Wenn aus Eisbergen Pfützen werden

Annett Gröschners Roman Moskauer Eis

Als Annja die Wohnung ihres Vaters aufsucht, findet sie ihn eingefroren in der eigenen Kühltruhe liegen. Das Gerät ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und so liegt der Vater mysteriöserweise ohne jegliche Energiezufuhr bei -18° Celsius auf Eis. Annett Gröschner beginnt ihren Roman Moskauer Eis gleich mit dieser Entdeckung und schafft damit zunächst eine weniger frostige, als fast schon phantastische Atmosphäre.

Handelt es sich um einen Science-Fiction-Roman? Einen außergewöhnlichen Kriminalfall? Ein Märchen? Nichts davon soll man in diesem Buch vorfinden, dafür aber umso mehr Erzählungen aus einem Leben in der DDR der Ressourcenknappheit und Spitzensportler, Geschichten von Speiseeis, Kälte und der Schwäche des Großvaters für seine Sekretärinnen.
 

»Gehemmte Eisblöcke« nennt Annjas Mutter ihren Ehemann und ihre Tochter in ihrem Abschiedsbrief, als sie die Familie verlässt, um in Berlin ein neues Leben anzufangen. Annja ist damals noch ein junges Mädchen und ganz falsch ist diese dem omnipräsenten Thema ›Eis‹ entsprungene Bezeichnung, die die Mutter verwendet, nicht, denn sowohl Klaus Kobe, der Gefrierforscher in zweiter Generation, als auch seine Tochter Annja sind kühle und distanzierte Charaktere. Doch ihre Beziehung zueinander ist weniger angespannt, als man denken könnte: Es ist das klassische Bild des alleinerziehenden Vaters, der zwar den Bedürfnissen einer pubertierenden Tochter nicht immer gerecht wird, jedoch stets versucht, ein sicheres Heim zu schaffen. Allerdings bleibt er dabei immer der Gefrierforscher und so wächst Annja im Grunde genommen im Kälteinstitut auf.

Ich würde ihn natürlich sofort fragen, warum er sich für so einen Versuch hergibt, und er würde mir wahrscheinlich ausweichend antworten: »Ich bin ja noch gut dran, ich friere bloß, aber mein Kollege vom Gemüseinstitut hat sich einkochen lassen.«
»Ich denke, ihr seid Wissenschaftler und keine Versuchskaninchen«, würde ich darauf entgegnen, und Vater würde sagen: »Ehe es ein Laie macht oder einer aus dem Westen, tue ich es lieber selbst.«

Annja, die aus Berlin anreist, wo sie als junge Frau wohnt, ist zunächst schockiert, als sie den eingefrorenen Körper ihres Vaters findet, entwickelt dann aber ein abgeklärtes und teilweise sogar liebevolles Verhältnis zu der Truhe, die in der Küche steht und um die sie täglich herum tänzeln muss, während sie ihre kranke Großmutter pflegt. In den letzten Wochen des Jahres 1991, in denen sie sich um Großmutter Kobe kümmert, versucht sie, das Rätsel der Truhe zu lösen und sucht nach Hinweisen für den Zustand des Vaters.

Mit dem Eispickel durch die DDR

Annett Gröschner präsentiert uns so die Familiengeschichte der Kobes, indem sie Annja in zahlreichen Rückblenden, die keiner Reihenfolge zu unterliegen scheinen und doch zu einem festen Netz aus naher und ferner Vergangenheit verwoben sind, ihre eigene Geschichte erzählen lässt. Wie aus einer Kühltruhe werden Kapitel für Kapitel Anekdoten und Geschichten herausgenommen und aufgetaut - um der Über-Metapher Gröschners treu zu bleiben. Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die nach und nach immer tiefer in die Vergangenheit der Familie hinabtauchen. So wird zwar im ersten Teil schon angedeutet, dass Großvater Kobe ein stets frivoles Verhältnis zu seinen Sekretärinnen pflegte, das Seelenleben der Großmutter und die Umstände dieser Beziehung werden aber erst im dritten und vierten Teil klar. Auch Annjas Leben vor der Entdeckung des eingefrorenen Vaters wird nur langsam erzählt: Wie ein dicker Eisblock taut die Figur Annjas die gesamte Dauer des Romans über auf, bis man am Ende in einer Pfütze Wasser steht. Gröschner gelingt es durch schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Informationszufuhr zwar langsam zu gestalten, jedoch trotzdem keine Langeweile aufkommen zu lassen. Gleichzeitig bleibt alles stets übersichtlich, nicht zuletzt wegen Annjas distanzierter, beobachtender Erzählweise. Allein die Geschichte um den eingefrorenen Vater bleibt bis zum Ende ungelöst, das sei dem neugierigen Leser an dieser Stelle gesagt.

