Vermittler zwischen den Kulturen: Der Unionsverlag

Die Anfänge

Ein seltener Glücksfall, wenn ein im kompromisslosen Geist der 68er geborenes Projekt nicht an seinen eigenen Idealen scheitert, wenn der mühsame Prozess von der ambitionierten Idee bis zur Realisierung und Etablierung mit solcher Beharrlichkeit und Leidenschaft für Literatur vorangetrieben wird.

Lucien Leitess, Chef und Gründungsmitglied der ersten Stunde, erinnert sich noch plastisch an die zähen Anfangsjahre ohne nennenswerten ökonomischen Erfolg oder Feedback von Presse und Leserschaft. Der Züricher Unionsverlag veröffentlichte anfangs vor allem politische Sachliteratur und Erzählungen der Schweizer Arbeiterklasse. Sehr bald entwickelte sich eine umfassendere, ehrgeizige Zielsetzung, welche die Edition internationaler, im deutschsprachigen Raum bis dahin völlig unterrepräsentierter Literatur, die Förderung fremdsprachiger Autoren und die Herstellung von Chancengleichheit für den Künstler ohne Ansicht von sozialer Herkunft und ökonomischer Ausgangssituation beinhaltete.

Nagib MachfusDer Durchbruch für das kleine, heute aus sieben festen Mitarbeitern bestehende Unternehmen kam mit dem Ägypter Nagib Machfus, der 1988 den Literaturnobelpreis erhielt und seitdem zum festen Autorenstamm gehört. Im Lauf der Jahre kamen an die 280 Autoren aus Europa, dem arabischen Raum, Asien und Afrika zusammen. Aus wirtschaftlichen Erfolgen wie mit Nagib Machfus schöpft der Verlag die finanzielle Kraft, weiterhin nach Talenten zu fahnden und diese angemessen fördern zu können. Auch Stiftungsgelder wie von „Pro Helvetia“ und anderen helfen, vor allem die enormen Übersetzungskosten zu tragen.

Die Schwerpunkte

Der Maghreb bildet innerhalb des Programms einen thematischen Schwerpunkt, hier mischen sich auf faszinierende Weise Einflüsse der Berberbevölkerung, arabisches und französisches Gedankengut, was sich bei einer Autorin wie Assia Djebar sehr deutlich zeigt. Djebar wurde 1936 bei Algier geboren, sie besuchte gleichermaßen die Koran- wie die französische Grundschule, studierte in Paris und engagierte sich im algerischen Freiheitskampf. Ihre Romane verfasste sie jedoch auf französisch, was ihr oft harsche Kritik von den eigenen Landsleuten eintrug. In ihrem belletristischen Werk widmet sie sich sowohl psychologisch- zwischenmenschlichen Themen wie in ihrem Roman Durst, der häufig mit Sagans Bonjour Tristesse verglichen wurde, als auch politischen Problemen und feministischen Fragestellungen.

Leitess möchte die Sensibilität für kulturelle Feinheiten im arabischen Raum schärfen, das allzu homogene, kolonial geprägte Bild des „Orients“ geraderücken, Simplifizierungen vorbeugen. Gerade in diesem Bereich leistet der Verlag wichtige Aufklärungsarbeit, kann helfen Vorurteile abzubauen und den Respekt voreinander zu stärken. Den kulturellen Austausch zwischen europäischen und arabischen Ländern hält Leitess nach wie vor für äußerst mangelhaft und einseitig: Immer noch herrsche eine stark eurozentristische Sichtweise der Dinge vor, die den arabischen Ländern das kränkende Gefühl des Desinteresses an ihrer Kultur vermittle, während sich arabische Autoren durchaus mit europäischem Gedankengut beschäftigten und sich stilistisch an denselben modernen Strömungen orientierten wie ihre westlichen Kollegen. Das Klischee vom traditionellen orientalischen Erzähler, von Scheherazade und blumiger Sprache sei häufig längst passé. Vielmehr verfolgt das Verlagsprogramm sowohl traditionelle als auch moderne Strömungen der Weltliteratur.

