Wie der Vater, so der Sohn

Alex Capus' neuer Roman und der Versuch Vergangenheit zu erzählen

Film- und Fernsehproduktionen, in denen historische Ereignisse im Mittelpunkt stehen, zeichnen sich vor allem durch eine Besonderheit aus. Bei der Rekonstruktion von Vergangenheit vermischen sich Fakten und fiktionale Einschübe, reale Ereignisse und Spekulationen. Historische Filmdokumente stoßen auf Szenen, in denen die Dramaturgie des Spielfilms darüber entscheidet, wie historische oder schlicht erfundene Figuren interagieren. Unter dem Schlagwort ›Dokufiction‹ wird Geschichte auf unterhaltsame Weise dargestellt. Auch in der Belletristik lässt sich dieser Trend, denkt man an historische Stoffe wie Uwe Timms Roman Morenga (1978) und seine Erzählung Am Beispiel meines Bruders (2003) oder auch Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt (2005), beobachten. Er ist eine gute Voraussetzung, um einen ›Bestseller‹ zu landen, wie Klaus Modick es 2006 mit ironischem Blick in dem gleichnamigen Roman auf den Punkt gebracht hat.

Doch steckt in der literarischen Umsetzung des Filmgenres ›Dokufiction‹ noch viel mehr. Aus der Verbindung von Fakten und Fiktionen ergibt sich nicht nur eine neue Erzählhaltung, die im Spiel mit dem Material eines historischen Stoffs die Freiheit des Erzählers betont. Es werden durch diese Einmischung des Autors auch Schwierigkeiten evident, die das Erzählen selbst betreffen. Eindrucksvolles Beispiel hierfür ist der jüngst erschienene Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer des Schweizer Autors Alex Capus. Wie bereits in Munzinger Pascha (1997), Léon und Luisa (2011) und zuletzt auch in der Erzählung Skidoo (2012) legt er besonderen Wert darauf, die historischen Ereignisse nicht nur zu dokumentieren, sondern auch unterhaltsam darzustellen. Anders als in seinen früheren Werken, in denen Alex Capus dies bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat, scheitert er nun aber damit.

Erfundene Vergangenheit

Der Roman setzt wie viele von Alex Capus' Büchern in der Idylle seiner Schweizer Heimat ein. An einem Novembertag im Jahr 1924 halten sich am Züricher Bahnhof zeitgleich drei Menschen auf, die unterschiedlicher nicht sein können und deren Leben im Verlauf der Handlung durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs auf verschiedene Weise geprägt werden. Ob sich Felix Bloch, Laura d'Oriano und Emile Gilliéron überhaupt begegnen, geschweige denn wahrnehmen, ist reine Spekulation. Für Capus aber ist dieses mögliche Ereignis der Ausgangspunkt, um ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Während Laura d'Oriano (1911 – 1943) noch davon träumt, dem Beispiel ihrer Mutter folgend als Sängerin mit Weltruhm zu reüssieren, ehe sie einige Jahre später als Spionin von den italienischen Faschisten verurteilt und getötet wird, setzt der Student Felix Bloch (1905 – 1983) in Zürich die Grundpfeiler für eine wissenschaftliche Karriere, in deren Verlauf er Assistent von Werner Heisenberg, Mitarbeiter bei Robert Oppenheimers Atombombenprojekt und schließlich auch Nobelpreisträger für Physik werden wird.

Die dritte Figur, die Alex Capus ausgehend vom Züricher Bahnhof im Laufe seines Romans begleitet, ist Emile Gilliéron (1885 – 1939). Als Sohn des gleichnamigen Kunstmalers, der zusammen mit Heinrich Schliemann archäologische Funde in Troja geborgen und wissenschaftlich dokumentiert hatte, ist er in demselben Metier für den Briten Arthur Evans auf Kreta tätig. Bei dessen Ausgrabungen erfüllt Emile Gilliéron jr. die Aufgabe, die geborgenen Schätze bildlich festzuhalten und fehlende Stellen zu rekonstruieren, damit Originalkopien an Sammlungen und Museen verkauft werden können. Die gefundenen Stücke sind heiße Ware. Eine Sensation reiht sich so an die nächste und dort, wo der Zahn der Zeit genagt hat und nachgebessert werden muss, wird Emile selbst aktiv und füllt die Lücken der Vergangenheit mit seiner Imagination.

Täuschung des Lesers

Erzählt diese Begebenheit aus heutiger Sicht viel über die Anfänge archäologischer Praxis in Europa und noch mehr über das Verhalten der Sammler und der Museen in dieser Zeit, ist es auf der anderen Seite nicht verwunderlich, weshalb sich Alex Capus gerade dieser Lebensgeschichte immer wieder annähert. Ausgehend von seiner Idee, Vergangenheit auf eine andere Art darstellen zu wollen, entspricht das Handeln Emilie Gilliérons und seines gleichnamigen Sohns Alex Capus' eigener Herangehensweise. Wie die Figur seines Romans sucht auch er sich aus den Quellen, die er für die Recherche zum Buch gesammelt und auf seiner Internetseite dokumentiert hat, diverse Fundstücke heraus und setzt sie wie Mosaiksteine neu zusammen. So stoßen Mitschriften von privaten Gesprächen, die Alex Capus mit den Nachkommen seiner Protagonisten schriftlich und mündlich geführt hat, auf sachliche Informationen, die aus Gerichtsakten oder früheren Biographien dieser historischen Personen stammen. Es ist die große Kunst des Schriftstellers, dabei nicht nur Verbindungen herzustellen, sondern sich auch gerade dort, wo Leerstellen deutlich werden, einzumischen und Vergangenheit im Sinne des Modells ›Dokufiction‹ zu reflektieren.

Alex Capus bringt sich als Erzähler selbst ein. Die Möglichkeit einer Begegnung ist genauso wie die lebendige Darstellung der innige Wunsch eines Autors, der sichtbar werden will, indem er seinen Sätzen wiederholt »Ich stelle mir vor« oder »Ich wünsche mir« voranstellt. Während es ihm so gelingt, drei ganz unterschiedliche Biographien, die die Umbrüche der Zwischenkriegszeit erzählen, vor Augen zu führen und einen besonderen Blick auf die Schweiz zu lenken, eröffnet sich dabei aber auch eine Schwäche, die sich durch den ganzen Roman zieht: Die Charaktere bleiben in ihrer Darstellung zu glatt und in ihrem teils widersprüchlichen Werdegang auch zu unscharf. Es fehlt gerade an den entscheidenden Wendepunkten in der Geschichte dieser Personen an psychologischer Tiefe. Dem Roman hätte es gerade mit Blick auf diese Auffälligkeit gut getan, die Konturen im Leben von Felix Bloch, Laura d'Oriano und Emile Gilliéron jr. noch stärker zu betonen. Das wäre möglich gewesen, wenn sich Alex Capus wie bereits in früheren Romanen auf das Leben einer einzelnen Person beschränkt hätte. In Büchern wie Munzinger Pascha zeigte er, dass er mit einer leichten und eingängigen Sprache, die auch in Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer an manchen Stellen sichtbar wird, dazu in der Lage ist. Indem Alex Capus aber immer wieder zwischen drei Lebensgeschichten springt und sich im schillernden Spiel von Fakten und Fiktionen mit seinen eigenen Wünschen als Autor einbringt, verwässern die Geschichten zusehends und aus der lohnenswerten Idee, neue Möglichkeiten zu suchen, um Geschichte lebendig werden zu lassen, wird eine Enttäuschung.

Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Roman. München: Hanser 2013. 282 Seiten. ISBN 9783446243279. 19,90 Euro
 

 


 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!