Wenn Geiz die Welt regiert

Patricia Benecke aktualisiert in den Kammerspielen Bad Godesberg Molières Der Geizige
Money, money, money Must be funny In the rich man's world
Szenenfoto aus Molières »Der Geizige« (Foto: Thilo Beu)
Szenenfoto aus Molières Der Geizige (Foto: Thilo Beu)

Mit diesen gesungenen Zeilen wird der Zuschauer in den Bad Godesberger Kammerspielen in Empfang genommen. Ausgelassen und unbekümmert, so will es scheinen, schwingen die junge Elise (Maria Munkert) und ihr geliebter Valère (Helge Tramsen) auf zwei riesigen Schaukeln über die Bühne. Doch so frei, wie ihr wildes Schaukeln den Zuschauer zunächst vermuten lässt, sind die beiden nicht: Elise zweifelt an der Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit ihres Geliebten und fürchtet sich vor dem Vater, der diese Liebe in ihren Augen nicht gutheißen wird. Valère dagegen ist optimistisch, den Alten umstimmen und für sich gewinnen zu können. Er erzürnt, als Elise ihre Zweifel zeigt. Die Vertrautheit ihres Gespräches findet mit dem Auftreten Cléanthes, dem Bruder von Elise, ein jähes Ende.

Im grünen Anzug mit Rüschenhemd stolziert Arne Lenk als Cléanthe auf die Bühne und beginnt von der Bekanntschaft mit einer jungen Dame, Marianne, zu schwärmen. Doch wie soll er sie für sich gewinnen und ihr Geschenke machen können, wo der geizige Vater Harpagon die Geschwister finanziell doch an der kurze Leine hält? Bruder und Schwester verbünden sich in ihrer Sorge und beschließen, sich nicht vom Vater unterkriegen zu lassen, sondern sich gegen ihn aufzulehnen. Ihr Ziel ist es, die jeweilige Liebesbeziehung nach ihren Vorstellungen und mit dem nötigen Kleingeld leben zu können. Soweit die Ausgangsposition für das Geschwisterpaar. Beide Darsteller überzeugen mit ihrer authentischen Art, Lenk als aufgeblasener Schönling, der bereit ist, für sein Äußeres den Unmut des Vaters auf sich zu ziehen und sogar einen Kredit aufzunehmen, und Munkert als kindisch, naives Mädchen im rosa Rüschenkleid, das um jeden Preis den eigenen Willen durchsetzen will. Szenenwechsel: ein hoher, kostspielig aussehender Raum, in dessen Mitte ein leuchtender Kronleuchter hängt. Edel aber dennoch karg ausgestattet. Da bleibt viel Platz für den Auftritt des eigentlichen Protagonisten, des Molière'schen »Geizigen« Harpagon, gespielt von Wolfgang Rüter. Wenn er auf den Stuhl in der Mitte der Bühne steigt und wie in Trance über sein geliebtes Geld lamentiert, so wird dem Zuschauer schnell deutlich, wer hier der wahre Star des Abends ist. Eindrucksvoll und leidenschaftlich gestikuliert der Geizhals und schwärmt von seiner im Garten vergrabenen Geldkassette, mit der ihn eine beinahe menschliche Liebe verbindet. Wirkungsvoll eingesetzte Lichtwechsel sowie Soundeffekte wie das Ertönen der Alarmanlage runden die beinahe unheimliche Stimmung der Szenerie ab. Zwei Stunden lang wird der Zuschauer auf höchstem Niveau unterhalten: Ein zwar einfach konzipiertes Bühnenbild, welches jedoch immer wieder durch seine Details überrascht, sowie überspitzt dargestellte Charaktere, die dennoch authentisch wirken, lassen das Herz eines jeden Komödien-Fans höher schlagen. Patricia Benecke ist es mit ihrer Inszenierung des Molière'schen L´avare gelungen, das alte Motiv des Geizhalses in die Moderne zu übertragen. Obwohl der ursprüngliche Handlungsstrang weitestgehend beibehalten wird, spiegelt sich in verschiedenen Details dennoch wider, dass das Stück in der Gegenwart spielt: Handy, Alarmanlage und Co., ebenso wie die saloppen umgangssprachlichen Ausdrücke der Kinder verdeutlichen, dass diese Familie ebenso gut im Nachbarhaus leben könnte. In Zeiten der Krise, in denen ein jeder um den eigenen Wohlstand besorgt ist und so mancher darüber einsam wird, ist die alte Thematik um Neid, Geiz und die daraus entstehende Einsamkeit aktueller denn je.

Szenenfoto aus Molières »Der Geizige« (Foto: Thilo Beu)
Szenenfoto aus Molières Der Geizige (Foto: Thilo Beu)

Der Originaltext besticht durch seine reizvollen Dialoge und eine Zweideutigkeit, die für das ein oder andere Missverständnis innerhalb der Bühnenhandlung sorgt. Zusätzliche Würze bringen neu dazu gesetzte Zwischentexte und mit Sorgfalt ausgewählten Requisiten wie beispielsweise die vom Jahrmarkt mitgebrachten Lebkuchenherzen, auf denen an Stelle eines netten Spruches lediglich Money zu lesen ist – statt kitschigem Ausdruck von Emotion steht hier abermals die reine Profitgier im Vordergrund. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ein Stück, welches die Lachmuskeln anregt und damit alt und jung gleichermaßen anspricht.

Wer wissen möchte, ob die beiden Liebespaare ihr Glück finden werden oder ob am Ende etwa nur die egoistische Liebe zum Geld siegt, der hat dazu noch bis Juli die Gelegenheit.

 

Der Geizige/L'avare. Von Jean-Baptiste Poquelin de Molière. Aus dem Französischen von Frank-Patrick Steckel. Inszenierung: Patricia Benecke. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Weitere Termine: 12.6., 19.6., 3.7.

Fotos: © Thilo Beu.

 

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