Spiel mit Ordnung und Chaos

Der gigantische Bart der böse war reizt uns zum Überschreiten von Grenzen

In seinem Comic Der gigantische Bart der böse war erzählt Stephen Collins in beeindruckenden Bildern eine Geschichte zwischen Kafka und Kinderbuch. Aus dem Gesicht des sonst mehr als unscheinbaren Protagonisten Dave bricht plötzlich ein widerspenstiges Haar heraus und verwandelt sich in einen unzähmbaren Bart. Anhand dieser zunächst wenig spektakulären Geschichte schafft es Collins sehr grundsätzliche Fragen über Kontrolle, Ordnung und Chaos zu diskutieren.

Form und Inhalt der Ordnung

Stephen Collins‘ Comic beginnt mit einer Karte seiner Welt. Dieser für Fantasy-Romane übliche Auftakt soll es dem Leser ermöglichen, in weitläufigen Welten wie Mittelerde oder Westeros einen Sinn von imaginärer Orientierung zu behalten. Doch die Welt, die uns hier in sorgfältig konstruierten Bildern zwischen Schwarz und Weiß präsentiert wird, könnte einfacher kaum sein: Es gibt ein Hier, ein Dort und dazwischen die See. Die Menschen von Hier wenden sich ab von der See, hinter der das dunkle, bedrohliche Dort liegt und richten den Blick ausschließlich hin zum Inneren ihrer Insel.

Der Leser folgt diesem Blick zunächst durch die Augen des Protagonisten Dave, der am Rande von Hier wohnt und sich durch das allabendliche Zeichnen seiner Straße der Ordnung seiner Welt versichert. Die Ordnung von Hier ist  eine übliche, geprägt von der Konformität der Vorstadt und einer Arbeitswelt, in der die Beschäftigten vollständig vom Sinn und Zweck ihres Tuns entfremdet sind. Doch eines Tages tut sich im Zentrum der Welt von Hier eine Störung auf, manifestiert sich zunächst in einer unerklärlichen Verwirrung der Daten, die Dave täglich für seine Firma aufbereitet, und bricht schließlich durch seine Haut aus ihm heraus, als ein wilder, dunkler, rauschender Bart. Dave, der von diesem Punkt an auch als Protagonist der Geschichte hinter seinem Bart verschwindet, wird fortan zunächst zum Außenseiter und dann als nationale Bedrohung doch zum Mittelpunkt von Hier.

Stephen Collins, Autor und Zeichner von Der gigantische Bart der böse war hat für seine Geschichte nicht nur ein Medium gewählt, für das Zeichnungen elementar sind. Der Akt des Zeichnens stellt auch einen zentralen Aspekt der Geschichte dar. Dave begegnet sowohl der Ordnung als auch dem Chaos seiner Welt auf dieselbe Art: Er zeichnet sie und greift damit auf die ursprünglichste Art der Definition zurück. Ich zeichne eine Linie und trenne so hier von dort, innen von außen.

Die Auflösung der Ordnung: Was ist, wenn Dort schon immer Hier war?

Zeichnen ist damit nicht rein deskriptiv, sondern auch konstruktiv. Und wenn der Leser im Verlauf der Geschichte sieht, wie aus Daves Innerstem die wilde Dunkelheit herausbricht, so fragt er sich mitunter, ob das ritualisierte Zeichnen seiner Straße bis dahin nicht eine Methode Daves war, die Ordnung seiner Straße von  seinen Augen durch sein Inneres und aus seiner Hand auf Papier fließen zu lassen und so sein Innerstes mit der äußeren Ordnung zu überdecken. Dies spiegelt sich auch in der Panelgestaltung wider. Collins beginnen mit klaren, rein rechteckigen Formen. Ein größeres Bild erstreckt sich dabei teilweise über mehrere Panels und als Vorahnung auf das kommende Chaos steht als erster Bruch der Rechteckigkeit ein kleines, dunkles Knäul, welches einen ersten Ansatz von Konturlosigkeit vermittelt. Die gesamte nächste Seite ist nur einem Satz gewidmet: »Er hatte das Gefühl, dass, eines schönen Tages, das geordnete Hier einfach irgendwie zusammenbrechen könnte.« Dieser Satz wird von Panels hinterlegt, deren Bildinhalt irrelevant ist, die sich aber vom klassischen Rechteck hin zur revolutionären Raute verändert haben und so die Dynamik der Aussage unterstreichen. Das wilde Haar bringt die Loslösung vom Rechteckt und schlussendlich sogar von der strukturierenden Form des Panels, als alles in einem Strudel von Daves Bart untergeht.

