Von der Literarischen Übung zum Buch

Mario Leis (Hg.): Kreatives SchreibenKreatives Schreiben liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Viele Verlage haben dies erkannt und bringen Bücher zum Thema für Studierende, angehende Schriftsteller und Journalisten auf den Markt. So ist auch bei Reclam im letzten Jahr ein Arbeitsheft Kreatives Schreiben erschienen, das in Schulen zum Einsatz kommt. In 111 Übungen wird den Schülern das Schreiben näher gebracht. Dabei werden verschiedene Altersstufen unterschiedlich gefordert, das Bändchen ist eingeteilt in Prosa, Drama, Lyrik und Journalismus.

Die Übungen sind nach demselben Schema aufgebaut. Jede Aufgabe hat einen Titel, wie zum Beispiel die Übung 12: Weniger ist mehr im Kapitel Erzählendes. Häufig sind die Titel der Übungen aber auch direkte Arbeitsanweisungen, z.B. Eine Detektivgeschichte. Nützliche Hinweise wie »empfohlenes Alter der Schüler«, »Gruppen- oder Einzelübung« und »benötigte Arbeitszeit« machen es dem Lehrer möglich, die Übungen in seinem Unterricht einzuplanen und gut zu koordinieren. Als letzter Punkt folgt eine Angabe zu den benötigten Materialien: meist Papier und Stifte, aber auch Gedichtbände, Homonymwörterbücher, Zeitschriften und technische Geräte wie Fernseher und Kassettenrekorder kommen zum Einsatz. Den Hauptteil einer jeden Übung bilden die detaillierten Arbeitsanweisungen, die die Schüler auch neugierig auf die jeweilige Textsorte machen sollen.

Entstanden ist das Heft aus der Literarischen Übung »Kreatives Schreiben«, die im Wintersemester 2002 unter der Leitung von Mario Leis an der Universität Bonn stattfand. »Die Idee«, so der Dozent im Gespräch, »kam mir, als ich feststellte, dass es bei Reclam in der ›Blauen Reihe‹ noch kein Buch zum Thema Kreatives Schreiben gibt. Ich habe mich dann mit dem Lektor in Verbindung gesetzt, mit dem ich schon häufiger zusammengearbeitet habe.«

Daraufhin schlug er den Teilnehmern der Übung vor, dieses Projekt gemeinsam zu verwirklichen. Als Mitarbeiterinnen fanden sich Andrea Bahrenberg und Judith Voss unter den Studierenden sowie Beate Christmann, die mit Leis schon an anderen Projekten gearbeitet hat. Leis selbst übernahm das Vorlektorat und verbürgte sich bei Reclam für die Qualität der Beiträge.

Ohne den Dozenten als Schirmherr wäre es den Studentinnen nicht möglich gewesen, diese praktische Erfahrung zu machen, wie Peter Csajkas, Lektor bei Reclam, sagt: »Grundsätzlich ist es so, dass wir uns im Interesse der Qualität unseres Programms immer sehr stark um renommierte und sachkompetente Autoren bemühen, die auch das nötige Quantum an Erfahrung mitbringen. So gesehen ist studentische (Ko-)Autorschaft bei uns sicherlich eine Ausnahme.«

Mario Leis (Foto: privat)Warum so wenige Studenten die Chance ergriffen, kann sich Leis nicht erklären. »Viele Studierende wissen im zehnten Semester noch nicht, was ein Lektor ist. Deshalb steigert es die Berufschancen, wenn man schon während des Studiums an einem Buch mitgearbeitet hat.« Dass praktische Erfahrung für Germanisten heute unabdingbar ist, sollte allen Studenten bewusst sein. Im neuen Bachelor/Master-Studiengang sind Praktika sogar Pflicht.

Lektor Csajkas vermisst bei heutigen Absolventen die nötige Praxis: »An dem Angebot von Manuskripten merkt man sehr oft, dass viele Leute keine realistischen Vorstellungen von den Bedingungen der Branche haben. Das fängt bei programmatischen Überlegungen an und geht über die Zeitplanung (vom Manuskripteingang bis zum Erscheinen eines UB-Bandes muss man mit über sechs Monaten rechnen) bis hin zum Kalkulatorischen – etwa dass ein Projekt in der Universal-Bibliothek nur dann ökonomisch vertretbar ist, wenn man konstant hohe Absätze über einen längeren Zeitraum hinweg erwarten kann.«

Dass sie mit ihrer Mitarbeit nun eine wertvolle Referenz vorzuweisen hat, weiß Andrea Bahrenberg sehr wohl. Dafür hat sie allerdings auch hart gearbeitet: Innerhalb von vier Wochen schrieb sie 80 Seiten mit 40 Übungen. Durch andere Kurse zum Kreativen Schreiben konnte die Studentin die Zeit, die die Schüler später für die Übungen brauchen würden, gut abschätzen. Für manches nahm sie Anregungen aus anderen Büchern, die Beispieltexte dachte sie sich selbst aus. Trotz des Zeitdrucks hatte sie viel Freude an der Arbeit. »Das Schreiben der Übungen hat mir sehr viel Spaß gemacht, und während ich daran gearbeitet habe, hatte ich große Lust, die Übungen selbst auszuprobieren.«

Auch Peter Csajkas ist mit dem Ergebnis zufrieden: »Inhaltlich hat der Band sicher davon profitiert, dass junge, engagierte Leute mit frischen Ideen dazu beigetragen haben.«

Mario Leis plant schon das nächste Projekt mit Studenten. Im kommenden Jahr will er im Eigenverlag einen Band zur Geschichte Bonns herausbringen. Die Studenten sollen sich dann durch die Archive der Uni wühlen. »Solche Lokalbücher verkaufen sich erstaunlich gut«, sagt er. Vielleicht finden sich diesmal auch mehr als nur zwei Studenten, die diese Chance nutzen.

 

Mario Leis: Kreatives Schreiben. 111 Übungen. Mitarbeit: Andrea Bahrenberg, Beate Christmann und Judith Voss. Stuttgart: Reclam, 2006 (Reihe »Literaturwissen für Schüler«). 174 Seiten. ISBN 978-3-15-015228-7. 4,60 Euro.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Kritische Ausgabe, Sommer 2007, »Werkstatt«hier als PDF-Dokument

 

Hallo! Find ich sehr gut dass

Hallo!
Find ich sehr gut dass es mittlerweile auch ein Reclam-Heft zu diesem Thema gibt.
Jedoch wäre ein praktischer Kurs, ob innerhalb des Semesters oder in den Semesterferien, wahrscheinlich nützlicher.
Schade, dass es so etwas bislang nicht gibt.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!