Showtreppe in die Unterwelt

Ingo Berk inszeniert Eugene O'Neills in der Halle Beuel

Morgenmäntel, Cordhosen, eine gestreifte Couch in ocker und khaki-grün – Ingo Berk hat Familie Tyrone in ein morbides 70er-Jahre-Milieu geschickt, eine Welt der Pizzapappen und der staubigen Bürgerlichkeit. Während das Publikum den Zuschauerraum betritt, steht Familie Tyrone um das gestreifte Sofa herum und singt amerikanische Volkslieder unter Gitarrenbegleitung. Noch bevor die Vorstellung von Eines langen Tages Reise in die Nacht von Eugene O'Neill beginnt, ist der Zuschauer irritiert, wo das Stück beginnt und wo es endet. Die Bühne (Damian Hitz) bietet weder Zuschauern noch Darstellern Schutz: Der Raum, in dem man sich befindet, ist ein aus parallel angeordneten Latten bestehender Kubus. Eine einzelne Glühbirne hängt von der Decke. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind auf einmal bedrohlich durchlässig.

Szenenfoto aus »Eines langen Tages Reise in die Nacht« (Foto: © Thilo Beu)
Szenenfoto aus Eines langen Tages Reise in die Nacht
(Foto: © Thilo Beu)

Es ist die Geschichte einer gescheiterten Familie, die erzählt wird. James Tyrone (Rolf Mautz) ist ein untersetzter Patriarch, ein manischer Geizhals, der sich für den besten Shakespeare-Interpreten aller Zeiten und seine Söhne für Nichtsnutze hält. Seine Frau Mary (Tanja von Oertzen), eine über Kummer und Drogen alt gewordene Schönheit, kommt gerade von einer Entziehungskur zurück; in ein Zuhause, das keines ist. Die Söhne Jamie (Hendrik Richter) und Edmund (Volker Muthmann) ziehen nachts durch Kneipen und Bordelle, ertränken die heimische Kälte in Whiskey. Das Sommerhaus ist eine Bruchbude – der Geiz Tyrones ließ nicht mehr zu. Zudem ist dies ohnehin nur eine Station zwischen den Tourneen, auf welche die Familie James immer begleitet. Tyrone spekuliert mit Grundstücken, um seine Angst vor der Armenhaus zu kompensieren. Ein richtiges Zuhause für seine Familie will er aber dennoch nicht errichten. Mary und ihre Söhne haben den Boden unter ihren Füßen verloren. Mary kommt von den Drogen nicht los. Mit ihrer grenzenlosen Sorge um die Mutter, die schnell in grausame Vorwurfs-Orgien umschlagen kann, bringen Jamie und Edmund ihre ebenso grenzenlose Haltlosigkeit zum Ausdruck: Der ständige Versuch, sich eine heile Welt zu generieren, hat aus der Familie sado-masochistische Einzelgänger gemacht. Obwohl sie sich lieben, verletzen sie sich gegenseitig. Durch das Lattenkonstrukt kann man hinter die Bühne sehen: Anstatt nach ihren Auftritten abzugehen, setzen sich die Darsteller dort an große, beleuchtete Garderobenspiegel. Auch die Morgenmäntel und wilden 70er-Jahre-Muster auf der Kleidung (Kostüme: Kathrin Stadeler) deuten auf Bühneleben und Unstetigkeit hin – schillernde Berufskleidung auf der einen Seite, unglamouröser Interimsüberwurf auf der anderen. Die Grenzen zwischen inszeniertem Schauspiel, tatsächlichem Schauspiel und Realität verschwimmen. So stimmig das Konzept erscheint und so eng Dramaturgie, Kostüm und Bühnenbild auch miteinander verzahnt sind – die Inszenierung wirkt dennoch wenig konsequent. Als Zuschauer findet man nur schwer einen roten Faden. Clowneske Einlagen der Söhne Jamie und Edmund fanden zwar Anklang beim Publikum und hatten womöglich die Aufgabe, die Grenze zwischen Schauspiel und Realität noch weiter aufzuweichen, doch driftete die Inszenierung so immer wieder in seichte Unterhaltung ab, die das Publikum während der dreistündigen Vorstellung bei Laune hielt.

Szenenfoto aus »Eines langen Tages Reise in die Nacht« (Foto: © Thilo Beu)
Szenenfoto aus Eines langen Tages Reise in die Nacht
(Foto: © Thilo Beu)
 

 

Auch die Rollen wirkten recht einfach angelegt. Zwar kommen Marys Schönheit (sie soll das schönste Mädchen auf der Klosterschule gewesen sein) und ihre Leere (sie hat nicht eine einzige Freundin), bravourös durch Tanja von Oertzen zum Ausdruck aber leider verkörpert sie zu wenig eine drogenkranke Verzweifelt-Einsame. Man wird schnell der Fahrigkeit ihrer Gesten überdrüssig, da sie zu greisenhaft wirken und wie ein Repertoire bloß abgespult werden. Mit Ralf Mautz wurde der sensible Tyrann Tyrone sehr gut besetzt, der unkonzentierte Blick, das Wohlstandsbäuchlein und das verblichen Dandyhafte sind authentisch. Doch auch seine Gesten wiederholen sich gebetsmühlenartig. Das gleiche gilt für Hendrik Richter, dessen Rage oft gepresst und wenig überzeugend daher kommt. Der natürlichste Darsteller ist Volker Muthmann, der den schwächlichen, lungenkranken Edmund mit wenig Selbstachtung und viel Fatalismus versehen hat. Vielleicht wollte Ingo Berk durch diese Stereotypie der Figuren dem Zuschauer Platzhalter vorstellen, an deren Stelle man sich selbst setzen kann. Und womöglich sollte die Schauspieler-Demontage (Jamie behauptet, dass die besten Schauspieler immer noch Seehunde seien) zeigen, dass man mit einer Showtreppe, ehe man sie ganz zu Ende abgeschritten hat, ganz schnell in der Unterwelt landen kann – das schillernde Leben eines Bühnenstars lässt sich oft nicht mit dem vereinbaren, was man ein glückliches Leben nennt. Wer Ruhm will, muss die Einsamkeit hinnehmen. Dennoch hätte dieser Inszenierung etwas mehr Natürlichkeit und mutigeres Schauspiel gut getan. Das an sich sehr gute und durchdachte Konzept verliert durch die viel zu brave Herangehensweise an Überzeugungskraft. Eines langen Tages Reise in die Nacht. Schauspiel von Eugene O'Neill. Deutsch von Michael Walter. Inszenierung: Ingo Berk. Theater Bonn – Halle Beuel. Uraufführung: 31. Januar 2009. Weitere Termine: 11., 14., 21. und 28. März sowie 3., 16. und 22. April 2009.

Fotos: © Thilo Beu.

 

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