Nur die Stimme des unidentifiziert bleibenden Erzählers entzieht sich jeglicher Grenze und fließt von Beginn an frei über die Seiten hinweg. Diese Schrift steht über, unter und zwischen den Panels und bildet so eine Verbindung zwischen diesen. Wo nötig, taucht sie in das einzelne Bild ein und nimmt dort eine kommentierende oder beschriftende Rolle ein. Dabei ist die Position der Worte ebenso bedeutsam wie ihr Inhalt. In sich selbst spielt sie mit dem Reim und erinnert uns Leser daran, dass auch Sprache eine Möglichkeit ist, zu strukturieren und zu definieren. Auch scheint eine Beziehung zwischen dem Erzähler und Dave zu bestehen, da Dave die begonnen Sätze des Erzählers in seinen Gedanken beendet. Doch auch wenn der Erzähler zunächst jedes Detail über Dave und seine Gedanken kennt, bleibt er letztlich, und damit auch der Leser, in der Welt von Hier zurück als Dave am Ende entschwindet. Während der erste Entwurf dieser Welt und auch die Selbstwahrnehmung seiner Bewohner zunächst eine klare räumliche Trennung von Hier und Dort vermuten lässt, löst sich diese im Laufe der Geschichte zunehmend auf. Es wird deutlich, dass dies eine gewollte Separierung ist, in der die Bewohner von Hier das wilde Dort einerseits fürchten und verdrängen, gleichzeitig aber heimlich als verführerische Alternative zu ihrem Alltag sehen.

Wenn die räumliche Trennung zwischen Hier und Dort eine Illusion ist, stellt sich die Frage, wie viel von unserer realen Welt in Hier steckt. Die Architektur und Struktur der Welt von Hier ist unserer direkt entnommen. Nur die Karte zu Beginn schafft zunächst das Bild einer Fantasiewelt. Vielleicht ist es unsere Welt, die wir hier sehen, und in ihr die alte Frage, wie viel Kontrolle wir brauchen. In uns selbst und in unserer Gesellschaft.

Wie viel Hier ist auch in mir?

Die Linie, die jeden einzelnen definiert, ist die Haut. Dies ist die relevanteste Trennung dieser Geschichte, denn es ist Daves Haut, durch die der böse Bart aus ihm heraus und das Chaos in die Welt bricht. Dem entgegen steht die anfängliche Welt der totalen Ordnung von Hier, die nur noch Form ohne Inhalt ist, die aber auch die Schattenseite der Ordnung erkennbar werden lässt. Die Verbindung zwischen innerer und äußerer Welt ist hier das Haar. Dave war bis zum Tag des Bartes vornehmlich kahl und hatte seine Blöße in den letzten Jahren mit einer Perücke bedeckt. Mit Haaren, die nur von außen den Anschein von Normalität erwecken, denen aber die natürliche Verbindung nach Innen fehlt. Einzig ein Haar war schon immer in seinem Gesicht,  »das seltsamste, stärkste Haar, das die Welt je gesehen hat«. Es ist die eine Haareslänge, die Dave von seinen ordentlichen Mitmenschen unterscheidet. Das Haar, das zur Wurzel des Bartes wird, der Dave für immer von seiner alten Welt trennen wird.

