Raunende Dialoge am warm-wirren Strand.

Ein investigativer Sonntagsbesuch in der Ausstellung »James Cook – Die Entdeckung der Südsee«

Es ist Sonntag in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Noch drei Wochen läuft »James Cook« und wie immer lockt das nahende Ende einer Ausstellung viele Besucher. Zeit für einen Besuch und den Erlebnisbericht eines ganz persönlichen Museumstages. Über Bonn liegt das Grau eines Februartages. Als ich um drei Uhr ankomme, ist die Garderobe fast voll belegt. Im hauseigenen Café ist gerade die Kaffezeit in vollem Gange. Ich mache sogleich routinierte Museumsbesucher in Hemd und Satinschal aus, die über ihrem Apfelkuchen Feinheiten der Kunst debattieren. Dazu trinkt man Tomatensaft – die gleiche Unsitte wie in Flugzeugen, die dabei ein bisschen Exklusivität verspricht. Ich kaufe die Tickets und muss auf meinen Audioguide zehn Minuten warten. »Die sind leider aus«, kommentiert die freundliche Museumsangestellte entschuldigend; offenbar nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Neben ihr steht ein Warnhinweis, die Nachbarausstellung »Neugier. Sammlerkunst des 20. Jahrhunderts« enthielte explizite Darstellungen von Gewalt und Sexualität –  wenig Überraschung von dieser Seite und mehr Neugier macht das Schild mir jedenfalls auch nicht. Mein Warten hat ein Ende und ich betrete den Kinoraum vor der Ausstellung. Auf der Leinwand liegt ein bewusstloser Schiffbrüchiger an einem Inselstrand. Die Kamera nimmt in ruhigen Einstellungen für Minuten Details auf, den Wellengang, die sich biegenden Palmen, den Schatten der Blätter. Doch dann entpuppt sich der Film als simpler Sketch in Dauerschleife über einen erwachenden Durstigen und eine fallende Kokosnuss, der selbst  Monthy Python zu schade gewesen wäre. Einige fassungslose Gesichter harren auch die zweite Wiederholung aus und kritisieren das vertane Informationspotential: »Da muss doch noch was kommen.« Ich aber betrete nun zumindest emotional eingestimmt die Ausstellung. Direkt hinter dem Eingang schaut mir der Namensgeber selbst von dem von den Plakaten bekannten Gemälde entgegen. James Cook ist dargestellt als älterer Mann, unverkennbar Engländer von Haltung und Uniform, und deutet auf eine im Bild beinhaltete Karte der Südhalbkugel. Sie ist eine der Errungenschaften seiner Reisen, die – der Audioguide verrät es – teilweise noch bis ins 20. Jahrhundert verwendet wurde. Schon befinde ich mich mitten in der Informationsberieselung zwischen Texttafeln, Glasvitrinen und Wandgemälden. Eine Übersicht zur Epoche der Aufklärung versucht Cooks Reisen mit den politischen Revolutionen Europas der Zeit in Zusammenhang zu bringen. Ich spare mir den Rest und folge den meisten anderen Besuchern zu den ersten ausgestellten Artefakten: Cooks Fernrohr, Degen und die Schiffsbibel der Endeavour. Zwei Jugendliche witzeln in Newspeech: »N’ ungebauter Kohlefrachter. Lol. Was für’n Crap.« Immerhin haben sie irgendwie ins Museum gefunden, denke ich. [caption id="attachment_2511" align="alignleft" width="246" caption="Cook nach Nathaniel Dance 1776"]Cook nach Nathaniel Dance 1776[/caption] Hinter dem Eingangsbereich beginnt die eigentliche Ausstellung an drei in den Boden eingelassenen Weltkarten. Auf ihnen sind die drei Reisen Cooks in verwirrenden Strichmustern nachgezeichnet. Die meisten Betrachter runzeln die Stirn und aktivieren die Audiohilfen, dann erst ziehen sie pflichtbewusst erhellt die Augenbrauen hoch. Von den Karten ziehen sich Linien durch den Museumsraum und streifen einzelne Themenpavillions, die den Reisepunkten Cooks entsprechen. Sie sind jeweils mit dem Datum der Landung versehen. Eine klare Museumsführung gibt es hingegen nicht und zudem sind einige Pavillons recht spärlich gehalten. Vor Feuerland (11.1.1769), das kaum mehr als eine Vitrine umfasst, rätseln zwei Besucher über die Namensbedeutung: »Wahrscheinlich haben die Indianer da einfach gern Feuer gemacht.