Regeln der Kunst

Die Regeln der Kunst, Pflicht und Neigung in Studium und Beruf zu vereinen, beherrscht Christian Eichner eindrucksvoll: Neben Germanistik hat er auch die Juristerei durchaus studiert, und keineswegs nur mit heißem Bemühen. Während der promovierte Jurist und Master of Laws Eichner bei einer international operierenden Rechtsanwaltssozietät in Düsseldorf im Bereich »Mergers & Acquisitions« börsennotierte Wirtschaftsunternehmen berät, wendet der Magister Artium Eichner etwa Pierre Bourdieus Funktionsweisen des Literarischen Feldes auf die Literatur der Frühromantik an.Die Regeln der Kunst, Pflicht und Neigung in Studium und Beruf zu vereinen, beherrscht Christian Eichner eindrucksvoll: Neben Germanistik hat er auch die Juristerei durchaus studiert, und keineswegs nur mit heißem Bemühen. Während der promovierte Jurist und Master of Laws Eichner bei einer international operierenden Rechtsanwaltssozietät in Düsseldorf im Bereich »Mergers & Acquisitions« börsennotierte Wirtschaftsunternehmen berät, wendet der Magister Artium Eichner etwa Pierre Bourdieus Funktionsweisen des Literarischen Feldes auf die Literatur der Frühromantik an. Auch im Berufsleben angekommen lässt der 33-Jährige längst nicht von der Neigung ab: Neben seiner Tätigkeit in der Sozietät verfolgt Eichner an der Universität Marburg ein Habilitationsprojekt zu Großstadtromanen in den 1920er Jahren im Fach Germanistik. Dass Fachkenntnisse in beiden recht verschiedenen Disziplinen von Nutzen sind und sich sogar prima ergänzen, diesen Beweis hat Eichner jüngst geführt: Im Streitfall um den Schriftsteller Maxim Biller, dessen Roman Esra verboten und der im Widerstreit zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht mittlerweile durch drei Instanzen gegangen ist. Der Fall liegt derzeit dem Bundesverfassungsgericht vor. Jemanden zu fragen, der sich mit so etwas auskennt – auf diese Idee war noch kein Richter gekommen. Gemeinsam mit dem Marburger Germanisten York-Gothart Mix erstellte Eichner ein Gutachten zu dem Fall und schloss damit diese interdisziplinäre Lücke. Sie kommen übrigens – das sei hier nebenbei bemerkt – zu dem Ergebnis, der Fall sei »unbedingt im Sinne der Kunstfreiheit zu entscheiden« (bei literaturkritik.de ist das Gutachten im Volltext abrufbar, in dem Essay Ein Fehlurteil als Maßstab? fassen die beiden am angegebenen Ort ihr unter anderem am Beispiel von Klaus Manns Mephisto rechts- und literarhistorisch legitimiertes Fazit zusammen). Dass auch der berüchtigte juristische Gutachtenstil an literarischen Kenntnissen jedenfalls nicht leidet, demonstriert dieses Schriftstück obendrein. Von seinem Wandeln zwischen Pflicht und Neigung und den (oder auch: dem) Regeln der Kunst berichtet Eichner in unserem Germanisten-Fragebogen. Und er weist darauf hin, dass »Wanderer zwischen den Welten« so selten gar nicht sind.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Christian Eichner:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? Ich habe an der LMU München Germanistik mit Hauptfach Neuere deutsche Literatur von 1994 (mit Unterbrechungen) bis 2001 studiert (M.A.-Abschluss). Daneben habe ich allerdings auch Rechtswissenschaften an der LMU studiert und bin seit 2001 als Rechtsanwalt zugelassen und nach einer juristischen Promotion an der Universität Bayreuth und einem Postgraduiertenstudium (LL.M.) an der New York University seit 2002 in Düsseldorf als Wirtschaftsanwalt tätig.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? Die Kombination aus Rechtswissenschaften und Germanistik war ursprünglich die klassische Verbindung aus »Pflicht und Neigung«.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Das Bild der Kunst und der Habitus des Künstlers in epischen und literaturkritischen Texten der Frühromantik.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Die Literatur der Frühromantik ist bereits ein ausgezeichnetes Beispiel für die Funktionsweisen des literarischen Feldes, das Pierre Bourdieu beschreibt.
  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Mein bevorzugter Professor war (und ist) Herr Professor York-Gothart Mix von der Universität Marburg. Herrn Professor Mix gelingt es unter anderem immer wieder aufs Neue, spannende und einflussreiche literaturwissenschaftliche Themen in grandioser Weise in Bezug zum literarischen Feld zu setzen. Vor kurzem durfte ich gemeinsam mit Herrn Professor Mix einen Aufsatz zum Fall Esra veröffentlichen, der erstmalig die literaturwissenschaftlichen und juristischen Aspekte dieses Rechtsstreits, der mittlerweile vor dem Bundesverfassungsgericht anhängig ist, verknüpfte (vgl. www.literaturkritik.de).
  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Die Literatur hat zu viele wunderbare Geschöpfe hervorgebracht, als dass ich Lieblinge benennen könnte.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Ich bin aus literaturwissenschaftlicher Sicht zunächst in eine vollkommen andere Richtung gegangen: Zuerst war ich ausschließlich als Wirtschaftsanwalt tätig und teile mir mittlerweile meine Arbeit so ein, dass sie sich (idealerweise) mit einer Habilitation im literaturwissenschaftlichen Bereich verbinden lässt.
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? Nach einer zeitlich und inhaltlich recht umfangreichen rechtswissenschaftlichen Ausbildung wollte ich unbedingt Wirtschaftsanwalt in einer internationalen Rechtsanwaltssozietät werden und bin mittlerweile Partner im Gesellschaftsrecht bei Lovells am Standort Düsseldorf. Mein paralleles Engagement in der Literaturwissenschaft erlaubt es mir, das »Wandern zwischen den Welten« fortzusetzen, das ich im Rahmen meines Studiums begann. Dies ist für mich die optimale Kombination.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Ich gehe fest davon aus, dass mir das im Germanistik-Studium erworbene Wissen hilft. Das Studium hat meine Sensibilität gegenüber der Sprache in praktischer und theoretischer Hinsicht verstärkt und meiner Liebe zur Literatur eine »Verfassung« gegeben.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Ja. Allerdings würde ich es auch wieder mit einem Jura-Studium verbinden.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Natürlich gibt es Juristen, die auch Germanistik studiert haben. So hat beispielsweise Professor Claus-Wilhelm Canaris, einer der bedeutendsten und einflussreichsten Zivilrechtslehrer der Bundesrepublik, auch Germanistik studiert. Voraussetzung für den Anwaltsberuf sind jedoch in erster Linie ein rechtswissenschaftliches Studium und eine praktische Ausbildung (Referendariat).
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Den Germanistik-Studenten in meinen Seminaren rate ich stets, Erfahrungen im (englischsprachigen) Ausland zu sammeln, sich Zusatzqualifikationen im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich aufzubauen und sehr früh und konzentriert an Differenzqualitäten im eigenen Lebenslauf zu arbeiten, um sich von der breiten Masse abzusetzen und damit beruflich breiter aufgestellt zu sein.