Daves Bart durchbricht erst seine Haut und dann auch die vormalige Trennung zwischen den Menschen. Die Menschen von Hier sind zu Beginn der Geschichte isoliert voneinander, jegliche soziale Interaktion wird untergeordnet, der Blick richtet sich stets nach unten, aber nicht nach innen und nicht auf den Anderen. Doch plötzlich zieht Dave alle Blicke auf sich. Er und sein Bart werden zur existenziellen Bedrohung der Weltordnung. Dies geschieht einerseits in physischer Hinsicht, da der Bart Teile von Hier zu bedecken droht und auch eine Armee von Friseuren ihn nicht zähmen kann. Andererseits beeinflusst der Bart die Bevölkerung auch psychisch, indem er sie aus dem ewig gleichen Alltag herausbricht. Nach einer anfänglichen Faszination (und der entsprechenden medialen Inszenierung) der Menschen für Dave und seinen Bart entsteht der Widerstand gegen das Fremde, das Ungewohnt und Unordentliche. Es findet nur bedingt eine grundlegende Reflexion statt und auch die Veränderungen, die der Bart verursacht, sind schnell nur noch alte Konventionen mit neuem Haarschnitt. Die Fokussierung auf Dave und seinen Bart lässt in den Hintergrund treten, dass Dave nur der Träger des Bartes, nicht aber die Quelle der Veränderung ist.

An Eternal Flame

Die gesichtslos bleibenden Regierenden von Hier versuchen zunächst, der Situation und dem Bart Herr zu werden, scheitern jedoch kläglich. So bleibt nur die ordentliche Entsorgung des Bartes und seines Trägers, auch wenn diese unschöne Wahrheit im allgemeinen Einvernehmen ungesagt bleibt. In einer hoch technisch geplanten und doch kindlich wirkenden Aktion werden 20 große Luftballons an Daves Bart befestigt, die ihn daraufhin der Welt von Hier entreißen und zu neuen Ufern entschweben lassen.

Die Hintergrundmusik der Geschichte liefern die Bangles, deren Titel Eternal Flame Dave in ewiger Wiederholung hört. Dieser, vielleicht nicht als Highlight der Musikgeschichte geltende, Titel bildet nicht nur die Hintergrundmusik für Daves Leben, sondern die erste Strophe markiert auch seinen Übergang von Hier nach Dort:

Close your eyes, give me your hand, darlin'
Do you feel my heart beating
Do you understand
Do you feel the same
Am I only dreaming
Is this burning an eternal flame

Sowohl die Hand als auch die Flamme sind wiederkehrende Symbole der Geschichte. In den Träumen der Menschen, den verwirrten Grafiken der Firma und in Daves Bart findet sich als Form eine greifende Hand. Wer hier nach was greift bleibt unerklärt, relevant ist ohnehin nur die Geste der Ausstreckens, die sowohl Bedrohung als auch einladende Verführung sein kann. Schlussendlich folgt Dave dieser Hand, schließt seine Augen und ergibt sich der Flame seines Bartes.

Wie ein kleines bisschen Chaos alles in Ordnung bringen kann

Er entschwindet von Hier und damit aus der Geschichte. Er hinterlässt die Gesellschaft ein wenig verändert, ein wenig dortiger und doch auch ein wenig ruhiger und stabiler. Die Menschen von Hier (zumindest einige) haben durch die Konfrontation mit dem Bart gelernt, dass Chaos und Ordnung zwar jeweils in Reinform wenig wünschenswert scheinen, aber beide Seiten der Medaille notwendig sind. Ordnung gibt uns Logik, Stabilität und Struktur, Chaos hingegen Dynamik, Veränderung und Freiheit. Die Welt und die Geschichte lebt vom Spiel dieser Kräfte. Am Ende fordert Der gigantische Bart, der böse war uns dazu auf, als Einzelner die Ordnungen der Welt zu hinterfragen und auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen. Es ist aber auch eine Warnung davor, dass der Weg in die Andersartigkeit und Freiheit keiner ist, der am Ende in der breiten Masse, die doch von der einen oder anderen Ordnung lebt, auf Applaus stoßen wird. Wir erfahren nicht, ob die Welt jenseits von hier eine bessere ist. So bleibt die Geschichte von Dave eine Frage, der sich nachzugehen lohnt.

 

Stephen Collins: Der gigantische Bart der böse war. Hamburg: Atrium 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-85535-073-5. 29,99 Euro.

 


 

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