Schach dem Krimi!

Manfred Poser wendet sich nach dem jüngsten Intermezzo wieder seinem beliebten Reizthema zu: dem Krimi

Die Welt der Geheimgesellschaften leuchtet in Friedrich Schillers Geisterseher kurz auf. Der Prinz, Hauptfigur in den Papieren des Grafen von O., landet in den Fängen des Ordens Bucentauro, der »die zügelloseste Lizenz der Meinungen wie der Sitten begünstigte«. Bei diesem Hinweis bleibt es auch, und was zügellos bedeutet, muss man in Marquis de Sades Histoire de Juliette nachlesen, deren 2000 Seiten ich gerade hinter mich gebracht habe. Ziemlich qualvolle Lektüre, die einen eigenen Beitrag verdiente. Schillers Prinz jedenfalls verliebt sich in eine schöne Griechin und kehrt in den Schoß … der Kirche zurück.

Den Kriminalroman hat Edgar Allan Poe (1809–1849) begründet. Man sollte ein wenig in Schillers Geisterseher lesen und dann zu der Erzählung Der Goldkäfer von Poe übergehen. Man wird den Eindruck haben, dass mehr als ein Jahrhundert zwischen den beiden Werken liegen müsse – doch es sind nur 50 Jahre. Schiller schreibt wie ein Klassiker, und auch E. T. A. Hoffmann hatte noch diesen gespreizten Stil.

Dann kam Poe, der die Rätsel in seinen Plot packte und nicht in eine ausufernde Sprache. Damit fegte er die Klassiker so lässig beiseite, wie Hemingway hundert Jahre später mit seiner kargen, bedeutungsvollen Prosa die pathetischen Schwätzer aus den 1920-er Jahren schlecht aussehen ließ. Im Goldkäfer löst William Legrand das Rätsel um eine Geheimschrift so, dass jeder hingerissen sein muss. Es geht um den Fund des Schatzes, und was dann mit den eineinhalb Millionen Dollar passiert, interessiert den Autor nicht mehr groß. Das liest man mit angehaltenem Atem.

Täglich am Tatort

Angehaltener Atem. Hochspannung. Leere Straßen: Alle sehen fern. In den 1960-er Jahren gab es die Mitrate-Krimis im deutschen Fernsehen, das damals aus zwei Sendern bestand. Es war die Zeit, als gegen 23 Uhr Sendeschluss verfügt wurde und die ganze Nacht ein geisterhaftes Testbild den Bildschirm heimsuchte, bis es am nächsten Tag gegen 16 Uhr endlich weiterging. Es war die Epoche, als man auf die Zugkraft von Namen wie Edgar Wallace vertraute und Sir Francis Durbridge, der Knaller wie Melissa verantwortete.

Und es gab Stahlnetz – super Titel –, eine Reihe, die zwischen 1958 und 1968 lief. Jürgen Roland (1925–2007) inszenierte sie, ein sympathischer Glatzkopf, und es waren »Straßenfeger«, wie man sagte. Von 1967 bis 1973 leitete er Dem Täter auf der Spur, wo am Schluss kurz die Verdächtigen vorgestellt wurden. Jürgen Roland drehte sich zur Kamera, lächelte wissend und sagte: »Also ich kenne den Täter. Und Sie?«

Krimis sind Whodunits. Wer war es? Auch die Quantentheorie und die Viele-Welten-Theorie haben nichts daran geändert, denn auf ihrer Basis könnte man sagen: Jeder war es, den man dafür hält. Das Universum ist unbestimmt, das Bewusstsein gibt den Ausschlag, etwa wie in dem 20-Fragen-Spiel, das Michael Talbot in seinem Buch Beyond the Quantum vorstellt. Eine Versuchsperson soll ein Ding erraten und zu diesem Zweck einer Gruppe, die sich vorher beraten hat, Fragen stellen. »Ist es ein Tier?« – »Nein.« – »Ist es eine Pflanze?« – »Nein.« Nur antwortet jeder nach Belieben, und die Lösung entsteht im Bewusstsein des Fragers. »Ist es eine Wolke?« – »Ja.«

 

Wolke (Foto: Manfred Poser)
Zum Beispiel diese.
(Foto: Manfred Poser)

Herbert Reinecker, Autor der Reihe Der Kommissar (mit Erik Ode), war in den 1960-er Jahren mutig. Bei ihm war manchmal eine ganze Gruppe verantwortlich, hatte jemanden zum Tode verurteilt; oder eine Gruppe sah zu, ließ den Täter gewähren und wurde so mitschuldig; oder jemand war’s und wollte es nicht – oder jemand plante es und wollte es, aber ein anderer tat es. Es war eine kleine Morallehre in 60 Minuten.

