selbstgespräche und klimadaten an der gegensprechanlage

Gerhard Falkner: Gegensprechstadt – ground zeropoesie muss das risiko eingehen, miss- oder nichtverstanden zu werden, hat aber die chance, ihr ziel über die wahrnehmung der ästhetik, des schönen, verstörenden zu erreichen. ich bin mir nicht sicher, ob Gerhard Falkner dieser möglichkeit vertraut. warum sonst hätte er es für notwendig befinden sollen, seinem überaus atmosphärischen, ›scheinenden‹ langgedicht gegensprechstadt – ground zero ausser einem üppigen glossar ein viel zu ängstliches nachwort anzuhängen?

ein buch führt zum anderen, und andererseits ebenjenes glossar auf einen früheren gedichtband Falkners in der edition suhrkamp zurück: x-te person einzahl, eine sammlung 1996 aktueller sowie in früheren zusammenhängen veröffentlichter gedichte. ein kühles, konstruiertes buch, wie auch gegensprechstadt — ground zero konstruiert ist aus einzelszenen, teilweise älteren formexperimenten und zufall. allerdings eines, das – vielleicht gerade durch zufällig hineinspielende alltagswahrnehmung und tagesnachrichten – einen warmen, vielleicht etwas schwermütigen ton erzeugen und bis zum ende hin durchhalten kann.

aber der reihe nach: »als Clint Eastwood gefragt wurde / wie machen Sie Ihre filme / soll er geantwortet haben: / ich reite in eine stadt / der rest ergibt sich von selbst.« so macht es Falkners alter ego: »ich habe wenig geschlafen / in diesem jahrhundert« lautet der erste und einer der zentralen, sich wiederholenden verse, ein refrain. es ist viel geschehn, zum schlafen konnte oder wollte Ich nicht kommen. es reitet stattdessen durch die tage, durch die strassen, durch eben jenes jahrhundert und es geschieht, dass Ich sich ein körpergedächtnis zufügt, das »das grosse geschehen mit winzigen annotationen« verkettet. »kick your ass / and your mind will follow.«

also, erstmal aufstehn, aufzählen der tage, des ewig gleichen, eine basis finden. der erste abschnitt der gegensprechstadt mutet wie eine genesis an:

»ich habe zu wenig geschlafen / in diesem jahrhundert! / ein zwei drei / zwei drei — vier / oder fünf stunden / pro nacht, oder monat / oder jahr / damals, in der zeit des kurzen schlafs / war noch ziemlich viel wahr / die zeit hatte zeit / und man war nackt / wenn man die geduld hatte / sich zu entkleiden // es gab noch keinen 11. september / keinen 3. oktober / und keinen 15. märz.«

»der 11. september steht für das schreckliche«, merkt Falkner im nachwort an. das 9/11-attentat ist ihm ins schreiben gekommen. 2001 und nachher über eine stadt zu schreiben hiess, dass man an manhattan als ›ort und zeit der bildheit‹, der »optischen initiation« nicht mehr vorbeischreiben konnte. es sind zentrale und doch beliebige, zufällige daten der geschichte, die der autor eingearbeitet hat. »meine augen sehen / ... wie alles sich fickt und fortpflanzt / und zwischen den zeilen / der grossen attentate / nichts als den blanken alltag vorantreibt.« deutsche einheit, eigener geburtstag, tsunami-katastrophe. so zufällig sollte man die daten denn auch lesen. Falkner verbindet keine einzige, konkrete aussage mit einzelnen, konkreten ereignissen; in der hauptsache stellt er atmosphäre her und dem geistigen itzt-zustand nach: einem Wir am ende des 20. und am beginn des 21. jahrhunderts. »dieses gedicht / dient der augenblicklichen stimmung / als sprachrohr.«

dafür spricht, dass man selbstverständlich passagen einzeln konsumieren kann und darf, dass man die dem kookbook zugegebene, mit dem musiker David Moss und der literaturWERKstatt berlin produzierte cd nach reihenfolge eigener lieblingstracks anhören kann (und wohlmöglich nur die musikalischen interluden, nicht den gesprochenen text auflegt) — und dafür spricht, dass sich sinn auch beim querlesen des buchs einstellt.

