Ein Nacktfoto und seine Folgen

In seinem Roman Die Unzertrennlichen diskutiert Stuart Nadler die Themen Familie und Feminismus charmant und unterhaltsam

Mit seinem neuen Roman taucht Stuart Nadler in die Welt der Frauen ein. Er erzählt die Geschichte von Henriette, Oona und Lydia, die sich allesamt in skurrilen und problematischen Lebenslagen befinden. Trotz ein paar Schwächen lohnt das Buch die Lektüre, weil es nicht nur charmant und unterhaltsam durchaus ernste Themen berührt, sondern auch zum Nachdenken anregt.

In seinem neuen Roman Die Unzertrennlichen wählt Stuart Nadler einen originellen und humorvollen Zugang zum Thema Familie mittels dreier Generationen von Frauen. Nadler erzählt aus dem Leben einer Tochter, einer Mutter und einer Großmutter, die versuchen ihre persönlichen Krisen gemeinsam zu bewältigen: Großmutter Henrietta trauert um ihren geliebten vor wenigen Monaten verstorbenen Mann. Seit dessen Tod plagen die Witwe Geldnot und Existenzängste, die sie zum Verkauf ihres Hauses und zur Wiederauflage ihres erotischen Kultbuches zwingen. Ihre Tochter Oona, wird seit der Trennung von ihrem dauerbekifften Ex-Mann vom gemeinsamen Paartherapeuten umworben. Die 15-jährige Enkeltochter Lydia wird von einem Elite-Internat suspendiert, da ein gestohlenes Nacktfoto von ihr verbreitet wurde. Die drei Olyphant-Frauen befinden sich in gleichermaßen skurrilen wie problematischen Lebenslagen, in denen sich ihre Krisen immer weiter zuspitzen.

Nadler leuchtet die Probleme der drei Frauen feinfühlig und humorvoll aus, sodass ihm der Balanceakt zwischen Trivialkonflikt und Tragödie gelingt. Dabei birgt vor allem Henriettas Roman Potenzial für Situationskomik und skurrilen Humor: Das Buch im Buch ist ein umstrittener Bestseller mit eindeutigen Zeichnungen des weiblichen Geschlechtsorgans. Was als feministischer Beitrag zur amerikanischen Prüderie der 60er Jahre angedacht war, wurde von der Kritik als rückständiges Erotikbuch missverstanden und als solches verrissen, sodass Henrietta bezüglich der Wiederauflage Scham und Schmach empfindet: »Einmal hatte sie ein paar Exemplare verbrannt, irgendwann in den Siebzigern. Ihr Therapeut hatte ihr damals eine Mischung aus Urschreitherapie und Verbrennungsritualen empfohlen. Dass sie sich hierdurch in enger Verwandtschaft mit Joseph Goebbels wähnte, war auch nicht weiter hilfreich«.

Ohne Nähe und Zusammenhalt

Ebenso wie in seinem 2014 erschienenen, von der Kritik hochgelobten Debütroman Ein verhängnisvoller Sommer, in dem er unter anderem das Thema der Rassentrennung in den USA behandelt, thematisiert Nadler auch in seinem zweiten Roman wichtige und aktuelle Aspekte: Neben dem Themenschwerpunkt um die Beziehung zwischen Männern und Frauen und dem Feminismus, diskutiert Nadler die Themen der Trauer, der Konsequenzen von (unerwünschter) Bekanntheit und von Cybermobbing. 

Doch obwohl Nadler sein Talent für die Verknüpfung komplexer Themen und Handlungsstränge zu einem anspruchsvollen und raffinierten Textgeflecht in seinem Debüt bereits unter Beweis gestellt hat, ist ihm dieser Versuch in Die Unzertrennlichen leider nur zum Teil gelungen. Trotz (oder gerade wegen?) der Bandbreite gewichtiger Themen scheint das Herzstück des Romans, die Verbundenheit der Familie, auf der Strecke zu bleiben. Das liebenswerte, lebendige und authentische Personal, das sich in skurrile und ulkige Situationen verstrickt, demonstriert in dem Roman nicht das, was der Titel verspricht. Echte Nähe und familiärer Zusammenhalts sind in dieser Familie Fremdwörter.

Ein Ende, das in Erinnerung bleibt

Während die Wellensittiche auf dem Cover des Buches in unterschiedliche Richtungen blicken und alle drei so verschieden sind wie die Protagonistinnen, sind sie doch dadurch miteinander verbunden, dass ihre Schwanzfedern farblich vertauscht wurden. Ein solches Bild der Verwandtschaft und Zugehörigkeit fehlt im Roman allerdings. Obwohl Großmutter, Mutter und Tochter versuchen einander mit ihren Problemen zu helfen, scheitert Nadler daran die Figuren zueinander finden zu lassen.

Henriettas und Oonas Entwicklungspotenzial stagnieren im Verlauf der Handlung. Die zu Beginn des Romans vorbereiteten Spannungsbögen ihrer Geschichten verlaufen schlaff und enttäuschend. Es ist einzig Lydias Geschichte rund um das Nacktfoto, die kontinuierlich Schwung aufnimmt. Sie liefert dem Leser schließlich auch ein Ende, das zum Nachdenken anregt und im Gedächtnis bleibt. Neben Nadlers Humor, den überzeugenden Figuren und ihren bemerkenswerten Dialoge macht gerade dies den Roman zu einer charmanten und unterhaltsamen Lektüre – nicht nur für Frauen.

Stuart Nadler: Die Unzertrennlichen. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Reimann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017. 368 Seiten. ISBN: 978-3-462-04988-6. 14,99 Euro.

 

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