»Andere trauen mir mehr zu, als ich mir selber«

Im April war Axel Ranisch zu Gast bei Import/Export im Literaturhaus Bonn

Bei der letzten Folge der Literaturshow Import/Export mit Moderator Dorian Steinhoff im April las Axel Ranisch aus seinem Debütroman Nackt über Berlin. Sowohl Gast als auch Gastgeber konnten an diesem Abend im Literaturhaus Bonn überzeugen. Mit einem wilden Mix an spontanen Plotideen, alternativen Romananfängen, deren Glaubwürdigkeit vor dem Publikum bewiesen werden sollten, wussten beide gut zu unterhalten.

Axel Ranischs Opa wollte immer, dass sein Enkel Schriftsteller wird, erzählt der Autor, während er von seiner Jugend in Berlin-Lichtenberg berichtet. In dem Stadtteil wohnt er immer noch, jetzt aber in einer ruhigeren Gegend. Ursprünglich wollte er etwas mit Musik machen. Er ist ein »Klassiknerd«, doch sein musikalisches Talent reichte nicht ganz aus. Durch die Inszenierung von Stücken an der Oper, ist er der klassischen Musik allerdings wieder nahe. Doch es ist nicht die Musik allein, die ihn fasziniert. Als Ranisch seinen ersten Kurzfilm dreht, entflammt sein Interesse für das Medium Film. Er absolviert ein Regie-Studium in Potsdam, sein Diplomfilm Dicke Mädchen sorgt für viel Aufmerksamkeit. Zwei Lektor*innen kommen auf ihn zu, nachdem sie seinen Film Ich bin Disco gesehen haben und fragen ihn, ob er sich vorstellen könne, einen Roman zu schreiben.

Es mussten fast sieben Jahre vergehen, bis dieser Roman endlich erscheint: Nackt über Berlin. Ranisch erzählt die Geschichte von Jannik und Tai, die ihren betrunkenen Schulrektor eines Nachts auf der Straße finden und ihn dann in seiner Wohnung einsperren. Die Idee für den Roman kam ihm eines Tages als er sich vorstellte, wie es sei, in seiner Wohnung aufzuwachen, völlig allein und eingesperrt – ohne Fluchtmöglichkeit. Eine Mischung zwischen Krimi und Coming-of-Age-Roman also. Die Frage nach Verantwortung und Schuld wird auch thematisiert. Das ist Ranisch wichtig und so wird das schlechte Gewissen, das sich bei Jannik im Verlauf des Romans breitmacht, zu einem zentralen Thema des Romans. Ganze zwei Jahre plante Ranisch das Buch, das zunächst nur ein neues Filmprojekt war, bevor er die 380 Seiten von Mai bis Oktober des vergangenen Jahres schrieb. Ein bisschen Recherche war auch notwendig. Damit es möglichst realistisch ist, wie Jannik und Tai ihren Rektor in seiner Wohnung einsperren, verfasste Ranisch eine Liste mit Ausbruchsmöglichkeiten und ging zu einem Bauingenieur, um herauszufinden, wie man diese Sachen verhindern kann.

Ein Abend in entspannter Atmosphäre

Wenn Ranisch aus seinem Roman vorliest, dann wird es lebhaft und man merkt, dass da auch ein Schauspieler vorträgt. Seine Stimme hebt und senkt sich, mal redet er schneller, dann wieder langsamer und mehr pointiert. Als er während der ersten Textausschnitts eine Szene vorliest, in welcher klassische Musik beschrieben wird, ahmt er die Melodie nach. Fast, als würde er die Musik gerade selber komponieren. Zwischen den Lesepassagen sorgen Steinhoff und Ranisch erstmal für Unterhaltung durch alternative Romananfänge. Die Titel der Bücher: Das Parfüm, Die Leiden des jungen Werther und Winnetou waren vorher abgesprochen, der erste Satz ist immer das Original. Alle drei Romananfänge werden vorgelesen, das Publikum soll anschließend darüber abstimmen, welcher Anfang das Original ist. Zum Leidwesen von Autor und Moderator gelingt es nur einmal, die Zuhörenden zu täuschen.

Die gesamte Atmosphäre während der Veranstaltung ist sehr entspannt und beschwingt. Während des Programmpunktes The plot is hot, in welchem Ranisch ganz spontan aus mehreren Schlagwörtern einen originellen Plot bauen muss, sorgt er für Lacher im Publikum. Er versteht es, die einzelnen Wörter auf eine sehr unterhaltsame Weise zu verbinden. Als die Präsentation eines zweiten Textabschnitts folgt, der das komplizierte Verhältnis zwischen Jannik und seinem Vater thematisiert, wird es kurzzeitig etwas ruhiger im Raum. Janniks Vater drangsaliert seinen Sohn aufgrund seines Übergewichts, schleppt ihn sogar zu einem Arzt, weil ihm Janniks Stimme zu hoch scheint und sein Bartwuchs noch nicht vorhanden ist. Jannik selber erträgt das ganze Prozedere, er möchte seinen Vater friedlich stimmen und ist noch nicht bereit, sich zu outen.

Das Ende der Literaturshow an diesem Abend kommt überraschend plötzlich. Es geht ein Abend zu Ende, der ganz im Sinne des Formats wieder aufs Neue bewiesen hat, dass es möglich ist, die klassische Lesung mit Unterhaltung zu verbinden. Wer sich davon ebenfalls überzeugen lassen möchte, hat am 7. Juni das nächste Mal im Literaturhaus Bonn Gelegenheit dazu. Dann ist die Autorin Josefine Rieks mit ihrem Erstling Serverland bei Dorian Steinhoff zu Gast.

 

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