Uni-Theater und Theater-Uni

Oder: Wie sich das Theater Bonn ein Nachwuchspublikum heranzieht – Gedanken zur Ringvorlesung »Theater und Universität im Gespräch«

Es ist traurig, aber wahr – in der Universitätsstadt Bonn mit ihren großen geisteswissenschaftlichen Instituten besteht das durchschnittliche Theaterpublikum wider Erwarten nicht aus Studenten, sondern zumeist aus weit älteren Semestern. Böse Zungen mögen gar behaupten, Innovation sei in der Stadt am Rhein in Sachen Kunst daher nicht gefragt, vielmehr habe sich hier das gute alte Bürgertum aus Regierungssitzzeiten in den Theaterrängen eingenistet und erwarte dort vor allem Klassisches. Doch was tun, um jüngeres Publikum und damit auch einen Zuschauernachwuchs ins Theater zu locken? Die Lösung ist im Prinzip ebenso simpel wie ihre Idee alt: Wenn die Studenten nicht ins Theater kommen, kommt das Theater eben zu den Studenten – ganz so, wie dereinst der Berg zum Propheten. Schon in den vergangenen Semestern haben mit dem Ziel eines gegenseitigen Gedankenaustauschs zahlreiche Kooperationen zwischen Theater und Universität stattgefunden, bislang vor allem im Rahmen einzelner Seminare, deren Teilnehmer sich in der Universität wie im Theater zum Gespräch mit Theatermachern zusammenfanden. In diesem Semester aber hat das Theater Bonn eine Großoffensive gestartet. Neben diversen Kursen, meist theaterpraktischen oder literarischen Übungen, die sich in Zusammenarbeit mit dem Theater verschiedenen Aspekten der theatralen Kunstform widmen, haben theaterinteressierte Studenten neuerdings alle 14 Tage die Möglichkeit, im Rahmen einer Ringvorlesung auf Vertreter der drei Sparten Oper, Schauspiel und Tanz zu treffen. Was vereinzelt und im kleinen Seminarkreis begann, findet hier nun endlich einen größeren, institutionalisierten Rahmen. Thematisch orientieren sich die Vorlesungen am Spielplan des Theaters: So finden sich Gespräche zu »Jephtha«, »Saul« und »Belsazar« als dem alttestamentarischen Händel-Zyklus in der Oper ebenso wie zu »Emilia Galotti« als Klassiker im Schauspiel oder zu Johann Kresniks choreografischer Arbeit im Tanz. Und auch die Motivation seitens des Theaters, ein neues, zukünftiges Publikum zu erobern, ist ganz offensichtlich. Dennoch driftet die Vorlesungsreihe keineswegs in eine reine Werbeveranstaltung ab, sondern ist für beide Seiten höchst fruchtbar. Dramaturgen, Regisseure und Schauspieler plaudern hier – zum Teil unter der Moderation von Universitätsdozenten – Anekdoten und Informationen aus, die die Kunstmaschinerie Theater von einer dem Publikum sonst meist verschlossenen Seite beleuchten. Dabei geht man wissenschaftlichen Fragen wie »Was zeichnet die Kanadische Dramatik aus, was unterscheidet sie von der amerikanischen, was von der europäischen?« genauso nach wie theaterpraktischen Überlegungen: »Wie funktioniert das Erarbeiten einer Rolle im Zusammenspiel zwischen Autor, Text, Regisseur und Schauspieler?« Bleibt dem Theater zu wünschen, dass das Vorhaben in Zeiten der von städtischer Seite aufgezwungenen Sparmaßnahmen von Erfolg gekrönt sein wird. Die Anfang Februar folgenden Ausführungen zum Thema »Theater muss kämpfen« von Christoph Klimke, seines Zeichens Dramaturg des Choreographischen Theaters Johann Kresnik, bekommen in diesem Kontext einen recht bitteren Beigeschmack. Kresniks Choreographisches Theater eckte aufgrund seiner Radikalität, seiner »Kampfbereitschaft«, bei Publikum wie Kritik in der Vergangenheit oftmals als »geschmacklos« an und geriet aufgrund sinkender Besucherzahlen in das Visier der Kulturkommission, die Pläne zu Einsparungen am Theater vorlegte und entschied, dass Kresniks Tanztheater nicht lukrativ genug sei. Der Überlebenskampf des Choreographischen Theaters hat längst begonnen. Aber wer weiß, vielleicht schafft es das Theater Bonn ja durch Veranstaltungen wie diese Ringvorlesung rechtzeitig, einen weniger konservativen, künstlerisch offeneren Publikumsnachwuchs (her)anzuziehen. Theater und Universität im Gespräch – Ringvorlesung, Dienstags, 18 Uhr, Hörsaal 1 Weitere Termine: 09.01.2007 Martin Essinger, Dramaturgie Musiktheater Oper und Libretto. Über die Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss 23.01.2007 Michael Eickhoff, Dramaturgie Schauspiel Verführung ist die wahre Gewalt. Zu Lessings »Emilia Galotti« 06.02.2007 Christoph Klimke, Dramaturgie Choreographisches Theater Theater muss kämpfen. Über das Choreographische Theater Johann Kresnik

 

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