Krise im Kuppelsaal

Das Theaterensemble S.U.B. Kultur inszeniert Oh Weh, Oh Weh, das Abendland im Kuppelsaal der Thalia Buchhandlung Bonn

Im vergangenen Monat inszenierte die Bonner Schauspielgruppe S.U.B.-Kultur die Uraufführung von Chris Noldes Theaterstück Oh Weh Oh Weh, das Abendland. Es stellt den Abschluss einer Trilogie zum Themenkomplex Arbeit dar. Während die beiden früheren Stücke Lohnarbeit und Arbeitslosigkeit beleuchteten, rückte mit dem neuen Stück die Verbindung von Arbeit und Engagement in den Fokus. Die Inszenierung ließ keine Langeweile aufkommen.

Sie sitzen da und träumen. Im meditativen Schneidersitz bereitet sich die Abschlussklasse einer Schauspielschule auf ein großes Jahr vor. Sie werden ihr letztes Stück inszenieren, ein Zeichen setzen, das Publikum im Innersten berühren und nebenher die Flüchtlingskrise lösen. Mit Humor, Humanität und Hingabe wollen sie das Schicksal eines Geflüchteten darstellen. Feel-Good gegen Vorurteile, eine Komödie gegen Konflikte. Es ertönt: »Ommmmelette!« So enden die friedlichsten zwei Minuten von Oh Weh, Oh Weh, das Abendland, denn Philipp Zollhaus betritt die Bühne und mit ihm das Chaos. Die Schüler haben den beliebtesten Lehrer der Schule als Regisseur engagiert. Er ist bekannt für mutige Inszenierungen, starke Botschaften und außergewöhnliches Theater. Für Meditation hat er nichts übrig, und noch weniger für den weichgespülten Wohlfühlkitsch, den er im Stück seiner Klasse sieht. Er nimmt die Regie an – und das Unglück seinen Lauf.

Sei es aus gerechtem Zorn oder purem Sadismus, Zollhaus will seine Klasse seinen Unmut spüren lassen. Er übertreibt den Kitsch ins Unerträgliche, besetzt den geflüchteten Protagonisten mit Egon, dem erzkonservativen CDU-Mitglied (Simon Slomma), und erfindet für ihn eine homoerotische Liebesgeschichte mit dem Sohn der Familie, gespielt von der depressiven Nymphomanin Sybille, großartig dargestellt von Anna Katharina Flöer. Die Schauspielschüler protestieren zwar, wehren sich aber nicht. Es gibt Männer in Cocktailkleidern, improvisierte Geburtsszenen und einen griechischen Chor, der Regieanweisungen vorträgt. Die Darsteller bewegen sich mit den Proben in einer steilen Spirale auf den völligen Wahnsinn zu. Bis zur Pause liegt jede Szene irgendwo zwischen wirklich witzig und völlig verstörend. Die Dialoge, geschrieben vom Autor Chris Nolde, sind mal etwas bemüht, mal ziemlich bemerkenswert. Das Stück baut eine faszinierende Dynamik auf, echte Spannung und hohe Erwartungen an ein furioses Finale.

Absolutes Chaos: Ist die Aufführung noch zu retten?

Dann bricht das Theaterstück unter dem eigenen Ehrgeiz zusammen. In der zweiten Hälfte kann Autor Nolde sich nicht entscheiden, ob er den Umgang mit der Flüchtlingsproblematik in Deutschland thematisieren oder die Geschichte eines scheiternden Lehrers erzählen will. Leider tut er weder das eine noch das andere. Bei der Generalprobe für die Abschlussaufführung wird sowohl der Klasse als auch Zollhaus klar, dass das Experiment gescheitert und die Inszenierung ein Desaster ist. Der Regisseur verschwindet und lässt fünf frustrierte Schauspieler zurück, die je nach charakterlicher Disposition entschlossen sind, die Aufführung zu retten oder zu sabotieren. Das Ergebnis ist absolutes Chaos, zuletzt zerren sie ihren Lehrer und Regisseur auf die Bühne und stellen ihn zur Rede. Einer nach dem anderen geben sie ihm die Hand oder umarmen ihn, bevor sie sich fallen lassen und ihm entgleiten. Dass sie ihn auch für ihr eigenes Versagen bestrafen, dafür, dass sie sich auf seine Provokation hin nicht aufgelehnt haben, sondern sehenden Auges die Katastrophe haben geschehen lassen, das fällt ihnen nicht ein.

Am Ende gilt für die Figuren dasselbe wie für die Zuschauer: Sie haben ihren Abschluss, sie gehen auseinander, sie haben nichts gelernt. Übrig bleiben die beiden Statisten, die in dem ganzen Wahnsinn immerhin die Liebe finden, und ein kitschiger Dialog über verschiedene Arten von Küssen. Oh Weh, Oh Weh, das Abendland ist ein ambitioniertes Stück, das an seinem eigenen Anspruch scheitert. Der Abend im Kuppelsaal des alten Metropol lohnt sich trotzdem. Die Schauspieler sind gut, die Kostüme von Julia Dietrich sind großartig, die Musik von Nicolas Mittler ist genial. Und die Inszenierung besteht den wichtigsten Test, seit es Theater gibt: Sie ist keine Sekunde langweilig.

Oh Weh Oh Weh, das Abendland. Theaterstück des Autors Chris Nolde. S.U.B. Kultur. Regie: Marcis Brien. Kuppelsaal der Thalia-Buchhandlung Bonn.

 

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