Sonderbehandlung

Der dunkle, nasse November verleitet zu traurigen Gedanken, und Manfred Poser gibt diesem Impuls nach

Buchenwald (Foto: Manfred Poser)Vergangenen Spätsommer fuhr ich mit dem Rad durch die östliche Steiermark und näherte mich Ungarn. Kurz vor der Grenze brach ich von einem Feld noch eine Sonnenblume ab und klemmte sie hinten auf mein Gepäck. Weiter östlich dann, in Ungarn, fuhr ich nur noch an abgeblühten Sonnenblumenfeldern entlang wie an der Küste eines graubraunen eingetrockneten traurigen Meeres. Ich hatte viel Zeit, nachzudenken, und so dachte ich an die 400.000 ungarischen Juden, die spät noch, im Herbst 1944, nach Auschwitz transportiert und im Vernichtungslager Birkenau vergast wurden. Die Rote Armee befand sich im Vormarsch, die Alliierten waren gelandet, es sah nach dem Ende des Krieges aus, aber die Gaskammern und Krematorien liefen auf Hochtouren ...

Für Jana

 

 

 

Verdorrte Sonnenblumenfelder in Ungarn (Foto: Manfred Poser) Verdorrte Sonnenblumenfelder in Ungarn, Ende August 2008. (Foto: Manfred Poser)

 

Ein aktueller Aufhänger schob sich herein. Am 8. Oktober war der Film »Unter Bauern« des Regisseurs Ludi Boeken in die Kinos gekommen. Veronica Ferres spielt die Hauptrolle: eine Jüdin, die mit ihrer Tochter vor der Verfolgung durch die Nazis flieht und in einem Dorf unterkommt. Der Untertitel lautet »Retter in der Nacht«. Da war dieses Unbehagen wieder, das ich schon bei Spielbergs »Schindlers Liste« verspürt hatte und das Ruth Klüger 1993 in ihrem Buch »weiter leben« in Worte fasste. Das Problem aller Memoiren sei, »dass der Autor am Leben geblieben ist. Daraus ergibt sich für den Leser [und Kinozuschauer] der scheinbare Anspruch auf eine Gutschrift, die er von dem großen Soll abziehen kann. Man liest und denkt etwa: Es ist doch alles glimpflich abgelaufen.« Ruth Klüger wendet sich zwar gegen Adornos Ausspruch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, sei barbarisch. Doch eines stimmt: Nach Auschwitz ist jedes Happy End beschädigt. Denn eine Rettung in der Nacht gab es nicht. Die Züge rollten, trafen fahrplanmäßig ein, Hunderte Menschen wurden an der Rampe abgefertigt, und dann hatten sie vielleicht noch eine Stunde zu leben. Kein Retter kam. Diese Geschichte, das ist klar, kann man im Kino nicht anbieten. Man müsste es aber. Dann gab es, gleichfalls im Oktober, die Absage der israelischen Stadt Rosh HaAyin, eine Städtepartnerschaft mit Dachau einzugehen, wie diese angeregt hatte. Die Stadt Dachau verzichtete auf eine Replik, und das macht, meint unser Kommentator, Hoffnung.

 

Nie vergangen

In diesem Sommer fiel mir wieder einmal das fürchterlichste Buch ein, das ich je gelesen hatte: »Sonderbehandlung« von Filip Müller. Es gab eine Stelle darin, die mir noch gegenwärtig war: Wie er, das damals vielleicht 22-jährige Mitglied des Sonderkommandos, das die Leichen verbrennen musste, spontan mit einer Gruppe aus dem Familienlager in die Gaskammer schlüpft, um Ruhe zu haben ... Seltsam, dass »Sonderbehandlung« erst 1979 (im Verlag Steinhausen, München, bearbeitet von Helmut Freitag) erschien. Der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt fand erst 1964/65 statt, 20 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers. Erst wollte in Deutschland niemand von dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte wissen, die Erinnerung war angeblich noch zu frisch, und heute ist das alles wieder soo lange her ... Meine Güte, sagte mir unlängst ein Bekannter, keiner der Jungen kann etwas dafür; und dann kam wieder die Leier von den bösen Israelis, die die Palästinenser so grausam behandelten (als wären sie »auch nicht besser«) und die so viel Geld bekommen hatten ... Darauf fragt Ruth Klüger wie in ihrem Buch »weiter leben«, was man denn erwarte: Auschwitz sei keine Lehranstalt für irgendetwas gewesen und schon gar nicht für Humanität und Toleranz. Als ich klein war, hörte ich von Bekannten meines Vaters öfter den scherzhaften Spruch »bis zur Vergasung«, den ich lange nicht zu deuten wusste. Aber dann stehe ich unten am Treppenabsatz in meinem Elternhaus, und ich begreife, dass »wir« zwei Kriege verloren hatten und Millionen Menschen gezielt ermordeten, und das war ein Schock, obwohl ich damals erst 13 Jahre zählte. Ruth Klüger schrieb in »weiter leben«, sie habe noch Ende der achtziger Jahre von einem Rentner im Drogeriemarkt gehört, man müsse »alle Ausländer vergasen«, und als sie ihn zur Rede stellte, sagte er noch, ja, sie habe richtig gehört. Und jetzt, wenn ich wieder »Sonderbehandlung« lese, denke ich mir, dass es nicht vergangen ist und nie vergangen sein wird. Nichts ist je vergangen, und die Vergangenheit ruht ... irgendwo, immer bereit, sich zu erheben und zu schreien.

