Stimmen von jenseits des Grabes

Uwe Timm: Halbschatten

»Wer den Hochmut mit dem Tod bezahlt,
wird als tragisch angesehen,
wer weiterhumpelt, als komisch.«

 

Wie kaum ein anderer deutscher Autor steht er für die literarische Verarbeitung historischer und politischer Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Sein Romanerstling Heißer Sommer von 1974 erzählt die Geschichte der 68er, Die Entdeckung der Currywurst thematisiert den zweiten Weltkrieg und speziell die letzten Kriegstage, seine Erzählung Am Beispiel meines Bruders – vielleicht sein eindringlichstes Buch – setzt sich mit seinem älteren Bruder auseinander, der sich freiwillig zur SS meldete, an der Front schwer verwundet wurde und kurze Zeit später an seinen Verletzungen starb. In Der Freund und der Fremde schließlich erzählt er von seiner Freundschaft mit Benno Ohnesorg, der 1967 während einer Demonstration von der Polizei erschossen wurde.

Die Rede ist – natürlich – von Uwe Timm, einem durch und durch politischen Autor, 1940 in Hamburg geboren, gelernter Kürschner, promovierter Philosoph und seinerzeit Mitglied im SDS und der DKP. Jetzt hat er mit Halbschatten seinen aktuellen Roman vorgelegt und sich wiederum historischer Fakten bedient, um sie literarisch zu gestalten. Der Ort der Handlung bzw. der Gespräche dieses Romans ist der Berliner Invalidenfriedhof, der mit seinen etwa 230 noch erhaltenen Gräbern ein Spiegel der preußisch-deutschen Militärgeschichte ist. Neben vielen namenlosen Zivilisten liegen hier die großen Schlächter und Kriegsherren begraben: Scharnhorst, Schlieffen, Moltke, von Seeckt, Fritsch, Mölders, Heydrich und die neben Elly Beinhorn und Hanna Reitsch bekannteste deutsche Pilotin, Marga von Etzdorf. Um ihre Geschichte zu erzählen lässt der Autor ihre Stimme lebendig werden.

Diese Marga von Etzdorf war eine junge, leidenschaftliche und vor allem ehrgeizige Pilotin, die mit ihrem Flugzeug (einer Junkers A50), das sie Kiek in die Welt nannte, spektakuläre Langstreckenflüge unternahm. Auf einem dieser Flüge lernte sie in Japan den Jagdflieger Christian von Dahlem kennen und verliebte sich in ihn, aber »es war eine unerwiderte Liebe […]. Es war der Schmerz des Verrats, der in der erweckten und nicht erwiderten Liebe liegt.« Nachdem sie bei ihren waghalsigen Flügen bereits zweimal Bruch erlitten hatte und ohne Flugzeug nachhause zurückkehren musste, erschoss sich die 25-Jährige - die zuletzt auch in Waffengeschäfte verwickelt war - nach ihrer dritten Bruchlandung in Syrien, wohl wissend dass dies das Ende ihrer Karriere sein würde:

Sie hat sich aus Scham erschossen, sagt eine Stimme. Sie wusste, was man sagen würde, was der dahinten gesagt hat, zum Fliegen gehört logisches Denken, emotionsfreies Handeln. Kombinationsgabe, technischer Verstand. Fällt doch auf, Frauen wissen sich bei einer Fahrradpanne viel weniger zu helfen als Männer.

Während dem Leser so nach und nach Leben und Lieben der jungen Fliegerin näher gebracht werden, lässt der Autor auch die Stimmen der anderen Toten des Invalidenfriedhofs wieder lebendig werden, und damit auch ihre Vergangenheit. Doch da beginnt das Problem:

Vielstimmig und vielschichtig, gedanken- und anspielungsreich, klug und bewegend, begibt sich dieser Roman auf ein Terrain, wo sich die Gewalt der Geschichte, der Zufall und das individuelle Schicksal begegnen, einander bestätigen, aber auch widersprechen – für den, der zu hören vermag.

So weit ein kurzer Ausschnitt aus dem Klappentext. »Für den der zu hören vermag« - doch wer nach der Lektüre noch etwas hört muss verdammt gute Ohren haben, denn dieses Gewirr von Stimmen aus 150 Jahren Militärgeschichte - das zu entwirren man bereits nach wenigen Seiten aufgibt - langweilt nicht nur, es nervt ganz einfach: »›Wäre lieber in Friedrichshain, bei den Genossen.‹ ›Tja, Gibt kein Reklamationsrecht.‹ ›Was sagt er?‹ ›Geh mir von der Backe.‹« Wer spricht da gerade? – Egal, es interessiert ohnehin nicht, was der oder die zu sagen hat. Nicht selten sind es nur Plattitüden, wie »Nix to beten, nix to kauen, keen Nazi to verhauen« oder »Die Plempe raus und ran an den Feind« und anderer Nichtigkeiten mehr. Man hat das Gefühl, hier schreibt einer, der verzweifelt nach einem Thema gesucht hat und glaubte, es in der unerfüllten Liebe zwischen Etzdorf und Dahlem gefunden zu haben.

