(Nicht nur) Lyrik zum Gebrauch

Remo Hugs »Besichtigung, Beschreibung, Bewertung« des lyrischen Werkes von Erich Kästner

Erich Kästner mit dem Schlagwort der Gebrauchslyrik zu belasten, das er selbst in seinen ersten beiden Versbänden geprägt und sich damit als Vertreter dieses Genres plakatiert habe, sei ein Unrecht, meinte Hans Natonek 1930, als er Kästners neuesten Gedichtband »Ein Mann gibt Auskunft« rezensierte. Tatsächlich hatte Kästner ein Jahr zuvor in seiner »Prosaischen Zwischenbemerkung« postuliert, »wirkliche Lyrik« müsse »seelisch verwendbar« und gebrauchsfähig sein: »Verse, die von den Zeitgenossen nicht in irgendeiner Weise zu brauchen sind, sind Reimspielereien, nichts weiter.« Mit seiner Ansicht stand Kästner in jenen Tagen keinesfalls allein da: Gerade Lyrik müsse, erklärte etwa Bert Brecht anlässlich eines Lyrikwettbewerbs 1927, »zweifellos etwas sein, was man ohne weiteres auf den Gebrauchswert untersuchen können muß«; und Ignaz Wrobel alias Kurt Tucholsky resümierte 1928, es habe »zu allen Zeiten eine Sorte Lyrik gegeben, bei der die Frage nach dem Kunstwert eine falsch gestellte Frage« sei, diese wolle er »Gebrauchs-Lyrik« nennen. Doch wie vollzieht und gelingt Kästner die Umsetzung seines poetologischen Konzepts, inwieweit sind seine Verse tatsächlich zu gebrauchen und Kästner ein – mit einer Formulierung Werner Schneyders – »brauchbarer Autor«?

R. Hug: »Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners: Besichtigung, Beschreibung, Bewertung« (Cover)Dies ist eine der Kernfragen, die der Schweizer Pressereferent und Journalist Remo Hug in seinem im gerade zu Ende gegangenen Jahr erschienenen Buch »Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners« – der ersten monographischen Studie zu Kästners Lyrik seit John Winkelmans »The Poetic Style of Erich Kästner« von 1957 – aufwirft. Mithilfe einer umfassenden formalen Analyse des lyrischen Gesamtwerks Kästners will der studierte Kulturwissenschaftler Hug dem in der Forschung immer wieder zu begegnenden Phänomen des »Kästner-Tons« auf den Grund gehen und zugleich Kästners eigene Konzeption von Gebrauchslyrik und deren praktische Umsetzung kritisch beleuchten. In der Kästner-Forschung gebe es hier immer noch Lücken, konstatiert Hug nach einem kurzen einleitenden Abriss der Forschungsgeschichte, in dem alle wesentlichen Monographien bis zum Jahre 2004 berücksichtigt werden. Ergänzt durch einen knappen, jedoch die wichtigsten Stationen umreißenden Blick auf »biographische Bedenklichkeiten« – Kästners Lebens- und Schaffensweg von der Geburt 1899 in Dresden bis zum Tode 1974 in München – wendet sich der Verfasser dann zunächst dem literarästhetischen Programm Erich Kästners zu, das dieser zwar nicht in einer theoretischen Abhandlung über das »Wesen der Dichtkunst« vorgelegt, in zahlreichen, von der Forschung bisher wenig beachteten journalistischen Arbeiten aber zum Ausdruck gebracht habe:

Kästner geht es in seinen Erörterungen, grob gesprochen, um dreierlei: (1) ein neues Zeitgefühl, das sich für ihn in einem neuen Stilwillen manifestiert; (2) ein traditionelles Selbstverständnis des Dichters, das er mit polemischen Worten ad absurdum führt; (3) eine seit langer Zeit vorherrschende Auffassung von Lyrik, die er in einer radikalen Kritik verwirft.

Die Umsetzung des skizzierten Programms in die allseits bekannten Verse Kästner’scher Diktion untersucht Hug im Folgenden in vier größeren Themenkomplexen, die sich nacheinander der Produktion in Kästners »kleiner Versfabrik« (Kästners eigene Formulierung), Inhalt und Form der dort »fabrizierten« Gedichte (abermals O-Ton Kästner) und schließlich unter dem Titel »Erich Kästner – ein gebrauchter Autor« der Rezeption des Werkes widmen. Ein nicht geringes Pensum, was Hug in seinem insgesamt 224 Seiten starken Buch bewältigen will, umfasst die Produktion der »kleinen Versfabrik« doch – wie er ermittelt hat – »mindestens 700 Texte«, die größtenteils zuerst in Zeitungen und Zeitschriften, aber nur zu knapp zwei Dritteln auch in Buchform erschienen. Angesichts der Materialfülle bleibt es nicht aus, dass neben einigen detailliert erörterten Aspekten andere eher summarisch abgehandelt werden – was den Wert des Dargelegten jedoch nicht schmälern kann (und soll). Neben der klassisch literaturwissenschaftlichen Analyse einzelner Gedichte nimmt Hug auch immer wieder statistische Auswertungen des lyrischen Gesamtwerkes Kästners vor und präsentiert sie seiner Leserschaft in tabellarischer Form. Eine der umfangreichsten dergestaltigen Listen findet sich in Form eines annotierten Verzeichnisses »sämtlicher Gedichte Erich Kästners« auf 23 Seiten am Ende des Buches. Hierin hat Hug anhand der Forschungsliteratur und der Kästner-Werkausgaben (beinahe) alle bekannten Gedichte aus Kästners Feder samt Datum und Ort des Erstdrucks wie auch des Wiederabdrucks in Buchform zusammengetragen und zudem die bei der Erstpublikation teils verwendeten Pseudonyme und etwaige spätere Veränderungen an Titel oder Versen vermerkt. Die kleine Einschränkung des »beinahe« resultiert daraus, dass Hug offenbar der ein oder andere (Teil-) Abdruck eines Gedichts entgangen ist, wie mit leichtem Bedauern festgestellt werden muss – doch auch so stellt die Übersicht eine für die gegenwärtige und zukünftige Kästner-Forschung maßgebliche wie maßgebende Hilfe dar.

Der Schreibgestus und -stil, in dem Hugs Studie daherkommt, ist, das sei abschließend noch bemerkt, merklich davon beeinflusst, dass Hug – ebenso wie Kästner – »jahrelang […] den Geruch von Redaktionsstuben und Rotationsmaschine geatmet« hat. Doch dieser ›feuilletonistische Stil‹ ist nicht im Mindesten ein Manko des Buches – im Gegenteil: durch ihn wird ein literaturwissenschaftlich wertvolles Buch zu einem Werk, das auch der interessierte Laie gerne zur Hand nehmen und mit Genuss lesen kann und wird. Remo Hugs Studie über Kästners »Gedichte zum Gebrauch« – selbst ein in jeder Hinsicht brauchbares Buch!

Remo Hug: Gedichte zum Gebrauch. Die Lyrik Erich Kästners: Besichtigung, Beschreibung, Bewertung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006. 224 Seiten. ISBN 3-8260-3311-6 . 36,– Euro.

 

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