Vom »Räuber Hotzenplotz« auf die rechte Bahn gebracht

Wohin nach dem Studium? Der Beantwortung dieser Frage nachzugehen versucht nicht nur der K.A.-»Germanisten-Fragebogen«. Für Freitag, 9. Februar, 18 Uhr s.t., hat Prof. Dr. Helmut J. Schneider vom Institut für Germanistik der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem Alumni-Netzwerk sowie dem Alumni-Club drei Absolventen zur Veranstaltung »Forum B(eruf) Germanistik« eingeladen: In Hörsaal IV im Uni-Hauptgebäude werden Dr. David Eisermann, Dr. Cornelia Schu und Dr. Adam Soboczynski Auskunft über ihren Werdegang geben. ZEIT-Redakteur Soboczynski beantwortet vorab schon den Fragebogen der K.A.Wohin nach dem Studium? Der Beantwortung dieser gerade für angehende Geisteswissenschaftler wichtigen Frage nachzugehen versucht nicht nur der »Germanisten-Fragebogen« der Kritischen Ausgabe. Für Freitag, 9. Februar, 18 Uhr s.t., hat Prof. Dr. Helmut J. Schneider vom Institut für Germanistik, vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem Alumni-Netzwerk sowie dem Alumni-Club der Universität Bonn drei Absolventen zur Veranstaltung »Forum B(eruf): Germanistik« an ihre einstige Alma Mater eingeladen: In Hörsaal IV im Uni-Hauptgebäude werden dann Dr. David Eisermann (WDR-Hörfunkmoderator), Dr. Cornelia Schu (inzwischen Referentin beim Wissenschaftsrat Köln) und Dr. Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur und freier Autor) Auskunft über ihren Werdegang geben und in der Diskussion mit Studierenden berufliche Perspektiven ermessen. Um die Neugier (nicht nur) unter den Bonner Studierenden ein wenig zu steigern, haben wir die Gäste gebeten, auch unseren Fragebogen auszufüllen. Heute dürfen wir schon vorab die Antworten von Adam Soboczynski präsentieren, die vielleicht schon erste Anstöße für persönliche Fragen bieten. Soboczynski, dessen Doktorarbeit über Heinrich von Kleist übrigens in Kürze bei Matthes & Seitz veröffentlicht wird, berichtet unter anderem, was ihm Praktika gebracht haben, welche Bedeutung er Beziehungen für die berufliche Karriere beimisst und für wie wichtig er »Schlüsselqualifikationen« hält. Und er erklärt, wie ihn der »Räuber Hotzenplotz« einst auf die rechte Bahn brachte.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Adam Soboczynski:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach? 1995 bis 2003 in Bonn, Berkeley und in St. Andrews; bis zur Doktorarbeit über Heinrich von Kleist (wieder in Bonn). Germanistik war mein Hauptfach.
  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren? In der Grundschule habe ich »Räuber Hotzenplotz« gelesen und fand das spannend, auf dem Gymnasium habe ich den »Werther« gelesen, da war ich unglücklich verliebt, schrieb aber eine gute Klausur. In Mathe und Physik war ich aufsehenerregend schlecht. Daher Germanistik.
  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht? Verstellungskunst bei Heinrich von Kleist.
  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt? Das wollen Sie wirklich wissen? – Hier der Buchklappentext; das Buch dazu erscheint in drei Wochen bei Matthes & Seitz:

    Verstellung, Geheimnis und Spiel sind wesentliche Elemente der höfischen Kultur. Adam Soboczynski zeigt ihre Funktionsweise und Geschichte bis in unsere Gegenwart auf und weist sie eindrucksvoll im Werk Heinrich von Kleists nach. Heinrich von Kleist stand zeitweise intensiv in Kontakt mit dem Berliner Hof und dem preußischen Adel. Seine Verwurzelung in der aristokratischen Kultur wurde jedoch seit dem Verdikt von Georg Lukács, der in Kleist einen reaktionären, altständischen Junker sah, kaum beachtet. Adam Soboczynski zeigt nun, wie fundamental der adlige Dichter mit Verhaltenscodes des Hofes vertraut war und mit der Einbeziehung der Verstellungskunst ein poetologisches Konzept verfolgte. Er steht damit in der Tradition des moralistischen Skeptizismus, der im Kontext höfischer Bestimmungen des Körpers eine theatrale Poetik des Menschen an die Stelle einer Ethik der Aufrichtigkeit setzt. Soboczynski verdeutlicht dies in seiner auch stilistisch brillanten Studie am Beispiel der drei Novellen Der Findling, Die Marquise von O… und Die Verlobung in St. Domingo. Das Buch enthält diese Erzählungen Kleists in voller Länge – »Versuch über Kleist« ist damit nicht nur ein spektakulärer Beitrag zur Kleist-Forschung, sondern bietet auch ein anregendes Lesevergnügen für alle, die Kleist bislang wenig oder gar nicht kennen.

