Schluss mit dem Theater!

Gedanken zu Regietheater, Theaterregisseuren und deren Kritikern

»Schluss mit dem Theater!«, tönt es einstimmig aus dem Munde derer, welche um das Leben unserer Klassiker bangen. Sie verteufeln das Theater der Regisseure, welches mit seiner unbändigen Lust an Provokation, seinem ewigen, oft schon krampfhaften Antikonventionalismus und Dekonstruktivismus klassische Stücke oft bis zur Unkenntlichkeit verreißt und überformt. Der Begriff des Regietheaters wird von seinen Kritikern in diffamierender Absicht gegen Regisseure gebraucht, die solches Theater machen, das in den Augen vieler keines mehr ist. »Regietheater« bezeichnet demnach nicht selten das, was rauskommt, wenn der Regisseur absolute Willkür und Freiheit walten lässt, nicht mehr nur als Interpret, sondern Schöpfer des Stücks fungiert. Regietheater ist fabelloses Theater, d.h. ein Theater, in dem es nicht mehr darum geht, eine stringente, in sich stimmige Handlung auf der Bühne darzustellen. Dieses Theater zeigt undefinierte Figuren, die mit sich selbst nicht identisch sind und sich jeder psychologischen Deutungsweise entziehen. Es ist Theater, das sich nicht als Bildungsinstitution begreifen will, dessen Aufgabe sein soll, klassische Stücke theaterpädagogisch aufzubereiten und mundgerecht zu verabreichen. Zynismus und Ironie haben im Regietheater ihren Siegeszug angetreten und dabei jegliches Pathos vertrieben – und das ist gut so! Liebe Kritiker, ihr stellt euch in eine alte Tradition, die nach Aristoteles Theater als »Nachahmung von Handlung« definiert und wähnt euch damit auf der sicheren Seite, verkennt aber damit die ästhetischen Möglichkeiten der Kunstform Theater. Ihr fordert mehr Werktreue, wobei eigentlich unklar ist, was das konkret bedeuten soll. Möglicherweise ist damit das Inszenieren in der Ästhetik einer vergangenen Epoche, im historischen Stil gemeint oder das genaue Buchstabieren des Dramentexts. Regisseure wie Peter Stein, Peter Zadek oder Claus Peymann scheinen dem Anspruch der Kritiker auf Werktreue zu genügen. Sie gehören einer Generation von Regisseuren an, deren Anliegen es ist, neue Lesarten und Interpretationen der Klassiker auf die Bühne zu bringen, deren Bedeutung und Aktualität in heutiger Zeit zu reflektieren und neue Sinnpotenziale zu entfalten. Regisseure wie diese bewahren unsere Bühnenklassiker vor ihrem Tod, vor ihrer Musealisierung und Konservierung. Die Klassiker brauchen das Theater also, um zu überleben. Aber braucht das Theater den literarischen Text? Ist das Theater denn die Magd der Literatur? Aber Theater kann mehr als nur mimesis und ist mehr als nur die Illustration eines Dramentextes. Ein Dramentext kann wortwörtlich wiedergegeben und das Stück dennoch bis zur Unkenntlichkeit verändert sein. Grund dafür ist, dass der Text nur ein Aspekt von Theaterarbeit ist. Theater ist als eigenständige autonome Kunstform aufzufassen, das auf einem sensiblen Zeichensystem basiert. Auf der Bühne werden mehrere Sprachen gesprochen: Wort-, Ton-, Bild-, Körpersprache. Ton- und Bildebene müssen nicht dem linearen Textverlauf folgen, sie können beispielsweise Zeichen einer globalen Interpretation oder aber auf die Ebene des Texts bezogen vor-oder rückgreifende Zeichen sein. Mehrere Kunstformen, die alle Autonomität für sich beanspruchen, wirken zusammen und vereinigen sich in der Theaterarbeit zu einem Gesamtkunstwerk. Die Autonomie der einzelnen Künste kann dabei in einem Spannungsverhältnis zur Autonomie der Regiearbeit stehen. Man sollte sich jedoch bewusst machen, dass der literarische Text lediglich ein Teil dieser Arbeit im komplexen Gefüge der Zeichenebenen bildet und diese nicht bestimmt. Die Theaterarbeit darf sich dem literarischen Kunstwerk nicht unterordnen, sondern der Text muss sich ins Ganze der Aufführung einfügen. Schon Goethe fordert dies, wenn er sagt: »Der einnehmende Stoff, der anerkannte Gehalt solcher Werke sollte einer Form angenähert werden, die Teils der Bühne überhaupt, teils dem Sinn und Geist der Gegenwart gemäß wäre.« Solche Aussagen provozieren geradezu zu der These, das Weimarer Hoftheater unter der Leitung Goethes habe das Regietheater unserer Zeit bereits vorweggenommen.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin – Foto: © Michael Fielitz/flickr
Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin (Foto: Michael Fielitz/flickr)

