Kein Groschenroman

In ihrem neuen Buch widmet sich Corinna T. Sievers der Metaphysik der Liebe

Dass es Liebe nicht ohne großes Spektakel geben kann, zeigt der Roman Die Halbwertszeit der Liebe auf eindrucksvolle Weise. Das Buch erzählt die Geschichte der Ärztin Margarete, die sich nach einer Scheidung auf die Suche nach einer neuen Liebe macht und dabei dem Kollegen Heinrich begegnet. Anfängliche Gefühlskälte weicht purer Leidenschaft. Die Autorin findet nicht selten klare Worte dafür.

Fangen wir von vorne an: Eine Frau mittleren Alters, die nicht lieben kann, präsentiert sich direkt zu Beginn des Romans seltsam. Wer hat schon keine Gefühle beim Sex? Margarete anscheinend schon, so stellt sich die Protagonistin des Buches jedenfalls selbst vor: »Selbst wenn ich eine Libido besäße: Wer sollte mich begehren. Ich halte mich für reizlos.« Von ihrer Einstellung ist sie restlos überzeugt, bis sie auf den erfolgreichen Chirurgen Heinrich stößt. Durch ihn ändert sich ihre Denkweise schlagartig. Sie beschließt ihn zu lieben und zieht das ganze Spektakel der Liebe überzeugt durch. Nachdem sie ihn auf einem Kongress kennenlernt, lässt sie nicht locker, um ein Wiedersehen zu arrangieren. Es geht sogar so weit, dass sie mit dem Verfassen von Gedichten beginnt.

Bei der erneuten Begegnung geht es ins Hotelzimmer, wo Heinrich – selbstverständlich – seinen Bedürfnissen nachkommen will. Eins kommt zum anderen: »Dann erhebt er sich, eine Hand an meinem Hinterkopf, die andere sucht meine Brust, sie kneift, sie reißt, immer schneller stößt Heinrich: Du gehörst mir, jedes Wort ein Stoß, nur mir, und kurz bevor er ejakuliert: Kein anderer werde ihn mehr ficken, diesen großen Mund.« Auf Szenen wie dieser liegt mehr oder weniger der Schwerpunkt des Romans und so stellt man sich als Leser mehrfach die Frage, ob es sich lohnt alle 224 Seiten zu lesen zu müssen. Schließlich tauchen immer wieder Anspielungen auf, wenn nicht sogar konkrete Beschreibungen des männlichen Geschlechtsteils, die in ihrer Fülle aber zu viel des Guten sind.

Schreiben aus Leidenschaft

Als wenn das nicht schon genug wäre, greift die Autorin obendrein auch auf unzählige medizinische Ausdrücke zurück. Es wiederholen sich Worte wie ›alibidinös‹ oder ›Dysmorphophobie‹. Eine Erklärung, weshalb dieser Wortschatz in dem Roman so präsent ist, liegt quasi auf der Hand, denn die Autorin Corinna T. Sievers ist selbst Ärztin. Sie lebt wie die Protagonistin in Zürich und schreibt neben ihrer Tätigkeit als Kieferorthopädin leidenschaftlich Bücher. So ist Die Halbwertszeit der Liebe auch bereits ihr viertes Werk. In den vergangenen Jahren erschienen Samenklau, Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung und Maria Rosenblatt. Auch hier spielen die Themen Sex und Liebe eine besondere Rolle. Hat das alles also System?

Es liegt der Verdacht nahe, als handele es sich bei Sievers neuem Werk um eine Art Groschenroman. Doch weit gefehlt. Zwar wird der Wunsch nach Gefühlen, Familie und Glück zu Beginn stark hervorgehoben, doch ist es damit nicht getan. Neben einer Menge Sex und Leidenschaft gibt es nicht nicht nur rationale Erklärungen für irrationale Vorgänge, auch mehrere Tote sowie eine unabgeschlossene Ermittlung bestimmen die Handlung des Romans. Je weiter die Geschichte voranschreitet, erlebt man Margarete, die eigentlich eine emanzipierte Frau ist, als Spätpubertierende. Die Scheidung vom Exmann wirkt nach. Die einzige Verbindung zu ihm sind noch zwei Hunde. Ein Kinderwunsch entsteht erst, als sie Heinrich kennenlernt. Margarete realisiert immer mehr, dass die Liebe niemals einfach ist und bei allem Spektakel eine Halbwertszeit besitzt. Sievers ruft dies in ihrem Roman mit klarer Sprache in Erinnerung.

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der Liebe. Frankfurt a.M.: Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. 224 Seiten. ISBN 978-3-627-00225-1. 22,00 Euro. - Auch als E-Book erhältlich.

 

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