Verlorene und gewonnene Heimat

Das neue Album La Cerise der bretonischen Band Matmatah

Wenn man versucht, die Entwicklung einer Band nachzuvollziehen, stellt man mitunter fest, dass sich Veränderungen des musikalischen Stils oft schleichend vollziehen und Brüche daher kaum wahrnehmbar sind. Erst der direkte Vergleich eines frühen mit einem späten Werk verdeutlicht, wie lang der Weg gewesen sein muss, der dazwischen liegt.

Einen langen Weg scheinen so gesehen auch die Bretonen Matmatah gegangen zu sein. Zwischen ihrem ersten Studioalbum La Ouache von 1998 und dem in diesem Frühjahr erschienenen vierten, La Cerise, liegen für RockmusikverhälMatmatah © Julien Banestnisse Welten. War das erste von bretonischen Klängen mit Flöte und Chorgesang geprägt, liegt mit dem aktuellen ein druckvolles Rockalbum vor, das von diesen Ursprüngen kaum mehr etwas ahnen lässt. Zwar bestimmen TristanNihourans Stimme und die Instrumentierung nach wie vor den Charakter der Musik, doch die Heimat der Band, Brest, klingt kaum mehr nach. Das mag einerseits traurig erscheinen, bestand der Reiz ihrer Musik doch gerade in dieser hörbaren Verwandtschaft zur bretonischen Tradition. Andererseits aber rücken Matmatah mit ihrem neuen Album zu internationalem Niveau auf. Französischer Rock wird von deutschen Plattenfirmen noch immer stiefkindlich behandelt. Promotionsaktionen sind selten oder setzen oft verspätet ein, wenn die Alben in Frankreich schon längst nicht mehr aktuell sind. Glück, wenn eine Band mit Hilfe des Bureau export de la musique française durch Deutschland reist und dadurch einen Anlass bietet, ihr Album überhaupt für den hiesigen Markt zugänglich zu machen. Dabei beweisen Matmatah auch ohne diese Schützenhilfe, dass sie international mit ihren Songs bestehen können. Seltsamerweise wird das besonders deutlich, wenn sie sich ihrer Heimatsprache bedienen. Den wenigen Liedern, die sie auf Englisch singen, merkt man hingegen eine große Unsicherheit an. Was Sound und Umsetzung angeht, stehen Matmatah den Bands von der Insel in nichts nach, allein das fehlende Gefühl für die Sprachmelodie bei den englischen Songs zerstückelt das Album. Bezeichnenderweise sind es gerade diese Lieder, die Langeweile aufkommen lassen. »Now we have a pen«, das aus den Zeilen besteht: »Now we have a pen, / let us make people drop their guns. / And mummy’s gonna get back her son«, ist musikalisch genauso platt wie der Text. Da helfen keine Ironie und keine noch so gute Absicht. Auch ein einfaches Gitarrenriff kann das Potential zur Basis für einen guten Rocksong haben, doch das mit etwas Mühe hineininterpretierbare Wutpotential reicht nicht aus, diesem Song Leben einzuhauchen. Das gleiche gilt für »Pony The Pra«: vier Minuten Langeweile, beherrscht von einem einfachen Bluesschema. Erschreckend belanglos erscheinen diese Songs gegenüber Hits wie »La Cerise« und dem düster-getragenen »La Fleur de L’age«. Selbst das vergleichbar einfache Riff von »Basta Les Aléas« wird durch Geige und Sprachmelodie zum Partyknüller, wohingegen die englischsprachigen Lieder zwar den gleichen Sound bieten, aber nur trocken zu langweilen vermögen. Der Titelsong »La Cerise« ist mit Chor und Gitarrensolo gut arrangiert, die Mundharmonika würzt das Ganze noch mit ein wenig Folk, dazu noch ein paar elektronische Klänge, und siehe da: Das Lied verliert selbst nach mehrmaligem Hören nicht seine Spannung. Ähnliches gilt für das rockigere »Crépusule Dandy«, in dem einmal mehr der Hintergrundchor für Dynamik sorgt und das zudem entfernt an den Erstling der Band erinnert. Trotz der erwähnten Schwächen sollte sich das deutsche Publikum den satten Sound und die feinen Arrangements dieses Albums keinesfalls entgehen lassen. Matmatah beweisen mit La Cerise, dass sie ihre neue Heimat in der internationalen Rockmusik gefunden haben. Matmatah: La Cerise. Universal. Frankreich 2007. 39 Min. Spielzeit. Ca. 19,- Euro. Matmatah spielen am 26.09. um 20:30 Uhr in der Klangstation Bonn-Bad Godesberg.

 

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