»Ich habe zum erstenmal das Gefühl, daß ich mir mein Frühstück ehrlich verdient habe«

Siegfried Pitschmanns neuentdeckter Roman Erziehung eines Helden und Erzählungen aus Schwarze Pumpe

Es ist ein verlegerischer Glücksfall, wenn einem ein Manuskript wie der Roman Erziehung eines Helden von Siegfried Pitschmann angetragen wird. Pitschmann, der neben diesem Roman Erzählungen und Hörspiele veröffentlicht, aber keinen weiteren Roman geschrieben hat, ist mit diesem Text in seiner Zeit gescheitert. Gescheitert allerdings vor allem in politischer Hinsicht, wurde sein Roman doch in der DDR nicht zur Veröffentlichung freigegeben und blieb auch deswegen letztlich unvollendet.

Aber Vorsicht: Unvollendet heißt nicht, daß Pitschmann ihn nicht zu Ende gebracht hätte und wir es hier mit einem unbefriedigenden Fragment zu tun hätten, wie die 2015 veröffentlichte Fassung zeigt. Nur ist der Roman nicht durch ein Lektorat gegangen, denn schon dabei begannen, trotz anfänglich positiver Zeichen seitens des Aufbau Verlages, die Schwierigkeiten. So steht bei dieser späten Veröffentlichung des 2002 gestorbenen Autors auch die Entstehungs- und Editionsgeschichte im Fokus des Interesses, ähnlich wie 2007 bei Werner Bräunigs Roman Rummelplatz, dessen späte Erstauflage wie eine kleine Sensation gefeiert wurde.

Mit seinem »Helden« geht Pitschmann in gewissem Sinne den sogenannten Bitterfelder Weg voraus, nämlich zwei Jahre, bevor 1959 dort die Erwartung an die Künstler und Schriftsteller in der DDR formuliert wird, sie sollten in die Produktion gehen beziehungsweise die Arbeiter selbst zur Feder greifen, um die »Entfremdung« von Kunst und Arbeitswelt zu überwinden. Schon vor dieser politischen Vorgabe war Pitschmann also auf eigene Faust ins Kombinat Schwarze Pumpe gegangen, wo er auf dem Bau zunächst als Betonarbeiter, später als Maschinist für Baumaschinen tätig war. Es sind genau diese Erfahrungen, die er seinem Pianisten, der alles stehen- und liegenläßt, mit auf den Weg gibt, und so legt er mit Erziehung eines Helden auch einen autobiographischen Roman vor.

Ungeschönt erzählt Pitschmann von der Anstrengung, die sein Held, später von seinen Kollegen King genannt, auf dem Bau erlebt. So zum Beispiel die Blasen an den Händen, die für ihn, den Pianisten, früher immer so beweglich bleiben mußten. Auch die Müdigkeit, die Anstrengung und die Besonderheiten während der Nachtschichten schildert Pitschmann detailreich:

Der King spürte den Morgen. Es wurde plötzlich sehr kalt, man erwartete Raureif, und der King war froh, unaufhörlich und angestrengt in Bewegung zu sein. [...] Manchmal sah er nach dem Himmel, er sah, wie er langsam grau wurde, und er sah auch die vereinzelten, gemächlich segelnden Wolken und die blassen Sterne zwischen ihnen, und dann entdeckte er, dunkel und schattenhaft in der katzengrauen Dämmerung, die Schornsteine vom Kraftwerk West.

Das Spannende an dem Text sind aber auch die meist wie nebenbei einfließenden Beschreibungen der Arbeitsvorgänge, die die Bewunderung nicht verheimlichen und in denen die Arbeiter gar mit Seiltänzern verglichen werden:

Das Vorderteil des Wagens mit der Last ragte über den Rand der frischverlegten Plattenreihe, die, halsbrecherisch in die Luft hineingebauter Streckenvortrieb, lang und schmal von einem Querträger zum anderen lief, und der Neuling rangierte den Wagen auf der schmalen Bahn so, daß die Platte genau zwischen den Längsschienen hing. Dann ließ er sie herunter, vorsichtig dem Übergewicht nachgebend, bis sie sicher auf der Auflage ruhte, während die beiden Männer, die wie versierte Seiltänzer vorn auf den Trägern hockten, mit ihren Fäusteln die Platte endgültig zurechtrückten und die Fugen mit Mörtel verschmierten.

Vermutlich waren es aber gerade Passagen wie diese, die dem Roman den Ruf einbrachten, eine »harte Sprache« zu verwenden. Eine Sprache, die man mit Hemingway und dem Westen in Verbindung brachte und die alleine deshalb schon in der DDR nicht erwünscht sein konnte. Aus heutiger Sicht muten diese Überlegungen wie Kleinkriege an, die das Wesentliche des Textes aus dem Blickfeld geschoben haben müssen, denn was konnte im Arbeiter- und Bauernstaat eigentlich Besseres passieren, als daß ein Schriftsteller sich inkognito zu den Arbeitern gesellt und seine Erfahrung mit solcher Bewunderung beschreibt. Daß er dabei inhaltlich sogar eine politische Strategie für die Kulturpolitik vorwegnahm und dennoch nicht unterstützt wurde, unterstreicht noch mehr die seltsame Verbissenheit der damaligen Funktionsträger, konkrete Vorstellungen in der Kunst durchsetzen zu wollen.