«. Kein so verkehrter Gedanke, eigentlich. Der Überblick geht rasch verloren. Ich versuche einer Reiselinie am Boden zu folgen und ende an einer Wand ohne Durchgang. Ausgestellt sind Bilder von exotischen Tieren und Pflanzen, Handelsgüter und Ritualgegenstände. Ein Schild betitelt »Zeremoniendeichsel«, ohne genaueres zu erklären. Immer wieder finden sich Bilder von Bordmalern wie William Hodges als frühe Formen der Reisedokumentation. Während ich noch darüber nachdenke, verliere ich meine Begleitung – eine Referendarin – in einer französischen Reisegruppe irgendwo auf Tahiti (13.4.1769). Ein Kind zupft seiner Mutter hilflos am Ärmel: »Hier waren wir doch schon mal, oder?« Tatsächlich ist die Ausstellung als Rundgang konzipiert. Ich lasse mich einfach von der irrenden Menge mitziehen. Vor Sibirien (30.3.1778) starren viele von ihnen auf zwei deplaziert wirkende Monitore, die die Bedeutung von Längen und Breitengraden erklären. Irgendwo klingelt ein Handy. Vor Hawaii (23.11.1778) treffe ich Mutter und Sohn erneut mit rätselndem Blick auf einen prachtvollen Kopfschmuck: »Wie heißt der Dings nochma? / Das ist ein Federgott. / Nee, der Kapitän / Ach so. Captain Cook.« Gegenüber stoße ich auf das Herzstück der Ausstellung, eine Vitrinenwand mit Gegenständen aus Nordamerika, Flechtarbeiten, Ruder, Musikinstrumente, Kleidung. Meine Begleitung erwartet mich bereits: »Hast du die Waffen gesehen? Sehen echt gruselig aus, hm?« Ich betrachte die verzierten Holzknüppel und muss mich innerlich gegen europäische Kolonialbilder von brutalen Eingeborenen wehren. An der Wand vor Maqueras (7.3.1774) stößt man unweigerlich auf das Gemälde Der Tod des Captain Cooks am 14. Februar 1779. Johann Joseph Zoffany malte zehn Jahre später in fast griechischem Pathos die englische Sicht der Dinge: Nackte Eingeborene fallen wütend über die ungläubigen und zahlenmäßig unterlegenen Forscher her. Zwei Freundinnen kommentieren kopfschüttelnd: »Die wollten den irgendwie umbringen.« Wahre Anteilnahme steht in fast allen Gesichtern. Nur der Audioguide verweist auf die Umstände: Cook selbst hatte auf seiner dritten Reise viel von seiner Sensibilität und Aufgeschlossenheit eingebüßt und bei seinem Besuch auf Hawaii im Zorn über einen Diebstahl einen befreundeten Häuptling als Geisel genommen. Zudem kam er zur falschen Zeit, der rituellen Periode des dortigen Kriegsgottes. Der noble Kapitän stirbt im selbstverschuldeten Kampf. Gleich in Nachbarschaft befindet sich mit dem Kinderbereich der Ausgang der Ausstellung. Eine Mutter liest ihrem Nachwuchs über Piraten vor. Der Boden ist übersät mit Papierfliegern. »Reisen und entdecken. Ein Raum für spielerisches Lernen«, steht in großen Buchstaben darüber. Es könnte das Motto der ganzen Ausstellung sein. Ich drehe noch eine Runde auf eigener Route. Zwischen pikanten Details, wie etwa den sexuellen Verhältnissen der Mannschaft zu den Eingeborenen, hübschen Schiffsmodellen und ansehnlichen Gemälden der einzelnen Pavillons entsteht tatsächlich so etwas wie kreatives Chaos, das – ob gewollt oder nicht – einfach Spaß macht. Der Besucher wird hier auf den Spuren des Entdeckers Cook selbst zum Entdecker. Der pädagogische Lerngehalt darf aber angezweifelt werden. Vor dem Ausgang höre ich eine Unterhaltung eines älteren Pärchens mit: »Ist schon gut, dass die Deutschen ihre Kolonien frühzeitig verloren haben. / Das ist wie mit den Inkas. Die wären eh untergegangen.« Die Ausstellung »James Cook und die Entdeckung der Südsee« ist noch bis zum 28. Februar 2010 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.

 

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