Regietheater in seiner kompromisslosesten Form findet sich an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, deren Intendant seit 1992 Frank Castorf ist. Diese hat vor allem in den 90er Jahren mit den Inszenierungen von Frank Castorf, Christoph Marthaler, Johann Kresnik und Christoph Schlingensief für Furore gesorgt. Castorf macht kein Kuscheltheater, Volksbühnenabende sind ungemütlich, anstrengend und lang, denn Castorf will »die Eindeutigkeiten aufkündigen, den Bedeutungen den Boden entziehen«. Der Zuschauer sieht sich mit viel Kunstblut, pinkelnden Schauspielern, fliegendem Kartoffelsalat, nackten Körpern, freigesetzter Sexualität, lärmender Musik, Videoinstallationen, Obszönität, Exzessivität, Aggressivität und Brutalität konfrontiert. Die Volksbühne will dem Zuschauer nicht gefallen, sondern ihn befreien oder quälen und gefangennehmen - wenn es sein muss für sechs Stunden wie in Castorfs Dostojewskij-Inszenierung Dämonen. Hier stehen die Schauspieler und nicht die Figuren, die sie spielen sollen, im Mittelpunkt. Es werden Zustände beschrieben, man wartet beispielsweise stundenlang auf die Landung eines Spielzeughelikopters. Auch wenn sich Castorf und die ästhetischen Mittel, derer er sich bedient, möglicherweise schon erschöpft haben, so hat er das Theater im Kampf gegen bürgerliche Tradition und veraltete Formen doch revolutioniert und befreit. Das Off-Theater hat sich längst etabliert, Videoinstallationen und Musikeinspielungen in den Stadttheatern sind längst keine Besonderheit mehr. Dimiter Gotscheff, der für seine Inszenierung von Tschechovs Iwanow 2006 beim Theatertreffen in Berlin ausgezeichnet wurde, empfindet die Volksbühne als einen »Raum von Fantasie, Utopie und Widerstand«.

»Schluss mit dem Theater!«, könnte auch eine Forderung Carl Hegemanns (Dramaturg an der Volksbühne Berlin) lauten, die sich allerdings komplementär zur (selben) Forderung der Regietheaterkritiker verhalten würde. Denn er ist der Meinung, dass man, um das Theater ins nächste Jahrtausend zu retten, es nicht neu erfinden, sondern abschaffen müsse und die Steigerung von Realismus Realität sei. Seine Antwort auf die Frage, was Theater ist, wenn es nicht mehr Theater ist, erscheint logisch: Wirklichkeit. In Konsequenz dessen werden auf der Bühne keine Stücke mehr gespielt, sondern Castorf und Marthaler komponieren ihre Partituren selbst und verwerten dabei alles, was ihnen in die Hände fällt, »vom Gedichtband über den politischen Essay bis hin zum Strafgesetzbuch«. Das Theater hat sich mit der Abschaffung von Autor, Figur und Handlung von den Ketten der Literatur befreit und ist sich im freien Zusammenspiel verschiedener Zeichenebenen seiner selbst als einer Kunst sui generis bewusst geworden.

Foto: © Michael Fielitz/flickr.

 

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