Sechs Geschichten vom Finden, ohne vorher gesucht zu haben

Gesucht hat jeder Mensch schon einmal, ob nach dem Sinn des Lebens oder dem Haustürschlüssel. Ruth Cerhas Protagonisten wird ganz ohne Suche ein (»Noten«-) Schlüssel in die Hand gelegt, der sie durch eine Tür führt, die sie vorher gar nicht wahrgenommen haben. In Der Gesang der Räder in den Schienen sind sechs Kurzgeschichten versammelt, in deren Mittelpunkt neben der Metropole Wien, der Heimatstadt der Autorin, die Einzelschicksale sechs grundverschiedener Charaktere stehen. Ruth Cerha, die in erster Linie Musikerin und Klavierpädagogin ist, hat mit diesem Werk ihren ersten Erzählband veröffentlicht. Spannend ist, ob das musikalische Multitalent mit diesem Debüt zeigt, dass es unumgänglich ist, die Gabe der ausgeprägten Musikalität zwangsläufig auch in die Sprache zu transportieren oder ob diese Passion in den Erzählungen nur Nebensache bleibt.

Ich sehnte mich so sehr danach, die Sehnsucht machte mich schwer und müde, an manchen Tagen stand ich nicht mehr auf, ich lag auf meiner Matratze, starrte auf die Flecken an der Wand und schwitzte und die Züge fuhren vorbei. Sprich mit mir, sangen sie, sprich mit mir, sprich mit mir, aber niemand sprach.

Wien im August 2009 (Foto: Michael Fischer)
Im Mittelpunkt des Prosadebüts von Ruth Cerha… (Foto: Michael Fischer)

Dieser Auszug stammt aus der Kurzgeschichte, die dem Buch den Titel gegeben hat. Hauptfigur ist ein junger Mann, der nach dem Tod seines Vaters aus seiner Heimatstadt Wien geflohen ist, um in Berlin ein neues Leben zu beginnen. Durch die Hilfe eines Punks findet er seine neue Bleibe in einem leerstehenden Haus, das bald abgerissen werden soll und an dem alle paar Minuten mit ohrenbetäubendem Lärm die Züge vorbeirauschen, denen er jede Nacht lauscht.

Eigentlich will er sich an nichts gewöhnen und nie wieder in den Trott des Alltags fallen, der ihn schon in Wien krank gemacht hat. Schließlich muss er erkennen, dass man überall irgendwann heimisch wird, sogar in zum Abriss bestimmten Ruinen. Weglaufen ist nicht so einfach, irgendwann kommt immer jemand, der unangenehme Fragen stellt. So kommt es dazu, dass sich doch noch ein Weg findet, wieder die Nähe zu anderen Menschen zuzulassen und sich sogar mit dem Tod des eigenen Vaters und den Konflikten der Vergangenheit auseinander zu setzen. Die vage Erkenntnis, dass Fliehen manchmal doch Sinn macht, ist das Resultat der Geschichte. Trauer, Schuld und Leere bestimmen die Aussage dieser Erzählung. Die adjektivlastige Sprache und die Zentrierung auf die Hauptfigur machen die Anziehungskraft der Handlung aus und bieten dem Leser eine deutliche Identifikationsmöglichkeit mit den Figuren. Der eigentliche Reiz der Erzählungen besteht darin, sich in das Schicksal der Menschen hinein zu denken.

Wien im August 2009 (Foto: Michael Fischer)
… steht ein ums andere Mal die österreichische Metropole Wien (Foto: Michael Fischer)

Eine weitere der Kurzgeschichten ist nach dem Regenbaum Samanea Saman benannt. Sie handelt von der jungen Schneiderin Maya, die durch die Liebe zu Milos völlig den Boden unter den Füßen verliert. Sie hat ihn in der Tropenabteilung des Wiener Palmenhauses getroffen und danach nicht mehr vergessen. Eigentlich handelt es sich nur um eine Affäre, aber als Milos dann wirklich, wie schon bei der ersten Begegnung angekündigt, nach Brasilien geht, um dort den Regenwald zu erforschen, wird alles ernster: »Der Verlust klebt an ihr«. Maya findet sich in ihrer Heimatstadt nicht mehr zurecht, fühlt sich leer und von Sehnsucht zerfressen. Nach einigen apathischen Wochen ohne soziale Kontakte und ohne ihre Arbeit führt der Weg sie zurück in das Palmenhaus, wo sie schon vor dem Treffen mit Milos oft war, besonders im Winter, »um das Grün zu trinken wie andere Menschen Tee«. Nur dort, wo sie sogar die Nacht verbringt, kann sie Milos nah sein und findet im Frieden der Urwaldkulisse wieder zu sich. Nach diesem Erlebnis kehrt sie langsam wieder in ihren Alltag zurück und sucht einen Ausweg aus ihrem emotionalen Labyrinth.

