Scheitern am Klischee

Irina Wittmer: Linda HaselwanderEs gibt Bücher, deren Titel so grauenhaft ist und deren Klappentext so stereotyp süßlich daherkommt, dass sie eigentlich sofort abschrecken sollten. Aber gerade dann fühlt man sich bisweilen doch versucht, der Qualität des Textes auf den Zahn zu fühlen. So entpuppt sich manches angebliche Kitschkonglomerat als bissiger als erwartet.

Irina Wittmers Roman trägt also tatsächlich den Titel Linda Haselwander. Auf dem Buchumschlag heißt es:

Der Roman erzählt die Entwicklung eines schwärmerischen Mädchens vom Land zu einer schönen starken Frau. Linda ist glücklich verheiratet. Trotzdem denkt sie an ihre Jugendliebe, den Pianisten Malte Olson. Sie kann alles ertragen, nur die Vorstellung nicht, ihn nie wiederzusehen.

Wem dies nicht auf den Magen schlägt, sei um denselben beneidet. Die Zusammenfassung vermittelt den Eindruck, dass sich Wittmers Text nicht einmal für die »Freche Frauen«- Rubrik eignet. Dass er dies tatsächlich nicht tut, liegt allerdings nicht an dem tragisch-weinerlichen Unerfüllte-Liebe-Plot, von dem der Klappentext erzählt, sondern an dem, was man bereits nach der ersten Seite finden kann: unterschwellige Selbstironie.

Der Roman beginnt mit der Geburt Lindas im Haus ihrer Eltern Anfang der 1950er Jahre. In Szene gesetzt wird eine biedere Bäckerfamilie aus der tiefsten Provinz: Vater steht hinter der Theke, wenn die Ladenglocke läutet. Großmutter kümmert sich um die Wäsche. Alle packen mit an und währenddessen liegt Mutter auf dem Kanapee und gebiert.

Linda wächst in einem Hort erstklassiger deutscher Spießigkeit auf: dem Schwarzwald, Gefilde der Kuckucksuhren und der röhrenden Hirsche. Ihr Dorf und die Landschaft werden mit ruhiger Präzision beschrieben. Alles ist in einem stillen Ton gehalten. Die brachialsten Provinzklischees werden erbarmungslos bedient, doch immer – und das macht den Text eben nicht zu einer Groschenheftgeschichte – mit einem ironischen Augenzwinkern. So wird kurz und unkommentiert eingestreut, welchen Umständen Linda ihren Namen zu verdanken hat: Die Mutter fand ihn einst in einem Roman, in dem ein Pfarrer auf einer afrikanischen Missionsstation seiner Frau in der Hochzeitsnacht erläutert: »Linda, was ich jetzt tun muß, geschieht im Namen des Herrn.« Und so geht es weiter. Selbst die erste »schmutzige« Szene fällt so aus, wie man sich Sex in den hochdeutschbefreiten Tannenwaldzonen immer vorgestellt hat: tölpelhaft.

Linda […] sieht den Vater und die dicke Hieberin, die sich hinter der Theke gebückt hat, wie sie sich immer beim Putzen bückt. Aber ihr fleckiger geblümter Rock ist hochgeklappt, so dass Linda die Unterhose sehen kann und die rosa Strapse, an denen die Strümpfe spannen. Die dicke Hieberin bewegt sich unruhig hin und her, während der Vater ihr den Hintern tätschelt wie die Großmutter der Kuh nach dem Melken immer.

Natürlich lodert es im Untergrund des Krüppelwalmdachparadieses: Lindas Mutter ist autoaggressiv bis suizidgefährdet, die Großmutter tyrannisch und der Vater hat, wie man sieht, Affären, dazu ist er natürlich auch noch Nazi. Wer jetzt denkt »Ach wie?! Das ländliche Idyll ist nicht vollkommen heile?! Das ist ja mal was ganz Neues!«, möge sich bitte erst einmal bedeckt halten. Die Risse und Brüche der bukolischen Spießigkeit werden nämlich genauso trocken und kommentarlos geliefert wie die Stereotypen. Die Ironie hat es nicht auf etwas Spezifisches abgesehen. Es geht nicht ums Entlarven, Anklagen oder Bloßstellen. Im Vordergrund steht ausschließlich das reine Erzählen.

