taugt, zeigt das Beispiel von Andrea Vetsch: Sie überlegte einst, sich im Studium den Rechtswissenschaften zuzuwenden. Zum Neigungsstudium geraten haben ihr dann aber die Eltern, und so entschied sie sich gegen Jus – und für Germanistik.Die Schweizer Literatur, so wird immer wieder mal behauptet, sei ein Stiefkind der Germanistik. Dabei gab und gibt es nicht nur faszinierende deutschsprachige Autoren in der Schweiz und sogar eine eigene Schweizerische Akademische Gesellschaft für Germanistik – auch das Fach selbst scheint bei unseren südlichen Nachbarn durchaus beliebt. Dass es auf jeden Fall zum »Neigungsfach« taugt, zeigt das Beispiel von Andrea Vetsch: Sie überlegte einst, sich im Studium den Rechtswissenschaften zuzuwenden. Zum Neigungsstudium geraten haben ihr dann aber die Eltern, und so entschied sie sich gegen Jus – und für Germanistik. Offenbar keine schlechte Entscheidung, brachte sie es damit immerhin zur Nachrichtensprecherin und Redakteurin bei der Tagesschau im Schweizer Fernsehen. Nun recherchiert und überbringt sie den Eidgenossen regelmäßig die neuesten Nachrichten über Versicherungs-Fusionen im Inland, Wirbelstürme im Ausland, über den Präsidentschafts-Wahlkampf in den USA und, natürlich, übers Wetter. Wie sie mit Max Frisch zum Fernsehen kam, berichtet sie in ihren Antworten zu unserem Germanisten-Fragebogen.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Andrea Vetsch:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Ich habe an der Universität Zürich studiert, 13 Semester lang – also ziemlich ausgiebig. Geplant war eigentlich auch ein Gastsemester in Tübingen, aber das habe ich dann kurzfristig abgesagt, weil ich zu besagtem Zeitpunkt mitten in den Vorbereitungen zum literarischen Akzess* steckte. Diese Absage habe ich später sehr bereut – ich wünschte mir, ich hätte das Studieren an einer ausländischen Universität erlebt! Germanistik wählte ich als Hauptfach, in den Nebenfächern Sozialpädagogik und Publizistik. Alle drei Fächer schloss ich im Jahr 2000 mit dem Lizentiat ab.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Nach der Matur und anschliessendem Zwischenjahr war ich immer noch nicht schlüssig, welches Studium ich beginnen sollte: Jus, Geschichte oder Germanistik. Jus erschien mir als solide Ausbildung, nach der ich sicher einen Job finden würde. Meine Eltern rieten mir dann, lediglich nach Interessen zu entscheiden – und so wählte ich Germanistik. Denn seit Kindesbeinen habe ich gerne und viel gelesen – oft heimlich bis spät in die Nacht. Auch das Schreiben machte mir stets Freude, obwohl in meinen ersten Versuchen jegliche Interpunktionszeichen fehlten und ich ohne Punkt und Komma Seiten füllte – was meine Primarlehrerin etwas ratlos liess.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Zum Parabelhaften in Max Frischs Literatur der 50er Jahre. »Im Windschatten der Zeitgeschichte« – fand gemäss Frisch das Schweizer Literaturschaffen damals statt.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Max Frisch hat in der Nachkriegszeit in der Schweiz viele Parabeln geschrieben, etwa Andorra oder Biedermann und die Brandstifter. Es war die Zeit der »Geistigen Landesverteidigung«, eine Zeit, in der es schwierig, wenn nicht unmöglich war, direkt über ›aufgeladene‹ Sachverhalte wie den Kommunismus, den Zweiten Weltkrieg und die Rolle der Schweiz darin zu sprechen. Deshalb bediente sich Frisch der Form der Parabel und wollte so unbequeme Themen quasi indirekt zur Sprache bringen bzw. Fragen aufwerfen – etwa zur Verwandtschaft zwischen der Schweiz und der Kriegsnation Deutschland. Ende der 50er Jahre wendete sich Frisch wieder von der literarischen Form der Parabel ab – unter anderem deshalb, weil sie oft nicht in seinem Sinn ausgelegt wurden.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Es gab vor allem zwei Professoren, die ich sehr schätze: einerseits Professor von Matt – seine charismatischen und unterhaltsamen Vorlesungen waren immer ein besonderes Vergnügen. Ansonsten hab ich von Professor Michael Böhler viel profitieren können – sein Intellekt und Denkvermögen sind faszinierend! Bereichernd waren auch die Linguistik-Seminare bei Angelika Linke – sie hat es ausgezeichnet verstanden, linguistische Fragestellungen mit dem Leben zu verknüpfen. Etwa im gesprächsanalytischen Seminar zu »Gruss und Abschied«.
  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Ui, eine schwierige Frage. Es gibt so viele Bücher, die mir gefallen: Homo Faber von Frisch, aber auch Markus Werner: Zündels Abgang. Dann die Bücher von Monika Maron oder eben erst: Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafon. Goethes Werther hat mich sehr beeindruckt, ebenso Ingeborg Bachmanns Malina und ihre lyrischen Texte. Faszinierend finde ich auch die Schweizer Autorin Annemarie Schwarzenbach, etwa die fragmentarischen Berichte über ihre Persien-Reise, die in Das glückliche Tal veröffentlicht wurden.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Nach einem Ausflug auf die Bank und verschiedenen Jobs im Gastgewerbe machte ich bei einer TV-Sendung ein Praktikum; verfasste dort erstmals einen eigenen Beitrag, lernte zu recherchieren, kriegte erstmals die Entstehung einer Sendung hautnah mit. Im Anschluss habe ich dann die Teilzeitstelle als Produktionsassistentin bei 10vor10 begonnen, wo ich einen idealen Überblick in Abläufe und Arbeit beim Fernsehen erhielt.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Ich habe, wie gesagt, schon während dem Studium in einem Teilzeit-Pensum für 10vor10 als Produktionsassistentin gearbeitet. Nach und nach konnte ich auch redaktionelle Arbeiten übernehmen. Und schliesslich castete mich das Schweizer Fernsehen auch als Moderatorin. Und nun bin ich Moderatorin und Redaktorin bei der Tagesschau – geplant war das nicht, ich bin im wahrsten Sinn reingerutscht.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Das Wissen an sich kann ich nur selten einbringen. Aber präzises Schreiben, die Fähigkeit, Texte logisch aufzubauen und kohärent zu argumentieren, Übung im Recherchieren und das Präsentieren haben mir bei der Fernsehtätigkeit geholfen.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Auf jeden Fall – zwar hat der Arbeitsmarkt nicht auf Germanistikstudierende gewartet, aber es wird sich immer ausbezahlen, seinen Interessen nachzugehen.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Vielleicht ein Viertel meiner Kollegen und Kolleginnen haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert – auf der Redaktion hier bin ich meines Wissens die einzige Germanistin.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Wichtig ist meines Erachtens, möglichst früh praktische Erfahrungen zu sammeln – sei es als Mitarbeiterin der Volleyball-Klubzeitung oder bei einem kleinen Regionalradio (wenn es einen Richtung Journalismus ziehen sollte). Ansonsten ist es wichtig, seinen Interessen zu folgen, sich auf bestimmten Gebieten zu »kleinen Experten« auszubilden. Gerade im Journalismus ist Fachwissen gefragt – neben einer soliden Allgemeinbildung. Meine Fragen an die heutigen Germanistikstudierenden: Für welche Autorinnen und Autoren interessieren Sie sich? Welche Berufswünsche treiben Sie an? Wird die Universität Zürich wahrgenommen? Und wenn ja, welchen Ruf hat sie?