     

    P.S.: Kürzen Sie nach Belieben. [Anm. d. Red.: Kein Belieben nach einer Kürzung! Rechnung aus unserer Anzeigenabteilung ergeht an den Verlag. ;-)]

     

  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus? Prof. Helmut J. Schneider in Bonn. Was ihn ausmachte? Begeisterung für Literatur, Inspiration, Schärfe in der Argumentation, Chaos, Humor.
  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre? Lieblingsbücher/-autoren: Kleist, W.G. Sebald, Arthur Schnitzler. Epoche: Um 1800. Genre? Ach, am Ende doch Erzählungen und Romane.
  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben? Habe nie Praktika gemacht. Schlüsselqualifikationen? Was sind Schlüsselqualifikationen?
  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden? In der Abschlussphase der Diss bin ich nach Berlin gezogen, habe dort dann angefangen frei zu schreiben. Für den Tagesspiegel, für die Kunstzeitschrift monopol. Schließlich bei der ZEIT. Im Ressort Leben bin ich derzeit Redakteur. Beziehungen übrigens, weil das immer behauptet wird, bringen gar nichts, nur insofern, als dass sie den Berufsweg bisweilen beschleunigen.
  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was? Klar, hilft es; kulturhistorisches Wissen hilft, Sensibilität für Sprache hilft immer.
  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)? Ja, ich würde mich wieder für Germanistik entscheiden. Wobei natürlich vieles furchtbar war. Überfüllte Seminare, schlechte, da völlig aus der Zeit gefallene Organisation, hin und wieder auch depressive Dozenten. Angeblich wird aber alles reformiert. Ansonsten ist es ja Glückssache. Glück in meinem Fall war, dass es trotz widriger Studienbedingungen ein paar sehr inspirierte Leute (Professoren wie Studenten) gab, legendäre Oberseminare mit anschließendem Gelage und so fort. Es gab übrigens Seminare, die waren ganz klein, wie in Harvard, fünf Leute nur, die furchtbar langweilig waren und man dauernd auf die Uhr blickte. Es gab Seminare, die waren so überfüllt, eine Luft wie im Schlafsaal von Jugendherbergen, aber es saßen einfach kluge Leute drin.
  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht? Viele. Ich glaube, die meisten. Na ja, ganz gezielt wird ja nicht nach Germanisten gesucht. Es gibt ja, was ziemlich gut ist, verdammt viele unterschiedliche Wege Journalist oder Schriftsteller o.ä. zu werden.
  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen? Wenige, nur ausgewählte Praktika absolvieren, zu viele Praktika schaden! Zu viele Auslandsaufenthalte auch! Studieren nach Neigung, Muße, solange sie nicht 26 Semester andauert. Ansonsten, ach Gott, umtriebig sein, Textproben verschicken, Menschen treffen, Geduld und Begeisterung mitbringen, dann wird’s schon.

 

Hinweis: Im ersten Teil unserer Serie Germanisten im Beruf gab Martin Sonneborn Auskunft über seinen Werdegang, im zweiten der Journalist Jan Sting, im dritten der Journalist und Fotograf Axel Joerss. Nach diesen drei Herren kamen mit der Wissenschaftslektorin Christine Henschel und der Schriftstellerin Nikola Richter zwei Damen an die Reihe, bevor Schriftsteller Burkhard Spinnen den K.A.-Fragebogen ausfüllte. Zuletzt unternahm die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig den (erfolgreichen?) Versuch, unseren Fragebogen zu hacken. Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Wissenschaftsjahr 2007 Der Fragebogen »Germanisten im Beruf« ist Bestandteil des »Jahres der Geisteswissenschaften 2007«.

 

Adam Soboczynski (Foto: Verlag Matthes & Seitz)Adam Soboczynski, geboren 1975 in Torun/Polen. Redakteur bei der ZEIT im Berliner Büro, Buchautor von Polski Tango. Eine Reise durch Deutschland und Polen (Gustav Kiepenheuer Verlag, 2006) und Versuch über Kleist. Die Kunst des Geheimnisses um 1800 (Matthes & Seitz, Frühjahr 2007). Vorher: Germanistik-Studium in Bonn, Berkeley, St. Andrews. 2005 wurde Soboczynski mit dem Axel-Springer-Preis in der Kategorie Print für seinen in der ZEIT erschienenen Essay »Glänzende Zeiten« über polnische Putzfrauen in Deutschland ausgezeichnet.

(Foto: Verlag Matthes & Seitz)

 

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