Nach Lindas Kindheit werden drei weitere kurze Erzählungen eingeschoben. Eine berichtet von Malte, in den sich Linda verlieben wird, eine weitere von Hermina, der Mutter von Lindas künftigem Ehemann, und die dritte von Franz, dem Sohn Herminas. Danach fährt der Text mit Lindas Jugend fort. Darin geschieht so ziemlich alles, was man von der Jugend eines leicht verträumten und halbwegs rebellischen Mädchens auf dem Lande erwarten kann: Konflikte mit der Familie, erste menschliche Enttäuschung, eine enge Freundschaft, versponnene Naturrituale, ein Hund als Kummerkasten und natürlich die erste große Liebe. Diese wird verkörpert durch den jungen, frisch mit seiner Familie zugezogenen und natürlich Hochdeutsch sprechenden Pianisten Malte. Und damit hätte man dann auch noch, um den Kitsch abzurunden, die Musik in der Geschichte. Selbstverständlich wird die Liebe nicht eindeutig erwidert, immer mal wieder mit Hoffnung angefacht, aber erfüllen wird sie sich, zunächst zumindest, nicht.

Irgendwann folgt, wie zu erwarten war, der große Knall. Linda bricht von zu Hause aus und stiehlt sich nach München, wo sie glücklicherweise an Franz und Hermina gerät. Nun wird es leider anstrengend: Hermina ist Jüdin und während ihrer Jugend dem Tod nur knapp entkommen. Ihr Sohn Franz, drei Jahre älter als Linda, interessiert sich fast ausschließlich für sein Studium und steht dem Judentum eher gleichgültig gegenüber. Linda, in deren Leben kurz nach der Ankunft in München auf einmal alles bis auf eine Ausnahme ohne nennenswerte Komplikationen verläuft, wird das erste Mal intensiv mit der deutschen Vergangenheit konfrontiert. Ab dieser Wende wird der Text flach. Natürlich tief betrübt fängt Linda an, kritisch über die Geschichte und das Selbstbild vieler Deutscher nachzudenken usw. All dies geschieht jedoch immer nur häppchenweise. Bilderbuchkritisch und vollkommen unneurotisch geht Linda mit dem Thema Judentum um, wenn es hin und wieder auftaucht. Denn eigentlich dreht sich für sie ja alles immer noch um Malte.

Die Normalität, die hier erzeugt werden soll, wirkt allzu bemüht. Irgendwann heiratet sie Franz, beide ziehen in die USA und setzen zwei Kinder in die Welt. Aber zuvor bricht die durchgängige Erzählung ab und die Ereignisse dürfen fortan nur noch anhand von Briefen entschlüsselt werden, die Linda erhält. Schließlich bricht auch dies ab. Linda ist inzwischen mit ihrer Familie nach Mainz gezogen, der Leser sieht sich nun mit ihrem Tagebuch konfrontiert. Zuvor aber musste er ihren Briefen tatsächlich entnehmen, dass sie allen Ernstes Schriftstellerin geworden ist! Viele Stereotypen und grausam erfüllte Durchschnittserwartungen hat man bis zu dieser Stelle der von ihrer Protagonistin ziemlich distanzierten Erzählinstanz zurechnen können. Man hat sich einreden können, dass hier eben ein möchtegernkreativer Durchschnittscharakter erschaffen worden ist, dem man beim Leben zusehen kann. Aber dem Tagebuch dieses Menschen will man partout nicht ausgeliefert sein.

