Von Bologna nach Bonn

Nun hat sie auch Bonn erreicht und steigt unaufhaltsam über die Dämme der hiesigen Philosophischen Fakultät – die Reformwelle, die in den kommenden Jahren die gesamte europäische Hochschullandschaft überfluten wird. Wenn ihre Ankunft an der traditionsreichen Universität am Rhein auch so manchen nichts ahnenden Studenten überrascht haben dürfte, Experten sahen sie schon seit geraumer Zeit voraus.

Ihren Ursprung hatte sie bereits im Jahre 1998 in Paris, wo die Bildungsminister Frankreichs, Italiens, Großbritanniens und Deutschlands anlässlich der 800-Jahr-Feier der Pariser Universität die »Sorbonne-Deklaration« unterzeichneten (für Deutschland tat dies der damalige Minister Jürgen Rüttgers), in der sie ihren Willen zur Zusammenarbeit hinsichtlich einer gemeinsamen Hochschulpolitik bekundeten. Bildung sollte nicht länger bloß eine nationale Frage sein, sondern künftig vielmehr als europäisches Kapital verstanden werden. In der »Sorbonne Joint Declaration« postulieren die Beteiligten ihr Ideal einer Universität mit internationaler Öffnung und formulieren die Motivation ihrer Übereinkunft:

Universities were born in Europe, some three-quarters of a millenium ago. […] In those times, students and academics would freely circulate and rapidly disseminate knowledge throughout the continent. Nowadays, too many of our students still graduate without having had the benefit of a study period outside of national boundaries.

Der Bologna-Prozess

Von Paris nahm die Welle ihren Lauf und erreichte schon ein Jahr später, am 19. Juni 1999, Italien. Bologna war die Stadt, in der hochschulpolitisch Geschichte geschrieben werden sollte – und keine andere wäre dazu geeigneter gewesen, gilt doch Bolognas bereits 1088 gegründete Universität als die älteste in ganz Europa. An diesem ebenso historischen wie symbolträchtigen Ort versammelten sich die Minister von nunmehr 29 europäischen Staaten, um in der Erklärung »Der europäische Hochschulraum«, der sogenannten Bologna-Erklärung, gemeinsame hochschulpolitische Ziele festzulegen: Alle Länder verpflichteten sich, bis zum Jahr 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen – Wissen ohne Grenzen, so die Devise. Studenten wie auch Forscher und Lehrende sollten fortan mobiler und internationaler werden.

Doch leichter gesagt als getan, denn konkret bedeutet dieser Vorsatz für nahezu alle Unterzeichnerstaaten die wohl einschneidendsten Reformmaßnahmen an ihren Universitäten seit Jahrzehnten. Was in Paris initiiert, wurde nun in Bologna formuliert. Die folgenden sechs Ziele sind in der Erklärung festgelegt und bilden seither den Kern des Prozesses:

Einführung
– eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse
– eines zweistufigen Systems von Studienabschlüssen
(undergraduate/graduate)
– ein Leistungspunktesystem (ähnlich dem ECTS-Modell)

Förderung
– der Mobilität durch Beseitigung von Mobilitätshindernissen
– der europäischen Zusammenarbeit im Bereich der Qualitätssicherung
– der europäischen Dimension der Hochschulausbildung

Die signifikanteste Veränderung im Zuge des Bologna-Prozesses in Deutschland ist die Einführung eines gestuften Studienmodells: An die Stelle des altbewährten Staatsexamens, der Diplom- und Magisterstudiengänge tritt nun ein zumeist sechssemestriges Bachelorstudium, auf dem als Zusatzqualifikation eine Masterphase von meist vier Semestern aufbauen kann. Diese neuen, international einheitlichen Abschlüsse sollen eine Vergleichbarkeit garantieren, eine Bewertung der Studienleistungen durch ein Credit-Point-System zudem die Vergleichbarkeit einzelner Leistungen sowohl national als auch international gewährleisten. Mit solchen Strategien hofft man, die Voraussetzungen für Mobilität optimieren zu können.

