Ungleiche Weiterentwicklungen

Bloc Party überzeugen auf ihrem zweiten Album vor allem textlich

Bloc Party, A Weekend In The CityDas Album, das einem erfolgreichen Debüt folgt, ist mit das schwierigste in einer musikalischen Karriere. Franz Ferdinand versprachen mit »You could have it so much better« Neues und ihnen gelang nur ein mittelmäßiges Album, das nicht mal ansatzweise mit ihrem Debüt mithalten konnte. Haben nun Bloc Party, ebenfalls eine Band, die mit ihrer ersten LP 2005 eine musikalische Sensation geliefert hatten, die Hürde des zweiten Albums überwinden können? Bloc Party, das sind Russell Lissack (Gitarre), Kele Okereke (Gitarre, Gesang), Matt Tong (Schlagzeug), und Gordon Moakes (Bass). 1998 gründeten Okereke und Lissack die Band. Tong und Moakes stießen kurze Zeit später dazu. 2004 erscheint ihre selbstbetitelte EP und im Februar 2005 veröffentlichen sie ihr Debüt »Silent Alarm«. Angespornt von dem Riesenerfolg, den das Erstlingswerk genoss, bringt die Plattenfirma ein paar Monate später ein Remixalbum von »Silent Alarm« heraus, auf dem unter anderen sogar gestandene Indie-Größen wie Mogwai die Songs von Bloc Party neu mixten. Ihr neues Werk entstand mit dem Produzenten Garet »Jacknife« Lee, der schon U2 und Snow Patrol unter Vertrag hatte. Zumindest textlich liefern Bloc Party zwei Jahre nach ihrem großartigen Debüt »Silent Alarm« mit »A Weekend in the City« lautstark und kritisch einen souveränen Nachfolger. »A Weekend in the City« ist das persönlichere der beiden Alben der Band, und es ist vor allem das Werk von Kele Okereke. In Interviews, wie im Musikexpress vom Februar 2007, betont der Frontmann immer wieder die eigentliche Intention des Albums. Nach dem letzten Tourstress und der Rückkehr nach London fand die Band viele ihrer Freunde unglücklich und gelangweilt wieder, obwohl diese eigentlich jeden Grund hatten glücklich zu sein: Abgeschlossenes Studium, Job und geregeltes Einkommen. Dennoch hätten sie sich in wochenendliche Trinkgelage und Sex mit wildfremden Menschen geflüchtet. Zwei Freunde von Okereke hätten sich angesichts ihres frustrierenden Lebens sogar umgebracht. Diese Langeweile, diese Verzweiflung gaben dem Frontmann die Ideen zu »SRXT«, dem letzten Stück auf dem Album. Es richtet sich gegen das in Großbritannien weit verbreitete Antidepressivum »Seroxat«. »Walking in the countryside / It seems that the winds have stopped.« Der Name des Albums deutet bereits an, um was es auf diesem Longplayer gehen soll: das Leben in der Großstadt, im speziellen London, mit seinen positiven und hier primär negativen Eigenschaften aufzuzeigen. Das Thema durchzieht alle Titel kontinuierlich. Die Anonymität der Großstadt, die Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit des Einzelnen duelliert sich mit Gesellschaftszwängen, Erfüllen von Träumen und der ewigen ergebnislosen Suche nach Liebe:

I was sure I’d found love, with this one lying with me […] / After sex the bitter taste, been fooled again, the search continues. (»Kreuzberg«)

Überraschend ist auch die stimmliche Entwicklung von Okereke. Wirkt seine Stimme auf »Silent Alarm« noch distanziert, kalt und unerreichbar, ist diese auf dem neuen Album greifbarer geworden. Deutlich wird dies schon bei den ersten Zeilen von »Song for Clay (Disappear here)«, wenn Kele beim Vers »I’m trying to be heroic, in an age of modernity« seine ganzen Emotionen in das Lied packt. Die gesellschaftskritische Intention von Bloc Party ist auch auf diesem Album nicht zu übersehen. Die letzten zwei Jahre beobachte Kele die Welt genauer und brachte neben persönlichen Erfahrungen auch die aktuelle Situation der Insel in die Texte ein. In »Hunting for witches« greift er das Attentat auf die Londoner U-Bahn auf und kritisiert die darauf von den Medien eingeleitete angeheizte Panik vor allem Fremden:

As bombs explode on the 30 bus, kill your middle class indecision, now is not the time for liberal thought / So I go hunting for witches, Heads are going to roll.

Auch die Problematik des Rassismus spielt auf dem Album eine entscheidende Rolle. Hier thematisiert die Band, was es heißt, in der zweiten Einwanderungsgeneration nach Großbritannien gekommen zu sein. Kele Okereke war bislang immer der Meinung (ebenfalls Interview in Musikexpress Februar 2007), dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gut miteinander zurecht kommen könnten, bis sein Cousin getötet wurde. Dann erst sei ihm aufgefallen, dass man als »Schwarzer« oft von gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen wird. Wenn ein Handy geklaut wird, würden meist schwarze Jugendliche verdächtigt. Und Muslime seien laut öffentlicher Meinung diejenigen, die einen Bus in die Luft sprengen. Bloc Party rebellieren auf ihrem Album gegen die Gesellschaft, der das Humane abhanden gekommen ist. Sie prognostizieren ihrer Heimat keine große Zukunft. Vor allem wüten Bloc Party auf diesem Album aber gegen London:

Because East London is a vampire, it sucks the joy right out of me/ How we longed for corruption in these golden years. (»Song of Clay (disappear here)«)

Ist das Album textlich großartig geworden, so lässt es musikalisch doch zu wünschen übrig. Bloc Party nutzen diesmal harte Gitarrensoli, leichte Elektrotöne, ein offensiveres Schlagzeug und einen ständigen Rhythmuswechsel innerhalb der jeweiligen Lieder. Zudem gehören Hintergrundchöre wie auch Verzerrungen der Stimmen zum neuen Album dazu. Trotz der Nutzung dieser Attribute stechen nur einige Songs besonders hervor. Hier zu nennen wäre die erste Singleauskopplung »The Prayer«, die durch die gebetsähnlichen Gesangseinlagen und die Streicher im Hintergrund einen bleibenden Eindruck hinterlässt. »Kreuzberg« und »Song for Clay (disappear here)« sorgen durch einen Wall of Sound für einen individuellen Stil, den Bloc Party bereits im ersten Album angedeutet und nun in einigen Titeln weiter ausgebaut haben. Der Rest tönt nach einem kompletten Durchhören der CD monoton und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Zwar unterscheiden sich die Titel schon in gewisser Hinsicht voneinander, sei es der angedeutete Hip Hop in »Where is home« oder das eher poppige »I still remember«, aber sie besitzen keine herausragenden musikalischen Elemente, durch die sie länger als für den Moment des Hörens im Gedächtnis blieben. Bloc Party spielen am 08. Mai im E-Werk in Köln. Bloc Party: A Weekend In The City. V2 Records, 2007, ca. 51 Min. Spielzeit. Ca. 15,– Euro. Bloc Party im Internet: www.blocparty.com

 

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