Bestechend an dieser Geschichte ist die Atmosphäre. Der Eindruck der Geräusche, Farben, Gerüche und Gefühle wird so anschaulich beschrieben und ausgestaltet, dass unweigerlich ein klares Bild der Kulisse entsteht. Die Erzählung hängt nicht am Fortschreiten der Handlung, sondern an einzelnen Eindrücken. Der Kontrast zwischen der kalten Welt des winterlichen Wiens und der tropischen Idylle im Palmenhaus wird spürbar. Die Flucht in diesen zweiten Lebensraum verstärkt die Abgrenzung von Gegenwart und Erinnerung an die Vergangenheit, ebenso wie das Gefühl der Zerrissenheit und der Sehnsucht. Bewegungen, Farben, Menschen, alles wird bis ins kleinste Detail wahrgenommen. Speziell durch den Bezug zur Natur wirkt die Wahrnehmung der Sinneseindrücke noch stärker. Egal, welche der sechs Kurzgeschichten man betrachtet, die Schwerpunkte bleiben ähnlich. Es geht um Heim- und Fernweh, unerfüllte Sehnsüchte, Liebe und vor allem um den Ausbruch aus dem eigenen Leben, ein Schreiten durch offene Türen. Alle Charaktere entfernen sich von ihren gewohnten Strukturen und wagen etwas Neues. Ob diese Reise in neue Länder führt oder nur vor die eigene Haustür, ist egal, am Ende steht immer die Rückkehr zu sich selbst. Der Fokus ist auf die Entwicklung der Hauptfigur gerichtet, die sich zwar nie entscheidend verändert, aber immer auf mehr oder weniger schmerzvolle Weise neue Seiten an sich entdeckt.

Ruth Cerha (Foto: Marlies Allmaier)
Die Autorin lauscht dem Gesang der Räder in den Schienen (Foto: Marlies Allmaier)

Ruth Cerha beweist in ihrem Prosadebüt ein gutes Gespür für Momente. Das Entscheidende an ihren Geschichten ist nicht die Handlung, sondern die Stimmung, die durch ihre Art zu schreiben entsteht. Die Auffassung, dass Musiker sehr sinnliche Menschen sind, wird durch die Erzählungen bestätigt. Die ungewöhnliche Verknüpfung von Sinneseindrücken wird zum Experiment für die eigene Vorstellungskraft: Musik kann sich über Menschen stülpen wie eine zweite Haut und die grüne Farbe von tropischen Bäumen wird trinkbar. Trotz der Variationsbreite der Kurzgeschichten bleibt die starke Emotionalität stets präsent, ohne überladen zu wirken.

Die Frage nach dem zwangsläufig musikalischen Stil einer schreibenden Klavierpädagogin ist damit geklärt: Musik taucht in den Erzählungen immer wieder auf, explizit auch in der bewussteren Wahrnehmung von Geräuschen, die durch einen Rhythmus zur Musik werden, wie das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges. Im Ganzen fügt sich die musikalische Note in der Erzählsammlung mit anderen Aspekten, wie Farben oder Licht, in eine sinnliche Pointierung des Geschehens, ohne dabei in den Vordergrund zu drängen. Der »Schlüssel« ist für die Protagonisten das Besinnen auf die vermeintlich kleinen Dinge. Durch diesen Blick ins eigene Innere eröffnen sich allen Charakteren wesentliche, neue Sichtweisen, die schwerer wiegen, als der Verlust, der zu Beginn den Stein ins Rollen brachte. Ruth Cerha: Der Gesang der Räder in den Schienen. Kurzgeschichtenzyklus. Wien: Luftschacht Verlag 2007. 185 Seiten. ISBN 978-3-902373-24-3. 19,90 Euro.

 
Fotos: © Marlies Allmaier (Autorin)/Michael Fischer (Wien).

 

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