 

Hinweis: Im ersten Teil unserer Serie GermanistInnen im Beruf gab Martin Sonneborn Auskunft über seinen Werdegang, im zweiten der Journalist Jan Sting, im dritten der Journalist und Fotograf Axel Joerss. Nach diesen drei Herren kamen mit der Wissenschaftslektorin Christine Henschel und der Schriftstellerin Nikola Richter zwei Damen an die Reihe, bevor Schriftsteller Burkhard Spinnen den K.A.-Fragebogen ausfüllte. Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig präsentierte sehr heitere Antworten, die allerdings verdeutlichen, dass nach der Hochschulreform vielleicht eher nicht das aus ihr geworden wäre, was sie nun ist – zumindest nicht mit einem Germanistik-Studium. Und begleitend zu einer Veranstaltung des Alumni-Clubs der Uni Bonn erschienen im Februar 2007 die Fragebögen von ZEIT-Redakteur Adam Soboczynski, Cornelia Schu vom Wissenschaftsrat und WDR-Radiomoderator David Eisermann. Im März beantwortete dann Swantje Lichtenstein den Fragebogen. Danach verriet uns Carla Christiany, wie sie mit dem Germanistik-Studium im Gepäck den Sprung über die Alpen nach Italien geschafft hat, und zuletzt gab Christoph Wenzel einen Einblick in seinen ganz der Literatur gewidmeten Alltag. Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Wissenschaftsjahr 2007 Der Fragebogen »Germanisten im Beruf« ist Bestandteil des »Jahres der Geisteswissenschaften 2007«.

 

Christian Eichner (Foto: privat)Dr. Christian Eichner, geboren am 15. Oktober 1973 in Coburg, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Université de Genève Rechtswissenschaften und Germanistik (Hauptfach Neuere deutsche Literatur; Abschluss: M.A.). Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt im Jahr 2001, rechtswissenschaftlicher Promotion und »Master of Laws« – kurz: LL.M.-Studium – an der New York University arbeitete er zunächst bei der internationalen Rechtsanwaltssozietät Freshfields Bruckhaus Deringer und wechselte 2005 zur internationalen Rechtsanwaltssozietät Lovells, wo er seit 2007 als Partner vornehmlich börsennotierte Aktiengesellschaften berät und im »Mergers & Acquisitions«-Bereich aktiv ist. Neben seiner Tätigkeit als Anwalt verfolgt Eichner ein Habilitationsprojekt im literaturwissenschaftlichen Bereich zu Großstadtromanen in den 1920er Jahren an der Philipps-Universität Marburg.

 

 

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