»Ein seltener Fall von Selbstverstümmelung«

Die Handlung des Romans läßt sich kurz zusammenfassen: Ein erfolgloser Pianist wechselt nach der Trennung von seiner Freundin Beruf und Stadt und geht auf den Bau. Erzähltechnisch spielt Pitschmann gekonnt auf der Klaviatur der Stilmittel: Erzählte Passagen werden unterbrochen durch Erzählerkommentare oder einmal auch durch die reine Wiedergabe einer gesprochenen Szene. In Rückblenden werden die Hintergründe seiner Entscheidung, ins Kombinat zu gehen, dargestellt und gerade so der graue Alltag auf dem Bau durchbrochen. Natürlich gibt es dabei Sehnsuchtsmomente, etwa wenn er mit Kollegen abends ausnahmsweise in der Kneipe im Nebenraum sitzt, weil sie sonst keinen Platz bekommen hätten, und er dort ein Klavier sieht. Schließlich setzt er sich tatsächlich an die »Drahtkommode« und »klimpert« seinen Kollegen was vor, wenngleich die Hände »gründlich verpfuscht« sind: »du hast sie in den paar Wochen fertiggemacht, und wahrscheinlich sind sie für immer fertig. Er dachte bitter: Du bist ein seltener Fall von Selbstverstümmelung.«

Die Musik begleitet ihn unterschwellig fortwährend. So denkt er während der Schicht einmal

beunruhigt: Warum sollte nicht eines Tages irgendjemand eine Musik schreiben, (freilich müßte er das Zeug dazu haben), die das Loblied auf den Bau dieses Riesenprojekts singt? Ein Loblied auf alle Leute, die dieses Projekt hochtreiben. Ein Loblied auf ihre Arbeit und auf ihr Heldentum. Was für ein Programm ...

Es ist genau dieses Programm, mit dem sich Pitschmann hier literarisch beschäftigt hat, und auch eine erzählerische Folie, die ihn immer wieder beschäftigen wird.

2016 hat der Aisthesis Verlag an verschiedenen Stellen erschienene Texte von Pitschmann in dem Band Erzählungen aus Schwarze Pumpe zusammengefügt, die an diesem Ort spielen. Erschienen sind diese Erzählungen vor allem in den Jahren nach seiner Zeit dort in verschiedenen Zeitschriften und Erzählbänden. Daß es nicht nur bei dem Roman zu diesem Thema bleibt, liegt auch daran, daß er mit seiner damaligen Frau, der Schriftstellerin Brigitte Reimann, nach den Beschlüssen der Bitterfelder Konferenz gemeinsam nach Schwarze Pumpe zurückkehrt. Ein Erlebnis, das er in »Das Wiedersehen« verarbeitet, und ein Ereignis, das zeigt, wie sehr er den Gedanken der politischen Akteure und der Idee des »Bitterfelder Weges« folgt.

Beide Neuausgaben sind von Kristina Stella herausgegeben und mit Nachworten versehen worden, aus denen neben den Hintergründen zur späten Veröffentlichung zum Beispiel zu erfahren ist, daß über die Jahre nur ein Blatt des Romans mit einem Satzende verlorengegangen ist. Stella, die auch schon den Briefwechsel zwischen Pitschmann und Reimann herausgegeben hat, führt gut in die Problematik der Textentstehung ein. So erfährt auch, wer die DDR-Literatur nur wenig kennt, etwas vom Bitterfelder Weg und den Schwierigkeiten des Publizierens in der DDR.

Pitschmann beging einen Selbstmordversuch, nachdem er mit seinem Roman in dem System gescheitert war, und schrieb bis zu seinem Lebensende nur noch Hörspiele und Erzählungen. Das erschwert seine Wiederentdeckung, denn Erzählungen verkaufen sich noch immer zäher, und entsprechend hat auch der Aisthesis Verlag die Ausgabe mit den Erzählungen in einer günstigeren Variante auf den Markt gebracht. Das mindert jedoch in keiner Weise das Verdienst, Pitschmann damit zumindest etwas dem Vergessen zu entreißen und zugleich auch dem westdeutschen Publikum näherzubringen.

Siegfried Pitschmann: Erzählungen aus Schwarze Pumpe. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2016. 184 Seiten. ISBN: 978-3-8498-1166-2. 9,95 Euro.

Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2015. 250 Seiten. ISBN: 978-3-8498-1100-6. 19,95 Euro.

 

Die Rezension ist als Beitrag in unserem Heft #33 mit dem Themenschwerpunkt »Freiheit« erschienen. Sie finden die Ausgabe hier in unserem Online-Shop.

 

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