Es gibt zwei Aspekte, die einen guten Roman, vielleicht ein gutes Kunstwerk im Allgemeinen, ausmachen, wenn der Künstler ihnen gerecht wird: Inhalt und Form. Ein ungewöhnlich interessanter Plot kann dabei so manche literarische Schwäche kompensieren, wie ein souveräner Umgang mit Sprache über eine schwache Handlung hinweg trösten kann. In diesem Buch fehlt leider beides. Uwe Timm war noch nie ein Sprachvirtuose, aber gerade in seiner Erzählung Am Beispiel meines Bruders ist ihm eine ungewöhnlich intensive Darstellung des Lebens seines Bruders gelungen. Das war der Stoff, aus dem dieser Schriftsteller gute Literatur schöpft. Das war mit Blut, zumindest mit Herzblut, geschrieben, und dass der Autor während der Arbeit an dieser Erzählung - die unter anderem in der Lektüre von Feldpostbriefen seines Bruders bestand - eine Netzhautablösung bekam, zeigt, mit welcher Intensität und emotionalen Beteiligung er hier zu Werke gegangen sein muss.

In seinem neuen Roman gibt es dagegen, von wenigen Ausnahmen abgesehen – die Beschreibung des Luftkampfs zwischen Christian von Dahlem und einem englischen Piloten ist großartig – einfach zu wenige Passagen, die in der Lage sind, den Leser, auf welche Weise auch immer, zu fesseln. So sind in Halbschatten das Lesenswerteste nicht selten Zitate aus anderen Werken – in erster Linie aus Marga von Etzdorfs Biographie Kiek in die Welt – die Uwe Timm in seinen Roman eingestreut hat. Dort, wo der Autor versucht tiefsinnig zu sein, rutscht er nicht selten ins Triviale ab: »Könnte es nicht sein, fragte der Graue, dass die Lust an der Gefahr, auch am Schmerz, der Wunsch nach deren Ende ist? Sich selbst so zu spüren, wie man sich sonst nie spürt? Die Verzweiflung, die tiefe Verzweiflung, die uns zu uns selbst führt, in der wir unser selbst innewerden, wie sonst nie.« Das klingt dann schon eher wie Paulo Coelho, ohne diesen Autor sonst in irgendeiner Weise in die Nähe Timms stellen zu wollen.

An einer Stelle lässt der Autor den »Grauen« sagen: »Mich interessiert, wie Gewalt sich äußert, […] wie Gewalt ihre Legitimation findet, wie sie darstellbar wird.« Auf diese Fragen gibt das Buch leider keine befriedigende Antwort und es findet sich auch sonst nichts, was man nicht schon unzählige Male woanders besser gelesen hätte. Es fehlt der eigene, individuelle Ansatz, der literararchimedische Punkt, von dem aus diese Fragen neu beantwortet werden könnten.

Im letzten Drittel entwickelt sich dieser Roman, sozusagen en passant, zu einer Anklage gegen den Krieg. In abgeklärter Sprache - und zunehmend besser erzählt - zeigt Timm die ganze sinnlose, alltägliche Brutalität des Krieges:

Er wurde erschossen, dann gekeult und wie Schlachtvieh kopfüber an einem Garagendach aufgehängt. Gehirn tropfte auf den Boden. Neben ihm hing seine Geliebte, der Rock, damit er nicht herunterrutschte, mit einem Strick an die Beine gebunden. Sie hing, die Arme ausgebreitet, als wolle sie fliegend zur Erde stürzen, das Haar wie ein dunkler Strudel herabfallend.

Leider kann dieser stärkere letzte Teil den ersten, schwächeren des Buches nicht aufwiegen, und so bleibt lediglich das Bedauern zurück, dass Uwe Timm diesen Roman nicht erst auf Seite 200 begonnen hat.

Auf Marga von Etzdorfs Grabstein steht der Satz »Der Flug ist das Leben wert« und damit endet auch dieser Roman: »Der Flug ist das Leben wert? Vielleicht. Ich denke, eher nicht. Wer weiß.« Man könnte jetzt Flug durch Buch und Leben durch Lesen ersetzen.

 

Uwe Timm: Halbschatten. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 272 Seiten. ISBN 978-3-462-04043-2. 18,95 Euro.

 

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