Siebzigtausend Schleier

Manfred Poser nähert sich allmählich dem Gral, doch zuerst müssen noch einige Schleier durchschritten werden

Verborgen vor der Welt beten die frommen Frauen für sie. Wie Emissärinnen wirken sie, wie eine inkarnierte Aussage der Behauptung: Es gibt ein anderes Leben und eine andere Welt! (Das gilt auch für die Mönche.) In einigen Lehren der spätantiken Gnosis, der stärksten Gegenspielerin der christlichen Kirche in der Geschichte, wird von sieben Kleidern oder Schleiern gesprochen, die der Mensch trägt. Unter Führung des Erlösers muss der Mensch bei seinem Abschied und Aufstieg sieben Reiche durchqueren und dabei die bösen Archonten – die Wächter – überlisten oder überreden; jedes Mal wirft der Verstorbene einen Schleier ab, und nackt tritt er vor den wirklichen guten Gott.

Die Lehren von Rūmī

Der Schleier ist auch in der frühen arabischen mystischen Philosophie eine wichtige Metapher. Viele Schleier trennen den Menschen von Gott, und der Mystiker bittet: »Zeig mir, wie die Dinge wirklich sind!« Der Dichter Jalāl al-Dīn Rūmī (1207–1273) hat in seinen Diskursen oft den Schleier erwähnt. Er schreibt:

»Der Koran ist wie eine Braut, die dir ihr Gesicht nicht enthüllt, so sehr du auch am Schleier zerrst. Dass du dennoch nicht Glückseligkeit und Entschleierung erreichst, liegt daran, dass der Akt des Wegziehens des Schleiers dich selbst fortgestoßen und in die Irre geführt hat, so dass sich die Braut dir als hässlich zeigte, als wollte sie sagen: ›Ich bin nicht die Schönheit, für die du mich hältst.‹ Der Koran zeigt sich in der Form, die ihm gefällt.«

Der Koran ist nur symbolisch verschleiert, die Kaaba in Mekka, das größte Heiligtum der Moslems, ganz konkret. Bis auf 14 Tage im Jahr trägt sie die schwarze Keshua. Dazu Rūmī: »Für viele Literalisten (oder Exoteriker) gilt als die Heilige Moschee die Kaaba, zu der die Menschen reisen. Den Liebenden jedoch und den von Gott Erwählten gilt für die Heilige Moschee die Vereinigung mit Gott.« Er ergänzt:

»Wenn die Schleier des Königs aufgehängt werden, sorgen sie für alle Helligkeiten und entfernen alle Bekleidungen, so dass die geheimen Dinge offenbar werden – im Gegensatz zu den Schleiern dieser Welt, die die Bekleidungen vermehren. Jene Schleier sind das Gegenteil dieser Schleier.«

 

Wolken lagen über der südschwedischen Stadt ... (Foto: Manfred Poser)
Wolken lagen über der südschwedischen Stadt. Doch langsam ... (Foto: Manfred Poser)

 

Worte seien nicht mächtig; dennoch beeinflussten sie einen in Richtung Wahrheit und stachelten einen in Richtung Wahrheit auf. Worte seien ein sich dazwischen schiebender Schleier. Sie sind Schleier zwischen uns und den Dingen, aber gleichzeitig machen sie etwas offenbar. »Wie die Sonne sticht!« – und man sieht sie. Suchbegriffe! Alles, was wir erwähnen, schälen wir aus der Wahrnehmung heraus, enthüllen wir; in derselben Sekunde verschleiern wir das Enthüllte wieder, da wir ihm einen Namen geben, der das Ding nicht ist. René Magritte zeichnete eine Pfeife und schrieb darunter »Dies ist keine Pfeife«, und richtig, es ist nur das Gemälde einer Pfeife, und die konkrete Pfeife ist etwas, das wir sprachlich verallgemeinert haben. Wenn wir wirklich dieses Ding sagen wollten, schreibt Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes, dann »ist dies unmöglich, weil das sinnliche Diese, das gemeint wird, der Sprache, die dem Bewusstsein, dem an sich Allgemeinen angehört, unerreichbar ist. Unter dem wirklichen Versuche, es zu sagen, würde es daher vermodern.« Dennoch suchen wir Gewissheit. Alle Menschen suchen nach Rūmī die Verkörperung (manifestation). Alle Studenten und Gelehrten seien auf der Suche nach ihr. Eine Frau, die sich entschleiert, sagt: »Ich bin deine Verkörperung, vor der du dich deiner Verliebtheit rühmen kannst.« Ein Sufi-Spruch lautet: »Ich war ein verborgener Schatz, und mein Wunsch war es, gekannt zu werden.« Das sagt Gott, der deshalb eine Entität schuf, die ihn betrachten konnte, und nach weiteren Stufen erst folgte die Schöpfung. Im frühen Islam gibt es allerdings keine Inkarnation wie im Christentum, sondern nur Epiphanie. Gott zeigt sich, dann entzieht er sich wieder. Die Verkörperung ist Illusion.