 

* Anm. d. Red.: Der »literarische Akzess« ist in etwa mit der Zwischenprüfung im deutschen Magisterstudiengang vergleichbar. [Zurück!]

 

Hinweis: In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits mehr als ein Dutzend ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit kurzem – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW) – Tilman Krause (Literaturkritiker und leitender Literatur-Redakteur bei der Welt). – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Wissenschaftsjahr 2007 Der Fragebogen »Germanisten im Beruf« ist Bestandteil des »Jahres der Geisteswissenschaften 2007«.

 

Andrea Vetsch (Foto: SF – Schweizer Fernsehen)Andrea Vetsch, geboren am 7. August 1975 in Zürich und aufgewachsen in Bülach, hat 2000 ihr Studium der Germanistik, Publizistik und Sozialpädagogik an der Universität Zürich abgeschlossen. Für ihre Lizentiatsarbeit »Im Windschatten der Zeitgeschichte« setzte sie sich mit Max Frischs Engagement in der Schweiz der 50er Jahre auseinander. Bereits während des Studiums arbeitete sie beim Schweizer Fernsehen als Produktionsassistentin für die Sendung 10vor10 und wechselte danach 2001 in die Redaktion der Tagesschau. Dort ist sie seither auch regelmäßig als Moderatorin zu sehen. Von März bis Dezember 2005 moderierte sie außerdem das Magazin Schweizweit bei 3sat.

Die schönste Frau weit und

Die schönste Frau weit und breit und sie kann fremde Namen von Menschen und Orten aussprechen, dass es eine Freude ist. Sie redet so, dass sie nicht skandieren muss und begleitet mit einem Charme ihren Redefluss, dass man ihr einfach gerne zuhört. Sie hat das, was ich unverkrampft nennen möchte, keine unnötigen Gesten und Faxen. Ich freue mich über jeden ihrer guten und besten Tage, sie beweisen eine Lebendigkeit, wie ich sie mag. Die unerbittliche Kamera muss Andrea Vetsch jedenfalls nicht fürchten.

sehr gut

warmherz[g ich k0ente stundelang zuschauen

die sympatischste

die sympatischste Erscheinung, just wow!!

 

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