Und das Wort wurde Fleisch

Als Protestant beim Feierlichen Hochamt - Ein Erfahrungsbericht

Am Zweiten Weihnachtsfeiertag wurde es endlich Zeit das zu tun, worum sich seit einem Vierteljahr jede dritte Frage indirekt drehte: zum Feierlichen Hochamt in die Kirche zu gehen. Diesmal war es ein in der Architekturgeschichte nicht ganz unbekanntes Gotteshaus namens St. Clemens, irgendwo im äußersten hügeligen Westen der Republik. Nun muß ich vorausschicken, konfessionell betrachtet am falschen Orte gewesen zu sein, doch gerade darin lag der Reiz. Abgesehen davon, daß die evangelische Konkurrenz morgens leider auch nur einen Taufgottesdienst zu bieten hatte, so als wolle man sich nicht Besinnlichkeit und höheren Beistand erflehen, sondern einem Erinnerungsereignis beiwohnen. In der Hoffnung, man lese der Gemeinde nun zum weiteren Male die Leviten behufs ihres frevlerischen Lebenswandels, des Sittenverfalls und der fortwährenden Amoralität, eilte ich im festen Glauben an die Notzüchtigung des Gewissens in den Tempel. Die erste Erschütterung traf mich bereits nach dem Öffnen der Tür, denn es war geheizt. Nun weiß man von den Katholiken im allgemeinen, sie mögen es kommod während der Exerzitien, man denke nur ans Kniebänkchen und ähnliche Vereinfachungen, doch diese kühle kleine und reizende Strafe, an die ich mich noch aus meiner Heimatkirche gut erinnern kann, blieb den Versammelten erspart. Der Raum war gut zur Hälfte gefüllt. Sollte das jedoch der Hauptteil der Gemeinde gewesen sein, so knabbert dieser bereits sein Gnadenbrot und das Haus kann in Bälde in einen sozialen Wohnungsbau umgewandelt werden. Man müßte wohl auf die kleinen Meßdienerinnen seine Hoffnung setzen, deren grimmige Mienen jedoch kaum die Erwartung zu bestärken schienen, irgendwann mit ihren künftigen Sprößlingen die einstige Fülle und Lebendigkeit der christlichen Zufluchtsstätten wiederzubeleben. Von all diesen gegenwärtigen Sorgen unbedrängt, hob nach einem kurzen Gesang der Pfarrer an, die Predigt vorzutragen. Gespannt spitzte ich die Ohren, kam doch jetzt der wichtigste Teil, wenn die alleinige Autorität der Ecclesia ihre Beobachtungen und Mahnungen verkündete. Es sei bekannt und geschätzt, daß die Weihnachtszeit die Zeit der Liebe, der Familienzusammenkunft und der Harmonie sei. Eine Sehnsucht der Menschen gehe dann in Erfüllung. Doch auch bereits zu Zeiten Jesu herrschten Unfrieden, Mord und Krieg. Nicht anders verhalte es sich heute, wenn man wieder von Krieg, gar von Hinrichtungen und Verfolgungen höre. Doch gerade daher seien die Menschen seit immerdar der Gnade des Herren anempfohlen und fänden in ihm ihre Ruhe. Gesang. »So, und nun laßt uns beten!« Das war es! Keine Leviten, keine Heiden und Philisterscharen, die uns den Kopf waschen und das Haar gleich mitnehmen. Keine göttlichen Zornestränen über die Verkommenheit, Niederträchtigkeit und Sündenverlorenheit der Menschen. Kein Gezeter, keine sanfte aber nachdrückliche Ermahnung, keine Offenbarung, keine Weisung des rechten Weges. Nein, das war es. Zart und verständig ob des steten Fehlens und Verstoßens gegen alle Gebote, aber auch ob der unausgesetzten Versuche, sie zu erfüllen und neue, stärkere zu finden, so gab sich der weißhaarige Pfarrer vor dem Altar. Was sollten Bedrängungen denn auch nützen, da die seelenformende Anstalt der Kirche leider längst unbeachtlich geworden ist und man sich in jeder beliebigen Buchhandlung x Ratgeber kaufen kann, die man liest oder auch nicht. Die rücksichtslose Freiheit ist es, die zernagt, aber nicht fromm macht. Warum darum noch viele Worte machen, aufrufen und ins Gebet nehmen, da das Laute im Gelärm, das von allen Seiten in uns dringt, sich kaum noch Gehör zu verschaffen vermag. Mit dem Sanften und liebevoll Verständigen tritt statt dessen mehr noch das Wesen des Christentums wieder hervor, das es stark und trotz allem unanfechtbar gemacht hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Beachte und würdige ihn, versuche zu verstehen und ihn wie dich zu erheben. Daß der Zweite Weihnachtsfeiertag zugleich auch der Tag des Heiligen Stephanus ist, zumindest für die alleinseligmachende Kirche, ergänzte diese angenehme Art der Zurückhaltung. Jener Stephanus floh einst vor seinen Verfolgern, die Häscher erreichten ihn und todwund bat er trotzdem noch vor Gott für ihre Seelen um Gnade. Diese kleine Geschichte erklärte alles, was in der Predigt nicht gesagt werden mußte. So konnte das Hochamt seinen weiteren Verlauf nehmen. Ungewohnt zwar mit diesem ständigen Auf und Nieder, doch tief versenkte sich in mir bei allem Sport das Gefühl der Ruhe und Gelassenheit, die Liebe zu geben und zu nehmen und etwas wiedergefunden zu haben, das nie entdeckt zu werden braucht, weil es immer schon da war. Für nächstes Jahr verspreche ich, schon am Ersten Weihnachtsfeiertag in die Kirche zu gehen.

 

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