 

Ich fuhr auf die Stadt zu ... (Foto: Manfred Poser)
... öffnete sich der Schleier. Ich fuhr auf die Stadt zu. (Foto: Manfred Poser)

 

»Zwischen einem Menschen und Gott liegen nur zwei Schleier, aus denen alle anderen resultieren: Sie sind Gesundheit und Wohlstand (wealth and health). Der Mann, dem es körperlich gut geht, sagt: Wo ist Gott? Ich kenne ihn nicht und ich sehe ihn nicht. Sobald ihn der Schmerz überfällt, jammert er: O Gott! O Gott! Und er beginnt, mit Gott zu sprechen. [...] König Salomon war lebenssatt und ließ sein Reich fast sein / wogegen Job nicht reichte alle Pein.«

»Der Meister sagte, dass schlechter Charakter, Bosheit der Seele und Gemeinheiten im Menschen sind und ein geheime wichtige Eigenschaft (element) verbergen. Diese Gemeinheiten und Bosheiten sind ein Schleier vor dieser Eigenschaft. [...] Wo immer der Mensch ein großes Schloss anbringt, ist das ein Zeichen dafür, dass dahinter etwas Wertvolles sich verbirgt. Daher siehst du: je dichter der Schleier, desto besser die Eigenschaft. So wie eine Schlange den Schatz bewacht, so schau nicht auf die Hässlichkeit, sondern die wertvollen Bestandteile des Schatzes.«

So spricht Rūmī.

 

Die Lehren von Isfarâyinî

Nûruddîn Abdurrahmân-i Isfarâyinî (1242–1325), ebenfalls ein mystischer Philosoph, hinterließ uns Le Révélateur des Mystères.

»Der Prophet sagte: ›Gott hat siebzigtausend Schleier aus Licht und Schatten.‹ Was ist nun der Unterschied zwischen den leuchtenden und den dunklen Schleiern? Wie kann man sie entfernen? (Wisse, dass man das nur auf dem mystischen Weg erfährt.) [...] Die dunklen Schleier kommen von satanischen Impulsen, der niederen Seele. Unter den 70000 Schleiern sind dies 28000. Ebensoviele andere Schleier kommen von den guten Bestrebungen der Menschen, von Seele und Geist. Dies sind die leuchtenden Schleier. Diese 56000 leuchtenden und dunklen Schleier sind nicht außerhalb der Seele. Die letzten 14000 Schleier jedoch sind der göttlichen Macht und Eifersucht zuzuschreiben.«

Es gibt fünf Aufenthaltsorte und Etappen. Auf jeder erwarten einen 14000 Schleier. Der Weg geht nur gut aus, wenn man sich der Welt entäußert und sich isoliert. Vier Etappen gehören dem Menschen an und seiner Bedingung, die fünfte findet unter Anwesenheit des Höchsten statt. Wer es nicht schafft, muss am Vorabend der Auferstehung 10000 Jahre an jedem Aufenthaltsort verbleiben. »O chercheur! O fidèle d’amour!« (O Suchender! O Getreuer der Liebe!)

 

Bald darauf war ich in der Stadt ... (Foto: Manfred Poser)
Bald darauf war ich in der Stadt, Karlskrona, und sie war schön. (Foto: Manfred Poser)

 

Carlos Castaneda schreibt in einem Don-Juan-Roman (nachdem ihn Don Juan in wenigen Sekunden über eine Entfernung von mehreren Kilometern transportiert hatte): »Es war, als sollte mir jeden Augenblick etwas offenbar werden, und doch zog irgendein hartnäckiger Teil meiner Selbst dauernd einen Schleier davor.« Als versuchte ein Teil unserer Selbst, die Enthüllung zu verhindern. Der Mensch schläft scheinbar und erwacht erst durch die Erleuchtung, durch den Tod. Freilich versucht die Kunst, zu Wahrheiten zu finden. Zitieren wir wieder Theodor W. Adorno, aus der Ästhetischen Theorie: »Das Vexierbild wiederholt im Scherz, was die Kunstwerke im Ernst verüben. Spezifisch ähneln sie jenem darin, dass das von ihnen Versteckte [...] erscheint und durchs Erscheinen sich versteckt.« Das meint beide Schleier, den des Königs und den der Welt. Was erscheint, ist nicht das, was es ist; es ist interpretationsbedürftig. Kernpunkt ist die Überzeugung, dass es etwas Anderes gibt als die Realität, die sich uns aufdringlich und herrschergleich präsentiert, ausgeleuchtet, mit kalten Schatten. Im Halbdunkel, im hereinbrechenden Abend, ahnen wir das Verborgene, und wer daran glaubt, befindet sich schon auf der Suche.

 

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