Diese wollen die Länder aber auch konkret fördern: Ein vereinfachter Zugang zu Studienangeboten und allen damit zusammenhängenden Dienstleistungen sowie die Anerkennung von Studienaufenthalten zu Forschungs- und Lehrzwecken für Wissenschaftler sind nur einige der zu treffenden Maßnahmen.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Einführung einer gemeinsamen Qualitätssicherung. Hier heißen die zentralen Stichworte »Akkreditierung« und »Evaluierung«. Nach Beschluss der Kultusministerkonferenz im Jahr 1998 soll künftig ein länderübergreifender Akkreditierungsrat Agenturen einsetzen und koordinieren, die wiederum eine fachlich-inhaltliche Begutachtung der Studiengänge vornehmen. Jeder Studiengang muss zunächst akkreditiert werden, bevor er studiert werden kann, eine ständige Evaluierung soll die Qualität auch im späteren Stadium sichern.

Die deutsche Hochschullandschaft heute

Dass die deutschen Hochschulen dringend einer Runderneuerung bedurften, zeigt sich nur allzu deutlich in den Zahlen, die das deutsche Studium statistisch umschreiben: Nach Angaben des Hochschulinformationssystems brach im Absolventenjahrgang 2002 jeder vierte Student in Deutschland sein Studium ab. In der Fächergruppe der Sprach- und Kulturwissenschaften, unter die auch die Bonner Germanistik fällt, liegt diese Quote mit 45% sogar noch erschreckend höher. Und diejenigen, die es bis zum Ende schaffen, finden sich gleich in der nächsten Statistik wieder: Im Schnitt studiert ein deutscher Student an einer Universität 6,8 Jahre lang – zu lange, wenn man beachtet, dass beispielsweise ein Studium in Kanada oder den Niederlanden nur 5,5 Jahre dauert. Englische Studierende besuchen sogar nur knapp 5 Jahre eine Hochschule bis zum Erreichen des Master-Abschlusses. Die Gründe für das lange Studium und den häufigen Abbruch in Deutschland liegen laut einer repräsentativen Umfrage in den sprach- und kulturwissenschaftlichen Fächern darin, »dass die Mehrzahl der hierzugehörigen Studiengänge sehr offen und unstrukturiert ist«, was häufig zu »Orientierungsproblemen« führe. Ein »unscharfes Berufsfeld« und »unsichere Arbeitsmarkchancen« trügen ihren Teil bei.

Auch hier soll der neue Bachelorstudiengang Abhilfe schaffen. Durch eine bessere Strukturierung und stärkere Straffung des Studiums und seiner Inhalte wird das Erreichen eines Abschlusses bereits in der Hälfte der momentanen Zeit, nämlich nach 6 Semestern, möglich. Gleichzeitig soll das schnelle Erreichen eines Abschlusses – so hofft man – eine Milderung der Abbruchquote mit sich bringen. Ein weiterer Anreiz könnte sein, dass in den Bachelorstudiengängen stärker Wert auf Praxisanteile und Praktika gelegt wird. So könnten Studenten der Germanistik konkretere Vorstellungen von potentiellen Berufsfeldern erhalten und Kontakte zu möglichen Arbeitgebern knüpfen.

Auf diesem Weg ließe sich eine größere Studentenschaft zu einem Hochschulabschluss führen, und soviel steht fest: Mehr Akademiker braucht das Land! Nach der neuesten OECD-Studie ist Deutschland hier gar eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich – eine geringere Abschlussquote als Deutschland haben nur die Tschechische Republik, Österreich und die Türkei. Und auch die Anfängerquote (37%) liegt hierzulande weit unter dem OECD-Ländermittel von 53% aller Abiturienten eines Jahrgangs. Immerhin aber prognostiziert die sogenannte Erfolgsquote eine Besserung für Deutschland durch die neuen Studiengänge, denn kürzere Studiengänge seien zugleich auch die bei weitem erfolgreicheren. Inwieweit Statistik und Praxis einander an dieser Stelle tatsächlich entsprechen, wird sich noch erweisen müssen. Die Bonner Germanistik jedenfalls lag mit den »alten« Studiengängen im nationalen Vergleich bislang sehr weit vorne: Nur 9,9 Semester brauchte ein Student hier bis zum Erreichen des Abschlusses.

Die Nachfolgekonferenzen

Nachdem die Ziele von Bologna vereinbart und zu Papier gebracht waren, einigte man sich darauf, in einem Zweijahresturnus Nachfolgekonferenzen einzuberufen, um die Fortschritte in den einzelnen Ländern zu bilanzieren und sich über Ideen und Probleme auszutauschen. Zudem wurde der bolognesische Kernkatalog um einige Aspekte wie die Beteiligung von Studierenden am Bologna-Prozess und den Einbezug der Doktorandenausbildung in den Prozess erweitert.