»ich habe zu wenig geschlafen, ich habe zu wenig geredet. ich habe zu wenig geschlafen, heute lebe ich in der duncker 19 uhr 40 (der dienstag ist der grausamste unter den tagen: dies martis, dies irae) ... dir allerdings begegnete ich an einem freitag: in fact: heute ist wieder freitag, aber ich habe zu wenig geschlafen ... eine glänzende nacht, berlin, phäakenstadt, 20. jahrhundert, silvester 2000, 20. jahrhundert — heute ist immer heute«

und das gedicht ist lauter erste zeilen.

gegensprachstadt — ground zero ist neben Michael Stavarics europa. eine litanei und Ron Winklers gedichtband vereinzelt passanten das bereits siebente und bestimmt nicht letzte kookbook, das den weg in mein regal gefunden hat. für das cover des teils in kookone (kook 1 oder cocoon) gesetzten buchs hat sich Andreas Töpfer eine collage aus messinstrumenten einfallen lassen. ein kassenband, eine zahnradapparatur, druck- und zeitmesser, geographische koordinaten, eine stadt – berlin – auf einer waagschale und vielleicht auch eine radioskala.

ein bisschen schwankt der ton des gedichts nämlich wie drehen am radio; stimmen erscheinen, verzerrt noch, dann deutlicher, und sind im gleichen augenblick verschwunden. sprechhaltungen werden angenommen wie anzüge, motive lagern dauerhaft übereinander, scheinen durch andere hindurch: die hauptstadt immer zuoberst, 9/11 hin und wieder aufkommend, an die oberfläche durchbrechend. frauen, liebe zuunterst, als ein auch, als etwas, das zur atmosphäre beiträgt, das auch nur eine yahoo-identität hat, eine telephonnummer ist. »für seelische noten verwendet« das gedicht »ein multiplex-verfahren / das urbane leidenschaften / in ultrakurze pulse zerlegt.«

kein du im text, es ist vom ich die rede, von der stadt auch als ich. »die stadt ist ein buch / wir schlagen die erste strasse auf / wir lesen die erste strasse / wir lesen sie mit den füssen« und durch die ohren der engel im himmel über berlin. das geschieht einmal im Kuhligkschen tonfall, ein andermal spielend, anspielend auf Mandelstam und Celan oder als parodie auf die sprechweisen des rap und poetry slam. Ginsbergs howl klingt genauso an wie Brinkmann: »berlin, august, heute / geschmeidige tage, guter groove / aber auch angst vor dem mittag / angst vor seiner ungegenständlichkeit.«

dabei macht gerade der anhang das gedicht ungegenständlich, interferriert den wirklich guten, in seiner melancholie treibenden (und definitiv ohne cd-beigabe auskommenden) groove mehr als die immer wieder einstürzenden, implodierenden motive innerhalb des eigentlichen texts. da frieren bilder ein »wie videostills / angehalten zu erinnerungen«, noch ehe sie ganz ausgekostet sind. denn nicht die bewegten, nur stehende bilder bleiben haften.

»und manchmal war es dann / wie damals / berlin war voller luft / die tage bewegten sich wie eine Venus / von Bartholomäus Spranger / und erzeugten ein klima / das sich bahn brach / in wilden ehen / in tropismen, doubles, differenzen / bis das blatt sich wendete / bis es das ganze ding / endlich richtig erwischte / getroffen wie die twin towers / vom gesetz / der reziprozität.«

Gerhard Falkner schafft es mit bewundernswerter leichtigkeit — und in diesem aktuellen text mehr als in älteren —, abstrakte anschauung mit blut zu füllen. »in dritter vergangenheit / gingen wir rüber / in die duncker / und legten unsere minds auf / wie eine scheibe von Lou Reed / damals in diesem keller in moskau.«

es ist dem buch zu wünschen, was es sich selber wünscht, dass es nämlich genau so wie eine scheibe aufgelegt wird. man wird es stets heraushören aus allen mashups und mixes, in die es einfliesst. denn es handelt sich hier um grosse poesie — auch, wenn es sich mit dieser manchmal verhält wie mit grossen penissen: man kommt nicht überall hinein damit.

»ich habe zu wenig geschlafen / in diesem jahrhundert« heisst auch: ich habe zu viel schund gesehen, zu wenig essentielles, und zu wenig schlicht verpasst. damit muss man leben. und wäre es ein leben ohne all das?

 

Gerhard Falkner: Gegensprechstadt — ground zero. Gedicht & CD. Music by David Moss. Berlin/Idstein: KOOKbooks, 2005. 94 Seiten, CD-Laufzeit ca. 60 Min. ISBN: 3-937445-14-5. 24,80 Euro.

 

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