Tradition und Transformation in bayrischer Dorfidylle

Josef Bierbichlers düsterer Familienroman Mittelreich

Über drei Generationen einer Bauern- und Wirtsfamilie erstreckt sich die Erzählung in Mittelreich, dem im bayrischen Voralpenland angesiedelten Heimatroman von Josef Bierbichler. Eindringlich wirft er die Frage nach dem Unterschied von Zuhause und (neuer) Heimat auf. Diese stellt ein wichtiges Puzzleteil in diesem komplexen Romandebüt dar, an dessen Ende es erdrückend heißt: »Die Erde ist keine Heimat.« Das Feuilleton reagierte zu Recht angetan auf Mittelreich, dabei ist er nicht der erste vielbeachtete Familienroman des letzten Bücherjahres, wohl aber der des bekanntesten und streitbarsten Autors.

Das Provinzdrama beginnt 1914: Dem alten Seewirt ist es gelungen, seinen Betrieb allmählich zu einem beliebten Ziel für Sommergäste aus der Stadt aufzuwerten. Er wird dadurch einer der angesehensten und wohlhabendsten Bewohner von Seedorf, was ihn und seine Erben »mittelreich« macht. Leser von Verfluchtes Fleisch, Bierbichlers autobiographischer Gedankensammlung, können schnell das im Buch genannte »Seedorf« als das ehemalige Ambach ausmachen, dem Ort, an dem der Autor 1948 als Sohn einer Landwirtsfamilie geboren wurde. Auch wenn Bierbichler die deutlich autobiographischen Züge des Romans in Interviews bestreitet, bleiben Parallelen offensichtlich.

Aufgezwängte Rollen
Aus dem Einsatz im Ersten Weltkrieg kehrt der Sohn des Seewirts körperlich und geistig verwundet zurück. Die Kugel, die seinen Helm durchschlagen hatte, raubt dem Hoferben den Verstand. Der Zweitgeborene gerät dadurch in eine Zwangslage und fügt sich »aus reiner Existenzangst« dem nun vorbestimmten Schicksal. Pankraz wird der Anrede nach zum neuen Seewirt und muss seinen unausgegorenen Sängertraum opfern. Mit der späteren Rolle als Familienoberhaupt ist er überfordert und leistet sich aus Sicht seiner Frau während eines zerstörerischen Unwetters »eine gefährliche Hilflosigkeit«. Hier liegt der Wendepunkt, der den Erben, aber auch seine Frau, endgültig in ihre Rollen hineinzwängt. Die erzwungene Metamorphose vom führungsschwachen, initiativlosen und sentimentalen Träumer zum neuen Seewirt steht im Mittelpunkt. Pankraz steckt seinen Sohn Semi in das ferne Knabeninstitut und Jesuitenkloster »Heilig Blut«. In der »Mönchsfalle« wird der Junge Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen ihn betreuenden Geistlichen. Diese Erfahrungen prägen ihn sein Leben lang und später wendet Semi seine aus dem elterlichen Betrieb gewonnenen Kenntnisse über die Kunst des Schweineschlachtens am Pater Ezechiel an.

Mittelreich schöpft aus einem breiten Spektrum solcher eindrücklicher Schicksale. So auch das des Fräuleins von Zwittau, deren ihr selbst nicht bewusster Hermaphroditismus sie vor der Vergewaltigung durch russische Soldaten rettete. Erst im hohen Alter wagt sie mit einem kleinen Dorfmädchen ein Anschauungsexperiment im Wald und nimmt sich anschließend das Leben. Leidenschaftlich empört sich die Frau des Seewirts über die Geschehnisse, von denen das aufgewühlte Mädchen der Polizei berichtet. Die Hilferufe ihres eigenen Sohnes Semi aber, der sich ihr verzweifelt anvertraute als die Rückkehr ins Klosterinternat anstand, bleiben unerhört. Der Mutter wird er das nie verzeihen.

 

Eine neue Zeit
Der wirtschaftliche Aufschwung der Seewirtschaft nimmt davon unbeeindruckt weiter seinen Lauf. Zwar schwemmt das Ende des Zweiten Weltkrieges zum Teil skurrile Flüchtlinge nach Seedorf, von denen einige für immer bleiben, der zunehmenden Prosperität im Dorf tut das aber keinen Abbruch. Dennoch kommen auch die Alteingesessenen im Dorf nicht umhin, halbwegs nüchtern in der Dorfkneipe zu konstatieren, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Das Unverständnis zwischen Alt und Jung wächst. Die Enteignung der wirtschaftlich lukrativen »Streuwiesen« schließlich, die den Ausflüglern einen ungehinderten Zugang zum See sichern sollen, ist nur äußerliches Zeichen f&¨r einen innerlichen Prozess der Entfremdung. Am Ende sind sich die Bewohner der Seewirtschaft so fremd wie die Mitglieder der demonstrativ zur Schau gestellten Dorfgemeinschaft.

Diese generationenübergreifende etwa 80 Jahre umspannende Handlung wird auf den ersten und letzten Seiten eingerahmt durch Ausschnitte des Jahres 1984. So beginnt der Roman beschaulich, fast malerisch, mit einem Abschnitt über den alten Viktor, der an einem heißen Juninachmittag mit Brotkrümeln die durch den Kater Mandi aufgescheuchten Spatzen füttert. Doch im nächsten Moment wird die ruhige Szene vom »nicht mehr enden wollenden Maschinendonnergrollen« eines Kampfflugzeuges am Himmel zerrissen. Josef Bierbichler setzt die Aussage seines Romans direkt an den Anfang. Er demaskiert die ländliche Postkartenidylle inklusive Bauernhof an einem See in Oberbayern zu dem was sie wirklich ist: Maskerade für Angst und Verstellung, die seit Generationen tief in den Köpfen der Bauernfamilien steckt. Für sie bleibt der schlesische Flüchtling Viktor letztlich immer ein Fremder, was diesem auch bewusst ist. Mit ihm beginnt und endet bezeichnenderweise der Roman.