Der Tatort birgt wenig Überraschungen. Da dreht sich ab der Hälfte das Roulette: Wer um 21:10 verdächtig ist, war’s nicht; wer um 21:30 kreuzverhört wird, ist auch unschuldig, und um 21:40 Uhr zieht sich das Netz zu. Sehr gut sind die Filme mit Ulrike Folkerts (55 Tatorte in 22 Jahren »Dienst«), die ich gern sehe. Doch da muss ich gleich Im Abseits ausnehmen, den Krimi zur Frauen-Fußball-WM 2011. Tod einer Lehrerin (wie ein Kommissar-Titel) im September war überzeugend und spannend; das Finale hat man etwas verschenkt, es ging eben um eine soziologische Studie, motiviert durch eine Mordtat, denn man muss etwas erzählen, passieren muss etwas. Mich nervt jedoch das hektische Gemenschel über 90 Minuten. Muss Handlung sein?

Numbers

Numbers, eine US-Serie, mit produziert von Alien-Regisseur Ridley Scott, will an der vordersten Front sein. Da gibt es den irren Physiker, der das Higgs-Teilchen sucht und damit Gott (nicht besonders originell), sowie den jungen blitzgescheiten Mathematiker, der an Beispielen aus dem Sport menschliche Verhaltensweisen erläutert, denn er ist ja Profiler, also ein besserer Kriminalpsychologe. Ermitteln kann ja jeder, es genügt eine gewisse Intelligenz, und somit befinden wir uns im Revier der Quereinsteiger. Alle durften schon und dürfen mal ran, Psychologen, Journalisten, Lehrer, Pensionäre (die weibliche Form ist mit gemeint), und dass Dummheit kein Hindernis ist, zeigt uns der Allgäuer Buch-Kommissar Kluftinger.

Numbers hatte einen Film, in dem das Schachspiel eine Rolle spielte. Ein Untersuchungshäftling ließ sich von einem Jungen besuchen und gab ihm die Notation von Partien mit, doch diese Züge verbargen etwas. Die Figur, die geschlagen wurde, war das Mitglied einer bestimmten Gang, die damit zum Tode verurteilt war. Das Schachspiel ist wie geschaffen für den Krimi. Es stellt sozusagen eine Repräsentation dar in Zeit und Raum. Dass die Figuren Menschen repräsentieren, ist die naheliegendste Version, die fast die Intelligenz der Zuschauer beleidigt. Beim Stand unseres Wissens müsste man damit rechnen, dass die Notation der Züge eine weitere Geheimschrift versteckt, die wiederum entschlüsselt werden müsste … und so fort.

Verschlüsselungen

Es ist klar, dass im Krimi der Autor einen Text verschlüsselt und dem Leser den Schlüssel zur Entschlüsselung zur Verfügung stellt. Der Krimi will nur eine Lösung – und diese Simplizität macht ihn so attraktiv. Kommt gleich nach dem Kreuzworträtsel. Warum ist der Krimi so beliebt? Warum wollen Leute freiwillig Rätsel lösen? Mal ganz schlicht und anthropologisch gedacht: Der Mensch war in eine feindliche Umwelt geworfen. Er musste von Anbeginn achtsam sein – Landschaft, Wetter und Situation musste er lesen können, da gab es wilde Tiere und heraufziehende Stürme, und: Gefahr erkannt, Gefahr (fast schon) gebannt. Was man nicht alles lesen musste, um sich nicht unterkriegen zu lassen: den Gesichtsausdruck des Fürsten, die Miene des Eheweibs, die Entschlossenheit des Gegners.

 

Rätsel (Foto: Manfred Poser)
Die Rätsel.
(Foto: Manfred Poser)

Auch heute sind wir in fremder Umwelt gefordert – du musst in einem Bahnhof umsteigen, hörst auf die Durchsagen, beobachtest die Mitreisenden, und dein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Davon ist uns auch in der Freizeit eine grundsätzliche Leselust geblieben, eine Neugier und die Freude an der Herausforderung.

Aber zu sehr anstrengen will man sich auch nicht. Und man will Klarheit: Was ist passiert, wer war es, in Farbe und Großschrift, dann kann man beruhigt zu Bette gehen. Die Autoren wissen das und schreiben so. Doch wenn wir die Rätsel billig verkaufen, sie verramschen, kommen wir nicht weiter. Michel Foucault meint am Ende seines Buchs Die Ordnung der Dinge, wenn die Sprache sich wieder schließe und sich zurückziehe, werde auch der Mensch verschwinden. Die Rätsel sind wichtig; je größer und schwieriger die Rätsel, desto edler unsere Aufgabe, und wenn wir es uns damit zu leicht machen, trocknen wir aus und fallen der Demenz anheim. So wird der geistig unbewegte Mensch sich wieder in Richtung Pflanzenreich bewegen.

 

 

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