Vive la – Tasmanie?

Tasmanien von Fabrice Melquiot – ein wildes Stück zwischen surrealer Fast-Satire und Komödie, fernab der politischen Realität

Ein weißer Stuhl in futuristischer Eierschalenoptik. Weiß dominiert die Szenerie. Blaues Licht. Ein Mann im Anzug, frisch aus dem Ei gepellt. Es ist Monsieur le Möchte-Gern-Président Conrad Cyning (Thomas Huber). Er probt seine nächste Wahlkampfrede und erklärt: »Ich nenne dieses Land nicht mehr Frankreich, ich nenne es gar nicht mehr«, denn: »Wir sind jetzt in Tasmanien.« Fabrice Melquiots Tasmanien ist eine Parabel auf den französischen Wahlkampf zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy. Dabei bekommt besonders Sarkozy sein Fett weg – assoziiert man mit Tasmanien doch in erster Linie den tasmanischen Teufel, lateinische Bezeichnung: Sarcophilus harrisii. Am Rande der Bühne krepiert parallel zu Cynings Rede seine Hündin bei der Geburt eines Welpen. »Wort« wird der heißen. Sein Kostüm weist ihn als seltsam zottelige Promenadenmischung aus: Optisch einem tasmanischen Teufel nicht unähnlich, ist er Metapher für eine anbrechende dunkle Ära. Er ist Schoßhund der Wahlkampfrhetorik und schließlich ist »Wort« ja auch Melquiots ganz persönlicher Kampfhund. Wenn Susanne Bredehöft als neurotischer »Wort« begleitet von bedrohlich-dumpfer Musik über die Bühne hechelt, hat das etwas gelungen Schauerliches. Wer Hunde nicht mag, hat Pech gehabt. Im Verlauf des Stücks werden immer wieder welche auftreten. Als hechelnd-hörige Zuhörerschaft des Präsidenten in spe.

Szenenfoto aus »Tasmanien« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Tasmanien
(Foto: © Thilo Beu)

»La Tasmanie« ist die Manie des Emporkömmlings Cyning. Die Manie der Ärmel-hoch-und Welt-Umkrempler. Die Manie derer, die immer hungrig nach Macht sind. Wer sich allerdings auf ernstzunehmendes politisches Theater gefreut hat, wird enttäuscht. Melquiots Stück enthält nur Plattitüden: Die Großen geben alles, um an die Macht zu kommen. Der Pakt mit dem Teufel ist Selbstverständlichkeit. Privatleben nur noch Selbstinszenierung. Politische Reden heiße Luft. Fabrice Melquiots Sprache ist derb, vulgär und windet sich im Nebulös-Zusammenhanglosen. Vielleicht muss Cyning deshalb seine bedeutendste Wahlkampfrede anal vortragen. Niveau ist irgendwie anders – Melquiots sonstige Bühnenerfolge hin oder her.

Es ist Thomas Huber, der Klaus Weises Inszenierung rausreißt. In brillianter Weise schafft er es, Cyning in allen Facetten dessen manischen Tuns darzustellen. Als Poser im Drogenrausch in Feinrippunterhose, als verschlagener Staatsmann, als Napoleon-Verschnitt. Er hüpft, tänzelt, schreitet, gibt den hyperaktiven Pingpongball, hin- und hergespielt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Er ist grotesk, surreal, und im wahrsten Sinne des Wortes politisch nicht korrekt. Aber durchaus sehenswert. Auch nicht schlecht: Raphael Rubino als komödiantischer Monsieur Teu-fäl, der als regelmäßiger Gast in den Halluzinationen Cynings auftritt und schon auch mal stellvertretend für ihn bei Wahlkampfreden einspringt. Allerdings wirkt seine traditionelle Rotlichtumgebung etwas abgedroschen. Dem Bonner Ensemble gelingt die zentrische Streckung der Realität ins Absurd-Abwegige ohne jede Mühe. Brilliante Schauspieler für ein nicht ganz so brillantes Stück also.

Szenenfoto aus »Tasmanien« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Tasmanien
(Foto: © Thilo Beu)

Auch Manfred Blößers Bühnengestaltung ist gelungen. Durch riesige bunte Plexiglasscheiben wird die in Frankreich so oft kritisierte mediale Omnipräsenz Sarkozys ins rechte Licht gerückt. Der drehbare Glaskasten ermöglicht es, die Bühne der Bonner Kammerspiele optimal für das Stück zu nutzen. Für den Elysée-Palast ist er allerdings etwas klein geraten. Mais: C’est la vie.

Conrad Cyning genügt sich selbst. Erst zum Ende hin taucht seine Kontrahentin Marie Santa-Vulva (Tatjana Pasztor) im absolutistischen Herrschaftsgewand auf. Noch ein kurzer kindischer Sandkastendialog zwischen den beiden (Sau!! Selber Sau!) und dann ist es fast geschafft. Damit aber – wie es sich gehört – noch ein akzeptabler Schwall Blut fließt, werden am Schluss die Mächtigen von ihren debilen Kindern gemeuchelt, die sich ab und an im Palast auch mal verlaufen. Weil zuvor aber Regieanweisungen im Text nicht beachtet wurden (eigentlich werden die Kinder von den Zähnen der Hunde zerrissen), wirkt ein solches Ende unmotiviert. Ebenso wird die Hundesymbolik durch Textstreichungen an der kurzen Leine gehalten. Der Kampfhund »Wort«, sein tasmanischer Freund und Monsieur le Président waren bei »Tiere suchen ein Zuhause« nicht gerade leicht zu vermitteln, lehnten doch sämtliche französische Theater das Stück ab. Vermutlich wegen seiner politischen Haltlosigkeit. Zuletzt zeigte nur das Theater Bonn Erbarmen. Nun ja, den Letzten beißen die Hunde. Tasmanien. Schauspiel von Fabrice Melquiot. Deutsche Übersetzung von Almuth Voss. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Uraufführung. Inszenierung: Klaus Weise. Weitere Termine: 7. und 8. November, 18. Dezember. http://www.theater-bonn.de  
Fotos: © Thilo Beu

 

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