Der Vater experimentiert im Labor, um das perfekte Speiseeis zu finden. Seine Tochter dient ihm dabei immer als Probandin – ein Traum eines jeden Kindes! Jedoch nicht, wenn man sich in der DDR befindet und es im Wechsel an Milchfett oder Aromastoffen mangelt. Dass sich der Sohn mit der Herstellung von Eiscreme beschäftigt, stört den Großvater, seinerzeit ebenfalls Gefrierforscher, in seinem Bild der leistungsorientierten DDR-Wissenschaft.

»Wir waren Spitze im Weltmaßstab, und was macht ihr, ihr fahrt das Ding gegen den Baum. Sensorische Qualitätsprüfung für Eiskrem! Wir haben ›Blitzkost‹ im Weltraum erprobt, wir haben die besten Kühlhäuser gebaut, wir waren dem Westen Längen voraus, und was macht ihr daraus? Eiskrem. Daß ich nicht lache. Versager seid ihr!«

Klaus Kobe dagegen verschiebt seine das Land betreffenden Ambitionen auf den Sport, den er sein Leben lang intensiv verfolgt. Schließlich aber erfolgt der berufliche Durchbruch, er erfindet das »Moskauer Eis«, eine Eissorte, die fortan sehr beliebt ist unter den Bürgern der DDR. Spätestens jetzt erfährt der Leser, das der Buchtitel weniger mit Moskau, dem großen und mächtigen Bruder der DDR und dem dicken Eis auf den winterlichen sibirischen Seen zu tun hat. Das Eis verfolgt Annja durch das ganze Leben: Als sie das elterliche Haus verlässt und nach Berlin geht, fängt sie an, als Eisverkäuferin zu arbeiten und verkauft das Eis ihres Vaters. Später stellt sie es als Arbeiterin in einer Fabrik selbst her und muss nach der Wende erleben, wie es von den neuen Marken aus der westlichen Welt verdrängt wird. Hat Annja vor allem in ihrer Schulzeit nicht das beste Verhältnis zum DDR-Staat und ist sie auch sonst weniger nostalgisch, als bloß enttäuscht von dem, was man sich vom Westen versprach, hängen für sie doch viele verklärte Erinnerungen am »Moskauer Eis«.
 

Nostalgie statt ›Ostalgie‹

Man erfährt später, dass sich Annja nach dem Tod der Großmutter mithilfe des Erbes selbstständig macht und in einem eigenen Betrieb das »Moskauer Eis« produziert. Damit geht also auch das Erbe des Klaus Kobe weiter.

Mein klappriger Mercedes braucht eine Weile, ehe er anspringt.
»Komm endlich«, sage ich, »du bist doch kein Trabant.«
Früher habe ich immer ein Rad geschlagen, wenn ein Mercedes durch die Straßen auf der Insel fuhr. Ich wollte zeigen, daß auch bei uns glückliche Kinder leben.

Annjas Erzählungen bergen keine ›Ostalgie‹. Es ist vielmehr die Vergangenheit an sich, von der sie schwärmt, die Tatsache, dass man eine eigene Geschichte hat, die man nach dem Mauerfall aber fast vergessen hätte. Die Eis-Thematik passt gut in den Kontext, auch wenn am Ende der (im übertragenen Sinne) ständig im Bild stehende Eisverkäufer doch ein wenig aufdringlich ist. Erfreulicherweise ist die Protagonistin trotz kühler Art jedoch nicht vor Eis erstarrt, sie bleibt dynamisch genug, um die Familiengeschichte lebhaft erzählen zu können. Annett Gröschner gelingt dabei inmitten des Kälteinstituts der Balanceakt, die DDR nicht zu idealisieren, sie aber trotz einer kritischen Beleuchtung als Teil der eigenen Vergangenheit und der eigenen Identität zu akzeptieren.

 

 

Annett Gröschner:  Moskauer Eis. Roman. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2009. 288 Seiten. ISBN 978-3-7466-2580-5, 9,95 Euro.
 

 

 

 

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