Typisch unitalienisch italienisch

Raretracce legen mit ihrem Debüt Volume 1 eine abwechslungsreiche Reise durch die Rockgeschichte vor

Mit dem Begriff Indie-Rock wird hierzulande gerne Musik beschrieben, die nicht den Sprung in die Charts schafft und nur von wenigen Menschen gehört wird. Oft handelt es sich dabei um Garagenrockbands, die kaum jemand kennt und die nur in kleinen Läden auftreten. Doch wie weit dieser Begriff gefächert ist, zeigt sich im Land des »dolce vita« und des guten Kaffees. Raretracce (zu deutsch: seltene Spuren) nennt sich die aus Rom stammende siebenköpfige Band, die in Italien in die Kategorie des Indie-Rock eingeordnet wird. Ihr Stil ist anders als die allgemeine Definition des Begriffes erwarten ließe. Beeinflusst vom Blues, Reggae, Swing, Funk und der Musik der 70er Jahre hat sie im Mai ihr erstes Studioalbum veröffentlicht. Und genau wegen dieser Vielseitigkeit passt sie in diese Musiksparte. Auch die Musikinstrumente sind vielfältig gewählt. So werden Gitarre, Rhythmusgitarre, Bass, Schlagzeug, Piano, Syntheziser und Saxophon in den Liedern musikalisch eingesetzt. Raretracce: »Voume 1« (Cover)Die Anfänge der Band gehen auf das Jahr 2001 zurück, wie sie auf ihrer Myspaceseite beschreiben. Wie bei jeder neugeborenen Gruppe waren am Anfang viele Ideen, Wörter und einzelne Stücke in den Köpfen, die nur eine Band brauchten, die diese Fetzen zu einem Ganzen machte und dieses dann veröffentliche. Inspiriert wurden Raretracce von einflussreichen Künstlern der italienischen Musikszene. Dabei zu nennen sind Singersongwriter wie Lucio Battisti, Ivan Graziani oder auch Rino Gaetano. Letzterer ist für die Musikszene in Rom unentbehrlich, da der gebürtige Römer durch seine sarkastischen Texte und extravaganten Auftritte (meist mit Zylinder) der italienischen Musikwelt neue Perspektiven bot. Aber auch internationale Gruppen namens Supertramp und The Band boten dem Septett reichlich Nährboden für ihre Inspirationen. Lange dauerte es, bis das erste Album gepresst und von einer Plattenfirma veröffentlicht wurde. Vorher gab es diverse Eigenproduktionen und jede Menge Liveauftritte. So machte sich Raretracce bereits einen Namen und zeigte dem geneigten Publikum ihr musikalisches Aufgebot. Mit Volume 1, so der Titel ihres ersten Albums, führen sie vor, wie sie ihre musikalischen Inspirationen zu einer wunderbaren Mischung aus allem verbanden. Beim Hören der CD ist primär die italienische Leichtigkeit zu spüren, indem die Band mit ihren Liedern vor allem Geschichten erzählt, die das Leben schreibt. In ihrem ersten Stück »Campeggio in Calabria« (Camping in Kalabrien) erzählen sie von einem Aufenthalt in Kalabrien, einer Region im Süden des Landes, die scheinbar an Langweile nicht zu übertreffen ist. Durch Ironie und Wortwitz, gemischt mit einer Salsa-Funk Melodie, präsentiert sich damit ein leichter Einstieg in ihr Debüt: »Ti insegno a suonare, poi vado a dormire, ma tu mi svegli nel sonno,poi sparisci per ore, io non so più di fare« (»ich bringe dir spielen (Musik machen) bei, dann gehe ich schlafen, aber du weckst mich auf im Schlaf, dann verschwindest du für Stunden, ich weiß nicht, was ich tun soll.«) Weiter geht es mit dem eher melancholischen »corri fratello« (lauf bruder) und »Matteo«. Ein unübertroffenes Highlight ist »Il mago e lo stregone« (»Der Zauberer und die Hexe«). Durch einen anfänglich genutzten Reggaerhythmus der mit Offbeats durchzogen wird und der sehr angenehmen Stimme von Dario Marigliano hebt dieses Lied vor allem die Laune. Gleich dem Kinderfilm »die Hexe und der Zauberer« zeigt dieses Lied den Konflikt zwischen den beiden Streithähnen. Und da es sich in fast keiner anderen Sprache schöner beleidigen lässt als auf Italienisch und der nachträglichen hoch emotionalen Versöhnung, passt der Refrain wie die Faust aufs Auge:

Dimmilo: »Sei un cretino, comportarti ancora come un bel bambino« ; Dimmi: »Sei una frana, pensare a me per un’altra settimana« ; Dimmi: »Sei un illusion, non pensavo tu fossi da me deluso«; Dimmilo: »Sei un coglione, ma sei il mio mago il mio stregone« (Sag es mir: Du bist ein Trottel, du benimmst dich immer noch wie ein kleines Kind, Sag mir: Du bist eine Flasche, wenn du an mich noch eine andere Woche denkst. Sag mir: Du bist eine Illusion, ich dachte nicht, dass du von mir enttäuscht wärest. Sag es mir: Du bist ein Sack, aber du bist mein Magier, mein großer Zauberer.)

Was dem gesamten Album noch viel mehr Charme verleiht, sind einige englische Textzeilen in »La battaglia«: »Wanna make you understand, I just want to be your man, I just try to know the truth, why you make me feel so blue.« Das Charmante ist nicht der Text, sondern eher die Aussprache, denn bei genauem Hinhören vernimmt man das italienisch ausgesprochene »r«, das aber später kaum noch hörbar ist, aber doch zu einem Schmunzeln anregt, da es so typisch italienisch klingt. Übel nimmt man diesen sprachlichen Schnitzer der Band in Angesicht dieses sympathischen Albums nicht. Der Abschluss des Albums wird durch das Cover von »Singer in the rain« abgerundet. Die Band selbst sieht das Stück auch eher als Scherz an, weil Musik eben einfach Spaß machen soll. Das alles klingt typisch italienisch und könnte auch für eine Eros-Ramazotti-CD gelten, aber so einfach ist das nicht. Durch ihr typisches unitalienisches Italienisch sticht das Album aus der breiten Masse heraus. Während Schmusebarden in ihrem klischeehaften Geplänkel der Welt ein Bild von »grande Amore « und » Herzschmerz « vorgaukeln, spiegeln die sieben Römer eher das Leben wieder, wie es ist. Durch ihren Wortwitz, Sarkasmus und die unbeschwerte Leichtigkeit der Melodien ist das Album ein einziger Genuss. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass es in Italien in die Sparte » Indie-Rock « gerutscht ist. Denn typisch italienisch hört sich eben anders an. Durch die Vermischung der Elemente von Blues, Funk und Soul entdeckt Raretracce alte musikalische Elemente neu und setzt diese zu ihrem eigenen Stil zusammen. Damit gelingt es ihnen, dem Album ein einfach wunderbares Wesen zu verleihen. Denn schließlich müssen ja nicht immer nur die Schattenseiten des Lebens besungen werden. Raretracce: Volume 1. Rom 2008. Ca. 10 Euro. Länge: 41,45 min. – Das Album ist in Deutschland bei i-tunes oder über www.ibs.it erhältlich.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!