Taribu West

»Der Traum von Walacek« – das Buch von Giovanni Orelli, 1991, Einaudi, TurinDie interessantesten Bücher kauft man im Vorübergehen, aus der Kiste der zu verramschenden. Eins davon: „Il sogno di Walacek“ (1991) des Tessiner Autors Giovanni Orelli. Es geht um das „Alphabet I“, das der Schweizer Maler Paul Klee auf die Seite der Basler „National-Zeitung“ malte, die das Cupfinal Grasshoppers–Servette Genf am 18. April 1938 wiedergab; es geht um den Spieler Walacek, der beinah nicht in Paris bei der WM gegen Großdeutschland spielte, weil er nicht korrekt eingebürgert war; und es geht um Mannschaftsaufstellungen, die genauso Poesie seien wie der Schiffskatalog Homers. Die Schweiz 1938: Bacigalupo; Ballarin, Maroso; Otone, Avolio, Berlinghiero; Avino, Trello, Vonlanthen, Walacek, Schiaffino.

Der Vonlanthen Roger stürmte noch 16 Jahre später für die Schweiz, bei der WM 1954 (hier, achtes Bild von oben) Heuer war der 20-jährige Johan Vonlanthen (Breda) aufgeboten, der nun aber verletzt ist. Schade. Bei der WM 2002 gefielen mir die Namen türkischer Spieler: Yldiraj Basturk, Tayfun Korkut, Hasan Sas und Hakan Sukur. Zinedine Zidane ist natürlich auch ein genialer Name, was die Vokalverteilung angeht. Vor allem die nigerianische Mannschaft hatte es mir angetan: Taribu West – er heißt ja Taribo, aber Taribu gefällt mir besser –, Sunday Oliseh, Jay Jay Okocha. Stellen wir die Mannschaft selber auf, aus dem damaligen Kader: Enyeama; Afolabi, Udeze, Christopher, West; Adepoju, Okocha, Akwuegbu; Utaka, Ogbeche, Aghahowa.

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Taribo West als Roter Teufel
(Mit freundlicher Genehmigung von www.originalautogramm.de)

Auf Seite 76 träumt Walacek vor sich hin und bietet auf: Pulver; Alkibiades, Hannibal; Lempen, Sokrates, Aristoteles; Plotin, Walacek, Platon, Walacek, Silla. Warum Silla? wird er gefragt. Weil es ein schöner Name für einen Außenstürmer sei. Wie Gento. Der reimt sich auf „vento“ (Wind). Ich hatte früher, hinten sitzend im Elternauto, einen Pappkarton, in dessen elf runde Freiflächen man goldene Münzen eindrücken konnte, auf die die Konterfeis von Fußballern aufgedruckt waren. Die bekam man, wenn man bei Shell tankte. Es muss 1974 gewesen sein: Maier; Schwarzenbeck, Haller, Beckenbauer, Höttges; Overath, Haller; Lippens, Held, Müller, Löhr. Weiß ich noch auswendig. Siggi Held! „Ente“ Lippens! Hannes Löhr! Die Mär von den verrückten Linksaußen. Und später Begeisterung für den heldenhaften literarischen Einsatz von Ror Wolf für den Fußball: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ – ein Meisterwerk. Wolf hat sich 15 Jahre in den Fußball reingekniet (1966-1981), bis er genug davon hatte.

Meine Aufstellung heute: Lehmann; Schweinsteiger; Scholl; Ballack, Kuranyi. Fünf Spieler fallen mir spontan ein. So wird Deutschland nicht Weltmeister. Was ist passiert? Ich denke: zu viele Namen. Zu viele Jahre. Sport hat keine Entwicklung zu bieten. Mannschaft steigt auf, steigt ab, steigt wieder auf. Man wird müde. Die Helden der Popmusik und des Sports hatten für mich damals kein Alter. Sie agierten in ihrem Universum wie antike Helden auf dem Olymp. – Einschub. Sokrates zu Beckenbauer: „Würdest du mit mir übereinstimmen, lieber Franz, dass dein Freund jemand anderes ist als du?“ B.: „Da hast du wohl Recht, Sokrates.“ S: „Und die Welt ist alles, was da ist?“ B: „Könnte ich unterschreiben.“ S: „Wenn also ‚die Welt zu Gast bei Freunden’ ist, so muss das außerhalb der Welt sein. In Deutschland leben also Außerirdische.“ Also auf, ihr Außerirdischen! Die Galaxie erwartet eure Taten!

 

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