Schon bei der ersten dieser Konferenzen, beim Prager Kommuniqué im Jahr 2001, vergrößerte sich die Interessengemeinschaft auf 32 Staaten. Ein weiterer Zuwachs war bei den Konferenzen in Berlin (2003) und im Norwegischen Bergen (2005) zu verzeichnen, so dass nach aktuellem Stand 45 europäische Staaten von der Reformwelle ergriffen sind, was beinahe einem vereinten Europa entspricht. Eine weitere Konferenz wird im kommenden Jahr in London abgehalten.

Gegenwart und Zukunft

Seit dem Wintersemester 1999/2000 sind die ersten Studenten überhaupt – 6.703 an der Zahl – in Deutschland in einem Bachelor-Studiengang eingeschrieben. Bis zum Sommersemester 2006 wurden bereits 36% aller Studiengänge auf das neue Modell umgestellt. Und nun, ein Semester später, ist die Bonner Germanistik an der Reihe. Bleibt zu hoffen, dass die europäische Reformwelle Deutschland mitträgt und im internationalen Vergleich wieder an eine Spitzenposition schwemmt. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

 

Lesen Sie auf Seite 2, wie es zu Bologna kam.

 

Wie es zu Bologna kam

Die Politik zeigt sich im Bologna-Prozess einig wie selten zuvor, und so kommt denn auch die Frage auf, warum die Staaten derart bereitwillig das nationale Ruder in Bildungsfragen aus der Hand legten, um gemeinsam in internationalen Gewässern zu schippern. Dazu lohnt ein Blick in die Vergangenheit:

Nachdem man schon 1957 in den Römischen Verträgen festgehalten hatte, dass eine unabdingbare Voraussetzung für ein internationales Wirtschaftswachstum in einem europaweiten Austausch in Bildungsfragen liege, wurden in den folgenden Jahrzehnten diverse Bildungsinitiativen auf europäischer Ebene gegründet. Das wohl bekannteste dieser Programme, das »Joint European Studies«-Programm (1976), setzte sich die Mobilitätsförderung zum Ziel – bis dato allerdings ohne in die nationale Bildungspolitik einzugreifen. Von den Ländern daher widerstandslos akzeptiert, konnte die Initiative expandieren und 1987 in dem noch heute erfolgreichen Erasmus-Programm münden. In ihrem Bestreben derart bestätigt, forderte die europäische Kommission mit ihrem »Memorandum zur Hochschulbildung« einen weiteren Zuständigkeitsanspruch für den europäischen Hochschulraum ein. Dies stieß jedoch nun auf vehementen Widerstand der Staaten, die stattdessen die Wahrung kultureller Vielfalt in Europas Hochschullandschaft als Ziel festlegten.

Erst mit der Gründung der Europäischen Union und dem Vertrag von Maastricht 1992 wurden entsprechende Zuständigkeiten in Bildungsfragen auf supranationaler Ebene angesiedelt – aber mit der Einschränkung, dass diese von der EU nur dann ausgeübt werden dürften, wenn Bildungsangelegenheiten nicht mehr zufriedenstellend auf nationaler Ebene gelöst werden könnten.

Fünf Jahre später leisteten dann das Lissabon-Abkommen des Europarates und der UNESCO sowie der Sokrates-Hochschulvertrag den entscheidenden Schritt in Richtung Bologna. Ersteres lieferte Anerkennungsstrategien von Qualifikationen im Hochschulbereich und somit erste Maßnahmen zur formalen Unterstützung der Mobilitätssteigerung. Das Sokrates-Programm hingegen griff aktiv gestaltend in die Mobilitätsförderung ein: Netzwerke wurden zwischen den Hochschulen geknüpft und mit der Einführung des European-Credit-Transfer-Systems (ECTS) zudem erstmals ein gemeinsames Beschreibungsmuster für Studiengänge vereinbart.

Die Idee, Mobilität und kulturelle Vielfalt fortan nicht mehr als Gegensätze zu begreifen, sondern vielmehr die Mobilität als Chance zu verstehen, diese Vielfalt erlebbar zu machen, bildete den Nährboden für den großen Schritt hin zu einem neuen europäischen Hochschulsystem – Bologna.

 

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