Der dicht gewebte stringente Erzählfaden, an dem die Handlung auf den ersten 100 Seiten flott voran schreitet, wird des Öfteren von Passagen aus dem Familienleben durchschnitten. So etwa von der ungewollten Einkehr zweier KZ-Häftlinge, die sich nachts unbemerkt von der durch das Dorf getriebenen Herde der Totgeweihten entfernt haben. Solche Nahaufnahmen sind anfangs durchaus schnell und eher hintergründig erzählt, da sie auf jedes Blendwerk verzichtend in aller Kürze eingeschoben werden und gerade dadurch der Figurenwelt eigentümlich Platz einräumen. Hier gleicht die Erzählstruktur einem schnellen Marsch durch die Geschichte von 1914 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Angesichts von insgesamt knapp 400 Seiten ist jedoch klar, dass nur ein literarisches Fundament bereitet werden soll. Ab der Mitte des Romans werden die Einschübe endgültig zum alleinigen Erzählprinzip. Das chronologisch zeitraffende Nacheinander der Erzählstruktur weicht einem eher ausbreitenden zeitüberspringenden Nebeneinander von Details. Kapitel und Zwischenüberschriften gibt es nicht. Die einzelnen Erzählblöcke sind lediglich optisch voneinander abgehoben. Das Panorama an auftretenden Personen erweitert sich deutlich und der Leser muss schon einen hohen Grad an Konzentration und Orientierungsarbeit aufbringen, um den vielfältigen Schicksalen einigermaßen folgen zu können.

Der Erzählton bleibt dabei ungezwungen, fast plaudernd, spöttisch formuliert k&¨nnte man sagen: barrierefrei. Beliebig ist die Struktur aber nicht. Dialektik spielt dabei eine große Rolle, wenn auch nur erleichternd dezent angedeutet. Die Gedankengänge sind messerscharf und die Formulierungen wohl gewählt. Josef Bierbichler gelingt es, mit wenigen verdichteten Worten komplexeste Zusammenhänge auszudrücken. Oft ist es dabei nur ein ungewöhnliches Kompositum oder ein scheinbar beiläufig eingefügter Neologismus, der den Leser zum Nachdenken bringt.

Ein gelbes Bauernrenaissanceschlösschen war entstanden, direkt am Seeufer, weithin leuchtend sein Beschaut-Werden fordernd und zur Einkehr ladend, ein gastronomischer Fehdehandschuh, eine wirtschaftliche Provokation, in deren Folge alle bestehenden Verhältnisse verdampften.

Vielfältige Interpretationsmöglichkeiten
Interpretatorisch bietet der Roman also einige Ansatzpunkte, denn welche Dimension die Aussagekraft des Seedorf-Mikrokosmos einnimmt, bleibt offen. An einigen Stellen kann der Leser dieses Mittelreich und dessen Entwicklungen deutlich als Pars pro Toto für die Geschichte Deutschlands erkennen. An anderen Stellen sprechen nicht verallgemeinerbare Individualschicksale eher für sich. Man fühlt: Das große Thema ist nicht Krieg und Frieden sondern die Tradition. Dabei stellt die Familiengeschichte der Seewirte einen Zergliederungsprozess dar. Offen zu Tage tretende oder tief unter der Oberfläche schwelende Konflikte zwischen den Geschwistern, den Ehepartnern und den Generationen bestimmen immer mehr den Alltag. Dem Rezipienten begegnen Sexualität nur negativ konnotiert als Instrument der Herrschaft, Religion manifestiert in der Hülle des katholischen Kirchenrituals und Erinnerungen als sorgfältig unter dem Teppich verborgene Schuld. Hinzu kommt das Hadern mit dem eigenen Schicksal im Kontext einer sich unaufhaltsam verändernden Welt. Während der Schein nach Außen standhaft gewahrt bleibt, wenden sich die Bewohner des Seehofes individuell von Konvention, Religion und Tradition ab.

Und so wurde die Alte Mare zuletzt noch einmal in ihrem Lehnstuhl herumgetragen wie zuvor der Papst in seinem Thron. Nur war sie da schon tot. Der Papst noch nicht. Oft ähneln sich noch die Formen, nur die Zustände gleichen einander nicht mehr. Sollte man daraus eine Lehre ziehen?

 

Der in Interviews auch gerne mal etwas grantige 64-jährige Josef Sepp Bierbichler kann auf eine äußerst erfolgreiche wie hochdekorierte Schauspielerkarriere zurückblicken. 24 Jahre nach seiner Regiepremiere und 10 Jahre nach dem erfolgreichen Autorendebüt mit Verfluchtes Fleisch legt er seinen ersten Roman vor. Die Jury der hr2-Hörbuchbestenliste verlieh der Hörbuchfassung von Mittelreich  die Auszeichnung »Hörbuch des Jahres 2011«. Der Titel ist berechtigt, denn festzuhalten bleibt, dass der wuchtige Erzählton das Bemerkenswerteste an diesem Roman ist. In der ungekürzten Autorenlesung kann er seine volle Kraft entfalten. Hier zeigt sich das große Können von Josef Bierbichler.

 

Josef Bierbichler: Mittelreich. Roman. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011. 391 Seiten. ISBN 978-3-518-42268-7. 22,90 Euro.

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