Schwieriger Heldenkult

Das Kinodrama des Regisseurs Marc Rothemund, Sophie Scholl – Die letzten Tage, wurde vor kurzem als deutscher Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ ausgewählt und ist schon zuvor, u. a. auf der Berlinale, mehrfach ausgezeichnet worden. Es ist eine Hommage an Sophie Scholl, das jüngste und einzige weibliche hingerichtete Mitglied der NS-Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“. Rothemund rekonstruiert die letzten fünf Tage im Leben der 21jährigen Münchner Philiosophiestudentin. Das Portrait zeigt Sophie Scholls letzte Flugblatt-Aktion mit ihrem Bruder Hans in der Ludwig-Maximilians-Universität, die Verhöre in der Münchner Zentrale der Gestapo, den Schauprozess gegen die Geschwister Scholl und Christoph Probst, ein weiterer Mitstreiter der „Weißen Rose“, vor Roland Freislers Volksgerichtshof und schließlich die Hinrichtung der drei am 22. Februar 1943 durch das Fallbeil.

Im Forum Film läuft Sophie Scholl – Die letzten Tage am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse zur Mittagszeit. Das Kino wirkt mit übersichtlichen Stuhlreihen anstelle von Kinosesseln improvisiert. Während der Vorführung entstehen mehrfach kleine Unruhen durch interessierte Neuankömmlinge und Unentschlossene, die wieder hinausgehen. Der deutlich wahrnehmbare Geräuschpegel im Hintergrund erinnert an die Geschäftigkeit der Buchmesse außerhalb des Kinos. Gewöhnungsbedürftig erscheinen auch die englischen Untertitel und Unschärfen in der Bildqualität. Nach Filmende und vor der angekündigten Diskussion mit Anneliese Knoop-Graf, einem Mitglied der „Weißen Rose“, und Fred Breinersdorfer, dem Drehbuchautor des Films, verlässt etwa die Hälfte der gut hundertfünfzig Filmbesucher das Kino.

Sophie Scholl - Die letzten Tage (Filmplakat)Knoop-Graf, die Schwester des ebenfalls hingerichteten „Weiße Rose“-Mitglieds Willi Graf, bedauert, dass ihr Bruder im Film nicht erwähnt werde. Breinersdorfer begründet dies jedoch damit, dass sich Die letzten Tage, im Gegensatz zu Michael Verhoevens Film Die weiße Rose von 1982, welcher auch die gewaltsame Zerschlagung der Widerstandsbewegung thematisiert, auf die Person der Sophie beschränken wollte. Wichtige Namen und Ereignisse hätten dadurch bedingt nur am Rande erwähnt werden können. Auch in der Gruppe tatsächlich einflussreichere Personen, z.B. Sophies Bruder Hans, spielen im Film nur eine marginale Rolle.

Der Fokus wurde auf die langen Verhöre Sophies durch den Gestapo-Beamten Robert Mohr gelegt. Man kam durch den nach der Wiedervereinigung erleichterten Zugang zu Dokumenten aus den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit der früheren DDR und des Zentralen Parteiarchivs der SED günstig an Material, etwa die damaligen Vernehmungsprotokolle, für die Darstellung der Verhöre. Die dort gefundenen Zusammenfassungen der Befragungen hätten aber nur als roter Faden gedient. Natürlich seien die Handlung verdichtet und fiktive Elemente hinzugefügt worden. Die Verhöre wurden als Streit um Weltanschauungen inszeniert.

Knoop-Graf erzählt, dass sie bei der Produktion des Films gelegentlich als Zeitzeugin am Filmset gewesen sei und viele Stunden mit dem Regisseur, dem Drehbuchautor, aber auch im Gespräch mit der Hauptdarstellerin Julia Jentsch verbracht habe, der sie ihren Erfolg sehr gönne. Als Jentsch 2005 für ihre Darstellung auf der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Schauspielerin sowie den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin erhielt, habe sie ihr einen Gratulationsbrief geschrieben. Die wahre Sophie Scholl habe sie jedoch ganz anders als Jentsch oder die Darstellerin in Verhoevens Film, Lena Stolze, erlebt und wahrgenommen. Sophie sei eine zarte, unscheinbare und ruhige Person gewesen. Die filmische Heroisierung, aber auch andere geschichtliche Aufarbeitungen der Gestalt verklärten die damalige Realität und die historischen Personen. Trotzdem habe sie manchmal darüber nachgedacht, dass sie Sophie damals gekannt habe, „ohne sie von ihrem wirklichen Wesen her erkannt zu haben“. Interessanter hingegen sei für sie Sophies Bruder Hans Scholl gewesen, „ein außergewöhnlich attraktiver und charismatischer Mann“.

Im Gegensatz zu ihm und Sophie habe ihr älterer Bruder Willi Graf ihr nur wenig Einblick in die Tätigkeit der „Weißen Rose“ gewährt, da er der traditionellen Auffassung gewesen sei, „dass politisch gefährliche Aktivitäten nichts für das schwache Geschlecht seien“. Welche Rolle sie damals tatsächlich in der „Weißen Rose“ eingenommen hat, wird in der kurzweiligen Diskussion leider nicht thematisiert.

Gegen Ende erzählt Knoop-Graf, dass sie auch schon in vielen Schulklassen über die „Weiße Rose“ gesprochen habe. Dabei habe sie den Schülern stets gesagt, dass sie nicht glaube, dass Sophie Scholl oder die Mitglieder der „Weißen Rose“ zu geschichtsträchtigen Helden stilisiert werden wollten. Eine solche Idolisierung schaffe immer einen Abstand zum Vorbild. „Die Identifikation mit einem auf einen Sockel gehobenen Vorbild fällt schwer und liegt einem oft fern.“ Mut, Zivilcourage und Gewissenhaftigkeit seien jedoch auch heute noch wichtig. So sei es ganz im Sinne der „Weißen Rose“, wenn man, ihrem Beispiel folgend, Ungerechtigkeiten wahrnehmen, kritisieren und ihnen bewusst eigenständig entgegentreten würde. Das könne man oft auch im Alltag tun.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!