Momentaufnahme und Chronik zugleich

Joe Sacco zeigt mit einem Leporello, was das Medium Comic alles kann

Der Zeichner und Journalist Joe Sacco betritt sowohl thematisch als auch stilistisch Neuland – und bleibt sich und seinen Comic-Reportagen gleichzeitig treu. Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme ist ein großformatiger Leporello, der deshalb so beeindruckend ist, weil er sich comicspezifischer Mittel bedient.

Kaum ein Gedenkjahr ist nicht nur in den Medien, sondern auch in Verlagsprogrammen so omnipräsent wie 2014. 100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs ist die Fülle der Publikationen zum Thema nahezu unübersichtlich – auch im Bereich Comic und Graphic Novel. An Jaques Tardi kommt man in diesem Zusammenhang wohl kaum vorbei und so wartete der Verlag Edition Moderne bereits Anfang des Jahres mit einer Neuauflage seines Grabenkriegs sowie einer Gesamtausgabe von Elender Krieg auf. Aus der Vielzahl der Publikationen sticht ein Werk besonders hervor: das des Künstlers Joe Sacco.

Wer Sacco und sein Werk kennt, mag zunächst stutzen. Denn den 1960 geborenen, maltesisch-amerikanischen Zeichner kannte man bisher als ›zeichnenden Journalisten‹, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Mit seinen Reportagen aus Palästina, dem Gaza-Streifen oder Bosnien, die bei Edition Moderne in Buchform, aber auch in verschiedenen Magazinen wie »TIME« oder »Boston Globe« erschienen, gilt er Vielen als Begründer der Comic-Reportage. Für diese reiste er jahrelang immer wieder durch Krisengebiete und suchte den Kontakt zu den Menschen vor Ort. Wichtig sind für seine Reportagen vor allem die persönlichen Geschichten und Schicksale der Menschen, die er dort trifft. Seine Spezialität ist die teilnehmende Beobachtung. Dabei stellt er sich bewusst immer selbst mit ins Bild und vermittelt zuweilen eine sehr subjektiv gefärbte Sicht auf die Ereignisse und Konflikte vor Ort.

Und nun also ein historisches Thema: der Erste Weltkrieg, genauer gesagt die Schlacht an der Somme und – noch genauer – der erste Tag dieser Schlacht. Für dieses Projekt kann er nicht auf seine bisherigen Recherchemethoden zurückgreifen. Hier kann er nicht mit Kamera und Zeichenblock losziehen, um das Geschehen möglichst unmittelbar zu erleben. Hier muss er mit historischen Fakten arbeiten. Es scheint nur folgerichtig, dass er für die Auseinandersetzung mit diesem Thema eine gänzlich andere Form wählt.

Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme präsentiert sich als Leporello, der komplett ausgefaltet knappe sieben Meter misst und ein einziges gewaltiges Bild zeigt. Die Detailfülle dieses Panoramas beeindruckt und erschlägt den Betrachter zugleich, zumal er zunächst etwas ratlos ist, wie er dieses doch recht unhandliche Werk am besten ›lesen‹ soll. Es gibt keine Einteilung in Panels, die dem Auge helfen würde, sich auf der Seite zu orientieren. Eine klare Gliederung der zeitlichen Struktur des Dargestellten ist ohne Panelraster auch  nicht vorhanden.

Kaum jemand wird zu Hause ausreichend Platz haben, um das Werk einmal in seiner gesamten Länge auszubreiten und selbst wenn – das riesige Panorama als Ganzes zu betrachten ist nahezu unmöglich. Bevor man also auf den Knien vor diesem gigantischen Streifen Papier herumrutscht, blättert man in dem gefalteten Leporello wie in einem Bildband. Auf diese Weise präsentiert sich einem die Zeichnung mit ihrer ganzen Detailfülle in handlichen Abschnitten, die man nach und nach und in ihrer festgelegten Reihenfolge betrachtet, fast so, als würde man eine Panelsequenz lesen. Diese Lesart funktioniert auch deshalb so gut, weil Sacco sein Panorama keineswegs als Momentaufnahme des Schlachtfeldes konzipiert hat, sondern vielmehr den Verlauf der Ereignisse am 1. Juli 1916, Stunde für Stunde, abbildet.

Durch diese Form der Rezeption ist das Werk dem Medium Comic näher, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Auch hier – genau wie in einem Comic mit klassischer Panelstruktur – gehen Gleichzeitigkeit und Sequentialität Hand in Hand. Durch das gewählte Format wird Sacco der Größe und Unübersichtlichkeit des Schlachtfeldes an der Somme gerecht, dessen Greuel so wenig in ein Bild gefasst werden kann, wie sich das ausgefaltete Leporello als Ganzes betrachten lässt. Dennoch steht man als Leser bzw. Betrachter nicht hilflos vor diesem riesigen gezeichneten Panorama. Orientierung bietet das Begleitheft, in dem sich neben einem Vorwort von Sacco selbst und einem historischen Abriss des Journalisten Adam Hochschild Erklärungen zu ausgewählten Details auf jeder der 24 Tafeln finden, in die sich der Leporello durch die Faltungen gliedert.

Sacco hat in einem Interview betont, dass er beim Zeichnen immer wieder bewusst versucht hat, die individuelle Geschichte jedes Soldaten mitzudenken. Und tatsächlich finden sich Spuren seiner vorangegangenen Reportage-Arbeiten auch in Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme. So bleibt der Blick des Betrachters immer wieder an Gesten und Gesichtern einzelner Soldaten hängen. Diese deuten die Geschichten der Männer an, können sie jedoch nicht in der Weise auserzählen, wie man es aus Sacco bisherigen Comics kennt. Dies weiß er jedoch geschickt zu kompensieren. Im Zusammenspiel mit den Erklärungen im Begleitheft entsteht ein Raum, in dem der Leser diese Individualität mitdenken kann. Gleichzeitig offenbart sich so der Kontrast zu der gleichzeitig inszenierten Masse an Soldaten. Und dieser Kontrast zwischen statischem Panorama und dynamischen Einzelszenen macht das Werk aus. Ein Gegensatz, der sich sowohl formal als auch inhaltlich manifestiert und sich dabei comictypischen Mitteln bedient.

 

Joe Sacco: Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme. Zürich: Edition Moderne. 2014. Leporello mit 24 Seiten, schwarzweiss, 29 x 22 cm, im Schuber. ISBN 978-3-03731-122-6. 35,- Euro.


 

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