Unheimliche Gedichte

Manfred Poser, der Kolumnist, fing vergangene Weihnachten plötzlich zu reimen an, spät im Leben. Ein Blick in die Werkstatt

Es hat wohl eine längere Inkubationsphase gegeben. An Weihnachten hatte ich plötzlich Lust, zu dichten. Also richtig zu dichten. Mit Reim. Diese Kolumne ist bisweilen ja auch so etwas wie ein Tagebuch; am 20. November 2009 hatte ich über russische Lyrik geschrieben, am 4. Dezember über Parallellinien und am 16. April 2010 »Und wieder wiederholt sich was«. Dann kamen die altarabischen Philosophen ... Auf futura99 veröffentlichte ich zur Probe drei Gedicht-Versuche, die auch oft angeklickt wurden, Magliana 85 Mal, Fünf Sekunden 62 Mal, Landeanflug 47 Mal. Wenn man bedenkt, dass Suhrkamp von einem Lyrikband vielleicht 400 Exemplare verkauft, ist das nicht übel. Gedichte veröffentlichen ist schwierig; es muss auch im richtigen Ambiente geschehen. Nun also die K.A. plus. Schön, dass es sie gibt! Der Anruf markiert den Übergang von meiner Romantik-Phase zur »Gothic«. Aus der Parapsychologie kenne ich Hunderte unheimlicher Geschichten. Sie stehen verstreut in Büchern, wenige kennen sie. Also verarbeitete ich einige dieser Episoden. Das klingt manchmal wie eine Ballade der Stürmer und Dränger im Stile »Die Mitternacht zog näher schon / In stummer Ruh lag Babylon …«. Ich stecke da noch in einem Lernprozess. Es macht Spaß, ist aber auch fordernd, ich bin mir nie sicher, ob es gut wird. Wenn ich dann die Geschichte erzählt und die banalsten Reime glücklich umschifft habe, gehe ich in guter Stimmung zu Bett.

 

Der Anruf

Im San Fernando Valley sind die Orangenbäume voll erblüht. Glyzinien, Bougainvilleen recken sich in blaue Luft. Kalifornien im März. Der schwere Duft Hängt nun auch in Junes Küche, doch so sehr sie sich bemüht, Sie kann nicht singen, Fröhlichsein fällt ihr noch schwer. Obwohl – es ist ja nun zehn Jahre her. Zehn Jahre schon? Es war wie gestern, hätte sie geschworen. Da kam ein Anruf, spät, um zwei Uhr nachts, die Stimme fern, in schlechtem Englisch, eingebaut in Rauschen, wie von einem Stern und, kurz, man hatte Mark gefunden, tot, in einem Schneefeld. Dort erfroren. Sie weiß noch seine Abfahrt, Peter war dabei, und Mark war aufgedreht. Direktflug nach Neu-Delhi, dann weiter zum Himalaja. Susan würde kommen, Greg war unterwegs, und Norbert war mit da. Sie küssten sich noch kurz, no problem, in zwei Wochen ihr mich wiederseht.

 

Ein Anruf (Aquarell: Manfred Poser)
Ein Anruf (Aquarell, Februar 2011)

 

