Auf der Nachtseite der Wissenschaft

Ernst Peter Fischer erkundet die Dunkelheit und verirrt sich

Ernst Peter Fischer, mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftshistoriker und -publizist, schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie den Focus und ist darüber hinaus Autor zahlreicher Bücher wie Die andere Bildung (2001) und Die Verzauberung der Welt (2014). In seinem neuesten Werk Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit behandelt er in gewohnt populärwissenschaftlicher Manier die seit jeher faszinierende düstere Seite des Lebens – streckenweise informativ und unterhaltsam, insgesamt aber leider nicht überzeugend.

Wer dem Titel von Fischers neuem Werk Glauben schenkt, wird möglicherweise beim Blick auf den Umfang des Buchs eine erste Überraschung erleben: Ein Autor kann sich noch so kurzfassen, 240 Seiten scheinen nicht ansatzweise auszureichen, um die ambitionierte Bezeichnung »Naturgeschichte« zu rechtfertigen. Spätestens nach dem Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses wird klar, dass auch nichts dergleichen angestrebt wird: Der Dunkelheit beziehungsweise der Nacht an sich sind nur drei von sieben Kapiteln gewidmet und vor allem die letzten beiden Kapitel, Die Nachtseite der Naturwissenschaft und Das Böse im Menschen, scheinen höchstens ansatzweise in diesen Themenbereich zu passen. Doch dazu später mehr.

Wie sich im Verlauf des Buches zeigt, haben die literarischen, philosophischen und theologischen Bezüge, mit denen schon das Vorwort des Autors gespickt ist, nicht etwa nur die Funktion, einen eleganten Einstieg in den Themenbereich zu bieten. Sie werden für die nächsten knapp 200 Seiten stetige Referenzpunkte des Autors sein. Zeitweise erscheinen sie erfrischend und passend, größtenteils wirken sie jedoch gezwungen und überflüssig. Darüber hinaus muss sicherlich nicht erwähnt werden, dass Interessenten der Kulturgeschichte der Nacht wohl eher zu Werken wie Heinz-Gerhard Frieses Die Ästhetik der Nacht (2011) greifen werden und damit vermutlich auch weit besser beraten sind.

Nach einem gemischten Einstieg weiß das erste Kapitel Im Schatten der Erde mit einigen Informationen über die Wahrnehmung der Farbe Schwarz und des Nachthimmels sowie Ausführungen über historische Herangehensweisen an die jeweiligen Themen den Einsteiger in die Materie durchaus zu überzeugen. Auch im weiteren Verlauf des Buches wird so manche interessante Begebenheit erwähnt oder Erklärung angeboten. So könne laut Fischer die Ursache für die heutzutage weit verbreiteten Schlafstörungen darin liegen, dass »durchgehendes Schlafen vielleicht gar nicht die natürliche Vorgabe und Fähigkeit eines Menschen ist und die Nächte in der Frühen Neuzeit aus zwei längeren Schlafabschnitten bestanden.« (S. 74) Weiterhin werden komplexe biochemische oder neurologische Abläufe, physikalische Herleitungen und Ähnliches überwiegend recht anschaulich und auch für den Laien gut verständlich erklärt

Humor weicht Polemik und Zynismus

Einen stringenten Aufbau lässt das Buch leider auf weiten Strecken vermissen und folgt eher einem assoziativen, sprunghaften Verlauf. So kommt es zum Beispiel vor, dass von der Dunkelheit als Ursprung des Lebens auf den menschlichen Biorhythmus am Tag, samt Diskussion der idealen Tageszeit zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs, eingegangen wird und wiederum danach nachtaktive Tierarten behandelt werden (S. 49-60). Auch hätten Ausführungen über den historischen Umgang mit dem Thema Schlaf oder über Schlafstörungen vermutlich besser in das Kaptitel Das Wunder des Schlafs gepasst als in eines über Aberglauben, Beleuchtung und Nachtleben.

An einigen Stellen schafft es Fischer mit gewitzten Kommentaren oder Anekdoten eine recht unterhaltsame Stimmung zu schaffen, schießt dabei jedoch nicht selten über das Ziel hinaus, wenn er beispielsweise von einer Frau berichtet, der es mitten in der Nacht gelingt ihrem »Beischläfer« den Penis abzuschneiden und anfügt: »Wie die Geschichte ausgeht, wird leider nicht erzählt.« (S.74) Passagen wie diese oder aber jener Abschnitt, in dem Fischer über Luzifer schreibt und dessen positive Eigenschaften ein wenig zu sehr hervorhebt, weil er ihm als Lichtträger einen Platz in der Nacht als »lebendige Hoffnung« (S. 68) zuweist, sorgen mindestens für ungläubiges Kopfschütteln.

Im sechsten Kapitel sieht sich der Leser plötzlich mit einem eigenartigen Stimmungsumschwung konfrontiert. Fischer, der an diesem Punkt scheinbar davon überzeugt ist, die herkömmlichen Facetten der Dunkelheit zur Genüge behandelt zu haben, will nun einen Einblick in die »Nachtseite der Naturwissenschaft« gewähren, jedoch nicht ohne sich zunächst über die Wissenschaftsphilosophie auszulassen. Sein eben noch erfrischend harmloser Humor weicht an dieser Stelle nun Polemik und Zynismus, zum Beispiel indem er das Hinzuziehen von Philosophen bei wissenschaftlichen Fragen als eine der »durchgängigen Dummheiten der abendländischen Kultur« bezeichnet und ihnen »das breite Bemitleiden von Sorgfalt und Sauberkeit« oder »die lässige Ermutigung zum freien Phantasieren mit ungenauen Daten« unterstellt. (S.155-156) Stellen wie diese sind in Fischers neuem Werk nicht nur unsympathisch und anmaßend. Sie tragen auch dazu bei, dass interessante Themen wie die Dunkelmaterie oder aber auch die Dunkelheitsbiologie viel zu knapp abgehandelt oder durch ausufernde Diskussionen wie über das Böse im Menschen verdrängt werden. Traurig, dass sich jemand, der in der wissenschaftlichen Welt so etabliert ist wie Fischer, zu solchen Fehltritten hinreißen lässt und mit seinem ohnehin schon enttäuschenden Werk trotz der wenigen lohnenden Momente durchblicken lässt, dass er sich ganz offensichtlich in der Nacht verirrt hat.

Ernst-Peter Fischer: Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit. München: Siedler Verlag, 2015. 240 Seiten. ISBN: 978-3886808380. 22,99 Euro.


 

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