 

Buchenwald (Foto: Manfred Poser) Buchenwald. Auf dieser öden Fläche traten die Häftlinge des Konzentrationslagers an. (Foto: Manfred Poser)

 

Jana

Im Herbst 1944 pendelten unaufhörlich Züge zwischen Ungarn und Auschwitz-Birkenau. 10.000 Menschen wurden täglich ermordet und dann verbrannt. Einige hundert Menschen wurden von SS-Leuten erbarmungslos zusammengeknüppelt. Die Todgeweihten sangen noch gemeinsam die »Hatikvah«, dann strömten sie in die Gaskammer. Und Filip Müller findet plötzlich alles sinnlos, und er mischt sich unter die drängende und schiebende Menge, die in die Gaskammer getrieben wird. Er versteckt sich hinter einer der Säulen.

»Inzwischen war der Massengesang verstummt. An seine Stelle war klägliches Weinen und dumpfes Stöhnen getreten, die sich zu einem einzigen wehmütigen Klagelied vereinigten. [...] In der spärlich beleuchteten Gaskammer herrschte eine bedrückte und gespannte Atmosphäre. Der Tod, das wussten alle, war in bedrohliche Nähe gerückt. Es waren sicher nur Minuten, die jeden hier drinnen von seinem Ende trennten. Keine Erinnerung an irgendeinen würde übrig bleiben. Dieses Schicksal hatten die Menschen vor Augen, als sie sich umarmten. Eltern drückten ihre Kinder so heftig und leidenschaftlich an sich, dass ich von Wehmut und Schmerz ergriffen wurde.«

»Plötzlich drängten sich einige entblößte Mädchen um mich, alle in blühendem Alter. Sie standen eine Zeitlang vor mir, ohne ein Wort zu sagen, und schauten mich an, in Gedanken versunken. Schließlich fasste eines der Mädchen sich ein Herz und sprach mich an: ›Wir haben erfahren, dass du mit uns zusammen in den Tod gehen willst. Dein Entschluss ist vielleicht verständlich, aber er ist nutzlos, denn er hilft keinem. [...] Du musst ins Lager zurück und dort allen von unseren letzten Stunden berichten‹, herrschte sie mich in einem geradezu befehlenden Ton an.«

Das war Jana, die ihn bittet, eine goldene Kette ihrem Freund Sascha zu überreichen, der in der Brotkammer arbeite. Müller erzählt weiter:

»Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, was ich ihr antworten sollte, hatten mich die übrigen Mädchen überwältigt. Sie packten mich an meinen Armen und Beinen und schleppten mich trotz meiner Gegenwehr bis zur Tür der Gaskammer. Dort ließen sie mich los und drängten und schubsten mich mit vereinten Kräften hinaus. Ich landete mitten unter den SS-Männern, die dort herumstanden.«

Er bekommt Faustschläge ab, und die SS-Leute schreien ihn an, sie würden entscheiden, wann er sterben werde. Dann, später, nach den Schreien, dem Poltern gegen die Tür, dem Gejammer und Gestöhne, wird die Kammer geöffnet.

»Auf den Leichenhaufen waren die Menschen ineinander verschlungen, manche lagen sich noch in den Armen, viele hatten sich im Todeskampf noch die Hände gedrückt, an den Wänden lehnten Gruppen, aneinandergepresst wie Basaltsäulen. [...] Als die Leichenträger begonnen hatten, die Toten aus dem hinteren Teil der Gaskammer wegzuschaffen, ging ich zu der Säule, in deren Nähe am späten Abend die Mädchen mich angesprochen hatten. Dort fand ich unter einem Haufen von Toten auch Jana, das Mädchen, das mich gebeten hatte, ihre Halskette abzunehmen und ihrem Geliebten Sascha als letztes Andenken zu bringen. Wie sie angekündigt hatte, lag sie unweit der von ihr bezeichneten Säule. Sie sah aus, als ob sie noch leben und schlafen würde. Ich nahm ihr, wie ich versprochen hatte, die Kette vom Hals, steckte sie ein und verließ den Raum. Dann fuhr ich mit dem Lift nach oben.«

Das alles illustriert in

Das alles illustriert in schrecklicher Weise das Bühnenstück von Max Frisch, "Nun singen sie wieder"

Ob er wohl, als er es schrieb, von den Menschenmengen gewusst hat, die hier vernichtet wurden?

Aber, was ebenso schlimm ist, wie wir ungerührt lesen können, wie anderswo in der Welt Menschenmengen umgebracht werden: Sei es durch Hunger, sei es durch Krankheit (wie z.B. Aids, das die Menschen eines ganzen Kontinents auszurotten droht Und wie schuldig sich der derzeitige Papst dabei macht, der, anstatt umzudenken und aufzuklären, Kondome und Verhütung verdammt. In meinen Augen ist auch das Vernichtung von Menschenmengen!) Dabei ist der derzeitige Papst doch wohl ein hochgebildeter Mann. Er weiß doch alles, was an Tatsachen hinter dem Christentum steht. Es bedarf dringend einer - wenn auch vorsichtigen - Korrektur für das 21. Jahrhundert. Ich glaube auch nicht, dass der Jesus, den sie so gern und viel zitieren, dieser Vernichtung von Menschenmengen so gegenüber gestanden hätte, wie es der Papst heute tut. Nur gab es leider soetwas zur Zeit des Neuen Tetamentes noch nicht. Damals war noch jede Geburt - besonders bei den Juden - eminent wichtig. DEamals war es noch ganz unfraglich, dass Verhütung nicht sinnvoll sei; noch weniger hnte irgendjemand, dass Verhütungsmethoden = Kondome einmal Leben retten könnten.

Wir leben im 21. Jahrhundert - gibt es aber weniger Menschenverachtung? Ich meine, es auch bei Max Frisch gelesen zu haben: Wenn alle Christen sich daran hielten, wie sie leben sollten, wäre der Kommunismus längst und ohne alle Kriege ausgerotten. (Frei zitiert.)

IGO

 

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