Dann noch ein Anruf, schlechtes Wetter, Aufstieg ist verschoben. June war in ihrer Küche, doch Kalifornien im März, die minus zwanzig Grad Sind so schwer vorstellbar, wenn du am nächsten Morgen nimmst im Ozean ein Bad. Der nächste Anruf war noch schwerer vorstellbar: Ihr Mark war tot, blieb droben. Peter ist bei einer Sitzung, dann ein Umtrunk, kommt erst nach Mitternacht, die Stunden werden lang, sie haben die Erinnerung zurückgebracht. Vom Schneesturm ausgezehrt, wankte Mark weiter, fehlte einen Tritt, war fünfzig Meter abgestürzt, hatte sich was gebrochen; er lag gelehnt an einen Felsblock, starr; dorthin war er gekrochen. Nach Tagen gruben sie ihn aus dem Schnee, nahmen ihn mit. June sah in seinen Sarg: Da lag ihr Mark, ein Kind fast, unberührt. Und als er starb, war sie in Malibu und hatt’ es nicht gespürt. Nach Mitternacht. Und Peter fehlt noch. Man hört keinen Ton. Das Tal ist schwarz bis auf das Licht von manchen Lampen und Laternen. Wind von der Küste. Der Himmel vollgepackt mit Sternen. Die Villa auf dem Berg gleicht einer Raumstation. Dann schreckt etwas June auf: Es läutet schrill das Telefon. Klingt irreal, so hell und drängend. Und sie meldet sich. Ein Rauschen, leicht metallisch, aus dem, kaum vernehmlich Die Stimme eines Menschen dringt: „Hi Mom, wie geht es, schläfst du schon?“ Es ist die Stimme Marks. Sie sitzt ganz aufrecht, ruft: „Mein Sohn! Ich ... Sprich lauter, ja, ich höre dich, o irre, weißt du, ich –“ „Bleib ruhig, Mom, ja, schlechte Vibrations grade. Du: Ich liebe dich!“ June ist ganz Ohr, verschwindet und verschmilzt mit ihrem Telefon. Es rauscht nun lauter, sie hört jemanden lachen Und Gläserklirren. „Mom, bist du noch da?“ „Ja, klar, wo bist du?“ – „Weißt du doch: ganz nah!“ Das Rauschen überrollt ihn, sie hört „ciao“ und „jetzt Schluss machen“. Und Ende der Verbindung. Die Stille braust in ihren Ohren. June glüht, fühlt sich wie neu geboren. Sie hört ein Auto, das vor der Garage hält. Die Tür. Und Schritte, Peter steigt empor in ihre Welt.

 

Die weiße Frau von Aldershot

Sommer achtzehnhundertachtzig. Der Krimkrieg ist schon fünfundzwanzig Jahre her; seitdem hat England flott das Kriegshandwerk verstärkt und dann in Aldershot unten in Hampshire zehntausend Mann gepackt in eine Garnison. In der Kaserne auch: das fünfte Regiment, Kavallerie, das sind die Reiter. Im Kasino sitzen oben an der Tafel vierzehn Mann Nach einem Marsch ohne ein Pferd; hier wird es dann das Essen geben, danach den Feierabend. Drum die Stimmung: heiter. Sie sind wohl müde, aber es sind harte Burschen, und vor allem jung Sind sie. Sie lachen, trinken, und der Abend kommt in Schwung. Den Saal betritt ganz plötzlich eine Frau, gehüllt in weiße Seide. Sie geht zum obern Teil der Tafel, den Schleier einer Braut vor dem Gesicht. Steht da, mit dunklen Haaren, traurig, und die Männer sieht sie nicht. Geht weiter und schlüpft in die Küche, die Frau im weißen Abendkleide.

 

Die weiße Frau (Aquarell: Manfred Poser)
Die weiße Frau (Aquarell, Februar 2011)

 

Feldadjutant und Hauptmann Norton setzt sich auf ihre Spur. Doch in der Küche hat sie niemand wahrgenommen. Sie war doch da, aus Fleisch und Blut, ist hergekommen! Man diskutiert erregt, wir haben sie gesehn, wo ist sie nur? Wir sind in England. Und die Soldaten sagen: Ja, es muss Dann wohl ein Geist gewesen sein. Was sagt uns dieser Schluss? Der Oberst Vandeleur denkt nach, dann fällt ihm etwas ein: „War’s nicht die Frau von Tierarzt X., sie lebt nicht mehr, starb ja in Indien, und auf Erholungsurlaub ist wohl er, soviel ich weiß; doch warum sollte hier sie sein?“ Am nächsten Tag dann wusste man’s. Der Arzt war nah. Er lag in seiner Stube oberhalb der Küche, krank. Ein Diener brachte Brandy Soda ihm, den er auch trank. Und um halb neun am Morgen fand er ihn tot im Bette da. Feldadjutant Norton musste dann sein Zimmer räumen, die Habe des Verstorbnen ordnen, und er meint zu träumen: Sein Blick fällt auf das Foto einer schönen Frau Im Brautkostüm; so konnten sie die Frau doch gestern erst erleben! Sie kam wohl, um dem Sterbenden den letzten Beistand noch zu geben. Und Nortons Augen werden groß: Nun weiß er es genau. Im Buch Real Ghost Stories erzählte William Stead, was wir hier lasen. Die Offiziere haben unterzeichnet: Hauptmann Norton, Sportjournalist Jack Russel, Aubrey File, Hauptmann Joe Benion, und der Regimentsarzt, dessen Namen aufzuzeichnen sie leider vergaßen.

 

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