Und es wird schlimmer. Denn natürlich lässt sie die Malte-Episode immer noch nicht los, natürlich taucht er schließlich auch wieder auf und schickt ihr dann tatsächlich einen Liebesbrief. Beide treffen sich in Paris (!). Der Text endet mit Lindas Tod, greift aber noch einmal in variierter Form die ersten Sätze auf, was bewirkt, dass man sich der Enttäuschung, die einem dieser Roman in seinem Verlauf bereitet hat, vollends bewusst wird. Gut, wenn Texte die Möglichkeit bieten, ironisch gelesen zu werden – aber es gibt Eigenschaften, die diese Möglichkeit, ohne mit der Wimper zu zucken, verspielen. Linda Haselwander besitzt sie leider.

Irina Wittmer: Linda Haselwander. Roman. Alf/Mosel: Rhein-Mosel-Verlag, 2005 (Edition Schrittmacher, Bd. 3). 296 Seiten. ISBN: 3898012034. 12,90 Euro.
Nähere Informationen zur Autorin und zum Buch unter www.linda-haselwander.de.

Ich bekomme Magenkrummen,

Ich bekomme Magenkrummen, wenn ich mir den vergangen Mief bewußt mache und mir dann auch Gedanken über den gegenwärtigen Mief mache. Ich denke, dass das gewollt ist, jedenfalls ist das ein sinnvoller Effekt.

Ein derartig eingängiges und plastisches Bild unserer nahen Vergangenheit, die auch in unsere Gegenwart hineinreicht, findet man sonst nicht so ohne Weiteres und ich bin dankbar, dass es das Linda Haselwander gibt. Die Arme, hat auch noch so einen bescheuerten Namen! Die Autorin läßt - konsequent! - nichts aus.
Für mich war es wieder mal ein Buch, an dessen Ende ich mich von der Hauptfigur einfach nicht verabschieden wollte. Leider kommt aber nach der letzten Seite keine neue Seite mehr. Am Ende ist Schluß. Leider!
Felicitas Hook

Mir hat das Buch gefallen -

Mir hat das Buch gefallen - wo wird sonst so genau und penibel der Mief der Fünfziger dargestellt. Selber lesen hilft da weiter.

Im Fernsehen wurde ein Lektor

Im Fernsehen wurde ein Lektor gefragt, was ein Exposé über ein Buch aussage. Er erzählte:
„Es kann passieren, dass uns ein Exposé erreicht wie dies: ‚Es geht um einen alternden Universalgelehrten, der mittels Magie ein teuflisches Wesen herbeibeschwört. Dieses verwandelt ihn mithilfe eines Zaubertranks in einen jungen Mann. Der verjüngte Gelehrte verführt ein sehr junges Mädchen. Die wird schwanger, tötet ihr Kind und bringt versehentlich auch ihre Mutter um.’ Was mache ich mit so einem Exposé? Ich schicke es dankend zurück. Und doch ist dies die völlig korrekte Beschreibung eines Theaterstücks, das seit 200 Jahren kontinuierlich gespielt wird, und so wird es in den nächsten 200 Jahren auch sein.“
Daran musste ich denken, als ich obige Kritik von „Linda Haselwander“ las. Wer wissen möchte, worum es in dem ominösen Theaterstück noch geht, muss ins Theater gehen. Wer wissen möchte, was Irina Wittmers Buch wirklich ist, muss es halt lesen.

Das Honorar beläuft sich auf

Das Honorar beläuft sich auf Null. Wir tun das aus reiner Nächstenliebe oder auch purer Boshaftigkeit, was vom Standpunkt des Betrachters abhängt.
Das Lodenparadies stand übrigens auch vorher im Text, fiel dann aber unter den kritischen Hammer von oben.

Wirklich sehr schöner

Wirklich sehr schöner Artikel- wen kümmert da das Honorar...?! Aber eines hab ich nicht verstanden: "Krüppelwalmdachparadieses"- gut, spielt im Schwarzwald, aber "Lodenparadies" wär knackiger gewesen, Loden sind schließlich keine Standort- sondern eine Mentalitätsfrage...grüße, Ella

Danke für die nette Kritik.

Danke für die nette Kritik. Sehr witzig geschrieben. War bestimmt ein Haufen Arbeit für wenig Honorar? Herzlich Irina Wittmer

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!