Die Autoren

Die Biographien der Autoren lesen sich meist genauso spannend wie ihre Werke, der verbrauchte, fast abgenutzte Begriff des Multikulturalismus wird hier mit neuer Bedeutung gefüllt.

Tschingis AitmatowTschingis Aitmatow beispielsweise gehört zu den bekanntesten und altgedienten Autoren des Unionsverlags. Er wurde 1928 in Kirgisien geboren und wuchs bis zum Besuch der Grundschule unter Nomaden auf. Seine Großmutter versorgte ihn von Beginn an mit einem reichen Schatz an altem Liedgut, Legenden und Märchen und legte so den Grundstein für Aitmatows spätere literarische Tätigkeit. 1958 erschien seine erste Erzählung Djamilja, im Westen hochgelobt, da unpolitisch und virtuos geschrieben, in seiner Heimat kritisiert, weil die Protagonistin ungestraft mit der Tradition bricht. Aitmatows Vater war einer der ersten kirgisischen Kommunisten auf leitendem Posten, kulturell und literarisch sehr interessiert und offen. In der Zeit des Stalinismus war für diese Qualitäten kein Platz, er wurde 1937 ermordet, die Familie flüchtete aus Moskau. 1960 wurde Aitmatow schließlich Kulturredakteur bei der Prawda, er erhielt während seiner gesamten Laufbahn viele hohe Literaturauszeichnungen der UdSSR und gilt als wichtiger Mitgestalter der Perestroika. Nach dem Fall der Mauer wurde er Botschafter der GUS in Luxemburg. Aitmatows empathische Beschreibungen des Alltags der kleinen Leute im real existierenden Sozialismus machen es dem westlichen Leser nicht leicht: Es gibt keine explizite Anklage oder Verteidigung, keine eindeutige politische Botschaft, nur die schmerzhafte Erkenntnis, dass hinter dieser gefürchteten und oft auch belächelten „Alle Menschen werden Brüder“-Utopie unzählige Einzelschicksale stehen, einfache, oft ungebildete Menschen, die wirklich daran glaubten, ihre Opfer würden sich für kommende Generationen lohnen. Darüber hinaus wird einem spätestens nach der Lektüre von Tschingis Aitmatow klar, dass sich hinter dem „Eisernen Vorhang“ kein homogener Einheitsbrei, sondern eine schier unüberschaubare Menge von Nationalitäten, Sprachen und Kulturen verbarg.

Ein weiteres Beispiel hierfür liefert der tschuktschische Autor Juri Rytcheu, 1930 in Uelen, im Nordosten Sibiriens, als Sohn eines Jägers geboren. Die Tschuktschen stehen sowohl genealologisch als auch kulturgeschichtlich den Inuit-Völkern Alaskas nahe, eine Welt geprägt von den Härten aber auch der Großzügigkeit der Natur, tiefer Spiritualität und enger sozialer Bande in einer Umgebung schier unendlicher Weite und Einsamkeit. Auch er wuchs bis zum Besuch der Schule nahezu unberührt von Sozialismus und moderner Zivilisation auf, eine von archaischen Einflüssen geprägte Zeit, die er in traditionellem Erzählduktus wieder zum Leben erweckt und den Leser so bis an die Ursprünge der Menschheit zu führen vermag.

Auch dem Kriminalroman als Grenzfall zur „hohen Literatur“ und seinem enormen gesellschaftskritischen und psychologischen Potential ist eine eigene Reihe mit dem Titel „metro“ gewidmet. Mittlerweile Kultstatus erlangt haben dürfte die „Marseille-Trilogie“ von Jean-Claude Izzo, die seinen „flic banlieu“ Fabio Montale durch die brodelnde Vielvölkermetropole am Mittelmeer führt. Neben Neuentdeckungen stehen Projekte mit Wiederbelebungscharakter, wie die Neuauflage des in den 70er und 80er Jahren äußerst populären Friedrich Glauser, auf dem Programm, mit Sicherheit einer der Höhepunkte der Reihe.

