Abkehr vom Herzschmerz

In seiner Übersetzung der Gedichte Paul Verlaines schlägt Frank Stückemann einen neuen Ton an

Paul Verlaines Lyrik zeichnet sich durch eine enge Beziehung von Wort und Klang aus. Was auf der einen Seite viele andere Dichter anregte und den Weg der modernen Literatur ebnete, stellt Verlaines Übersetzer jedes Mal aufs Neue vor eine große Herausforderung. Nun ist eine neue Übertragung der Gedichte erschienen, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie im Vergleich zu früheren Übersetzungen die Verbindung von Dichtung und Musik in den Vordergrund rückt.

Unter den französischen Lyrikern des 19. Jahrhunderts ist Paul Verlaine eine Ausnahmeerscheinung. Inspiriert durch die Dichter des Parnasse und vor allem durch die großen Vorbilder Théodor de Banville und Charles Baudelaire, liegt das Geheimnis seiner Poesie in der Konzentration auf die sinnliche Wahrnehmung, dem Klang der Worte und, denkt man an die vielen Übertragungen seiner Gedichte im letzten Jahrhundert, der stets aufs Neue sichtbar werdenden Frage nach der Übersetzbarkeit. Mit der bekannten programmatischen Formel aus seinem Gedicht Art poetique, die Musik vor alle Dinge zu stellen, beeinflusste er nicht nur nachfolgende Schriftstellergenerationen, allen voran die Dichter des Symbolismus. Verlaine avancierte auch zu einem Wegbereiter der Moderne, dessen Werke schließlich auch von Komponisten wie Claude Debussy oder aber auch Chansonniers wie Georges Brassens vertont wurden.

Gelegenheit, den französischen Dichter wieder oder gar neu zu entdecken, bietet eine jüngst im Rimbaud Verlag als zweisprachiges Lyrik-Taschenbuch erschienene, seitenstarke und deshalb auch keinesfalls preisgünstige Übersetzung einiger Gedichte Verlaines, die Frank Stückemann auf Basis der Pléiade-Ausgabe von 1962 angefertigt hat. Der Band erscheint zur rechten Zeit, erinnerte man sich an Verlaine doch zuletzt, im Rahmen der #MeToo-Debatte, vor allem wegen seines Lebens abseits der Norm. Als Außenseiter, Anhänger der Pariser Kommune und Alkoholiker kann sich die Liste seiner Missetaten sehen lassen. Im Rausch versuchte er mehrfach, seine Mutter zu erwürgen. Nach Spannungen schoss er auf den jüngeren Dichterkollegen Arthur Rimbaud, mit dem er eine enge und intensive Beziehung pflegte, und musste dafür ins Gefängnis.

Wie sehr die beiden Dichter voneinander fasziniert waren, lässt sich erahnen, wenn man den dritten Gesang der Ariettes oubliées aus dem Gedichtband Romances sans paroles, der Rimbaud gewidmet werden sollte, näher betrachtet. Der Ennui und die Ahnung des Verlusts, der sich auf das Leben mit Rimbaud bezieht und zu einer Triebfeder für Verlaines Schreiben wird, sind hier erkennbar: »Sans amour et sans haine/ Mon cœur a tant de peine !« Immer wieder gerieten Verlaine und Rimbaud aneinander, trennten sich und fanden doch als poètes maudits wieder zusammen.

Das monotone Plätschern des Regens

Es ist ein leichtes Spiel, Verlaines Lyrik biographisch zu lesen und in der Beziehung zu Rimbaud sowie weiteren jungen Männern einen Ankerpunkt für das Verständnis zu erkennen. Es gibt allerdings auch eine andere Erklärung für die suggestive Kraft seiner Poesie, von der sich viele andere Autoren anstecken ließen. Verlaine arrangiert die Verse nicht bloß im Sinne des Parnasse und vertraut dabei auf den vers impair. Seine Lyrik ist zugleich auch immer darauf ausgelegt ein Hörerlebnis zu sein. Während man im dritten Gesang der Ariettes oubliées das monotone Plätschern des Regens nachhören kann, nimmt einen bei der Lektüre von Gedichten wie Chansons d’automne der schwebende Duktus der Sprache in Beschlag.

Ausschlaggebend für diese Wirkung der Gedichte ist eine Beobachtung, auf die Stückemann in einem kenntnisreichen Nachwort hinweist: Verlaine orientiert sich in seiner Lyrik an der Suitensatzform, die gerade im Barock von besonderer Bedeutung ist und den Dichter sicht- und hörbar inspiriert. Immer wieder veröffentlicht Verlaine nicht nur einzelne Gedichte, sondern auch ganze Gedichtzyklen, deren Namen auf die Verbindung von Dichtung und Musik hindeuten. Diese Nähe von Wort und Klang ist es allerdings auch, die gerade Verlaines Übersetzer jedes Mal aufs Neue vor ein Problem stellt. Besonders deutlich wird dies bei der aus heutiger Sicht antiquiert wirkenden Verwendung des Alexandriners samt dazugehöriger Zäsur. Während Autoren wie Stefan George es sich leicht machten und auf den fünfhebigen Jambus zurückgriffen, verfolgt Stückemann mit seiner neuen Übertragung der Gedichte ein vergleichsweise ambitioniertes Vorhaben. Er will den Alexandriner, wie er im Vorwort zu seiner Übersetzung bekennt, nachgestalten. Angesichts der großen Unterschiede zwischen deutscher und französischer Lyrik ist das kein leichtes Unterfangen, wie der Übersetzer selbst im Vorwort zur Neuausgabe zugibt.

Doch Stückemann versteht sein Handwerk. Das zeigt sich vor allem daran, dass er trotz aller Umstände nach einer passenden Sprache für die Gedichte Verlaines sucht und sie mit seiner Übersetzung auch in den meisten Fällen findet. Im Vergleich zu seinen Vorgängern im 20. Jahrhundert, die sich oftmals in Herz-Schmerz-Reimen ergingen, gelingt es ihm mit seiner Übertragung nicht nur einen Ton anzuschlagen, der vor dem Hintergrund seiner Erkenntnisse zur Beziehung von Dichtung und Musik bei Verlaine neu ist. Er macht auch neugierig auf die weiteren Übersetzungen, die im zweiten Band zu erwarten sind.

Paul Verlaine: Gedichte I. Französisch / Deutsch. Übersetzt aus dem Französischen von Frank Stückemann. Aachen: Rimbaud Verlag, 2018. 500 Seiten. 45,- Euro. ISBN 978-3-89086-333-7.

 

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