Die Türkische Bibliothek

Die Türkische Bibliothek im UnionsverlagJüngstes aus der Taufe gehobenes Projekt des Verlags ist die „Türkische Bibliothek“, die vor kurzem mit den ersten drei Bänden unter großem Interesse der Medien, aber bislang leider geringer Kaufnachfrage gelauncht wurde: Geplant ist die Herausgabe von 20 Bänden, welche die Entwicklung der türkischen Literatur von ca. 1900 bis in die Gegenwart schlaglichtartig erhellen sollen. Der Unionsverlag will mit diesem Projekt ein Vakuum füllen: Bislang schien sich türkische Literatur auf Yasar Kemal (der sich als Kurde vorrangig mit politischen Missständen und der verfehlten Minderheitenpolitik der Türkei auseinandersetzte) oder Orhan Pamuk zu beschränken.

Ein übersichtliches und komplexeres Bild der türkischen Literaturlandschaft zu vermitteln ist zweifellos auch ein wichtiger Beitrag zur derzeit heiß umstrittenen Frage des EU-Beitritts der Türkei. Neben wirtschaftlichen, politischen und religiösen Argumenten eröffnet Literatur die Möglichkeit einen Blick in Seele und mentale Verfassung dieses Landes zu werfen.

Den Gattungsschwerpunkt bilden westlich beeinflusste Erzählformen wie Roman und Novelle. Der Lyrik ist bisher nur eine zweisprachige Anthologie gewidmet, in der prominente Türken in kurzen Essays ihr Lieblingsgedicht vorstellen. Vor allem die bahnbrechenden gesellschaftlichen Neuerungen unter Kemal Atatürk, wie die Bildung eines laizistischen Staates und der seitdem in Gang gekommene Verwestlichungsprozess, sind spannende Topoi, die auch oder sogar vor allem in der Literatur ihren Widerhall finden.

Die Romane und Erzählungen der „Türkischen Bibliothek“ beschränken sich im Setting vor allem auf den urbanen Raum, das anatolische Hinterland mit seinen archaischen Traditionen wurde kaum berücksichtigt. Zwar könnte man hier kritisieren, dass dadurch wiederum nur ein unzureichendes oder gar verzerrtes Bild entstehe. Andererseits ist es konstituierender Aspekt des Verlagskonzeptes sich neben traditioneller Literatur vor allem auf kulturelle Schnittstellen und Umbrüche zu konzentrieren, auf das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und die kreative Bewältigung dieser gegenseitigen Beeinflussung.

Leyla ErbilGestartet wird die Reihe, neben einer Anthologie mit Erzählungen und einem Politthriller, mit einem (im türkischen Original bereits 1976 erschienenen) Roman von Leyla Erbil, dem Startschuss der modernen türkischen Frauenliteratur. Es geht um Identität, Emanzipation und Sexualität, damals ein Skandal. Heute gilt die mittlerweile 74-Jährige als Grand Dame der türkischen Literatur.
Protagonistin ist die 19-jährige Studentin Nermin, die im Istanbul der 50er Jahre heranwächst und sich zwischen traditionellem Frauenbild, politischen Utopien, der Suche nach Anerkennung und Selbstverwirklichung aufreibt. Dies sind mit Sicherheit Themen, die bezüglich der zeitgenössischen condition féminine in der Türkei nichts an Aktualität eingebüßt haben und obendrein noch mit Witz und Ironie verfasst wurden.

Wer sich also beim Blick über den eigenen Tellerrand überraschen lassen möchte, den lädt der Unionsverlag zum Staunen auf facettenreiche Phantasiereisen ein. Fast zwangsläufig muss man sich dabei von liebgewonnenen Vorstellungen und Denkmustern, wie der typisch westlichen Entweder-Oder-Ausschlusslogik, lösen. Die Wirklichkeit ist kompliziert und widersprüchlich und damit nicht leicht einzuordnen, geschweige denn in ihrer Spannung auszuhalten. Trotzdem birgt das Hinterfragen der eigenen Lesegewohnheiten die Möglichkeit einer geistigen Emanzipation über nationale Grenzen hinaus und damit einen wichtigen Anstoß zur friedlichen Auseinandersetzung mit dem, was sonst nur fremd und unverständlich bleiben würde.

 

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