Wie verfilmt man Geruch?

Tom Tykwer wagt sich an Patrick Süskinds Roman »Das Parfum«

Das Parfum (Filmplakat)Bücherfreunde beäugen Literaturverfilmungen meist sehr skeptisch. Zu groß erscheint die Gefahr, dass Regisseur oder Produzent die imaginären Bilder zu den Zeilen eines Autors verhunzen, verkürzen, ›falsch‹ darstellen. »Das Parfum«, der moderne Klassiker im Bücherregal vieler LiteraturliebhaberInnen, scheint ob der Vielzahl beschriebener Gerüche und Geruchsverästelungen erst recht a priori unverfilmbar. Nun ist der Roman Patrick Süskinds aber doch auf Zelluloid gebannt worden und lädt ein zur Diskussion. K.A.-Autorinnen Ines Böckelmann und Anna-Lena Scholz haben sich den Film angesehen.

Ästhetische Opulenz

Von Ines Böckelmann Irgendwann einmal erreicht man als Literatur- und Filmliebhaber den Punkt, an dem man sich schwört, dass man sich niemals mehr eine Literaturverfilmung ansieht. Denn obwohl diese Erkenntnis mittlerweile fast zur Floskel verkommen ist, bewahrheitet sie sich in den meisten Fällen: Der Film ist immer schlechter als das Buch, er kommt nicht an die Genialität seines Vorbildes heran. Doch dann machen einem Bernd Eichinger und Tom Tykwer einen Strich durch die Rechnung, indem sie »Das Parfum« verfilmen. Wer das Buch gelesen hat, kann sich unter keinen Umständen vorstellen, wie es einem Regisseur gelingen sollte, die fabelhafte Geruchswelt des ebenso geheimnisvollen wie bestialischen Genies Grenouille darzustellen. Allein dieser Umstand macht es einem unmöglich, sich dieser Literaturverfilmung zu verweigern. Wer den Trailer gesehen hat, bildet sich zwar sofort ein zu wissen, dass sich auch hinter diesem Projekt nur hohler Raum befinden wird, schließlich hätte man diesen nicht reißerischer gestalten können. So geht man also am Tag der Premiere ins Kino ohne besondere Erwartungen, vielleicht sogar etwas von Schadenfreude erfüllt, weil man auf 2½ Stunden Zelluloid gebrandmarkt sehen will, wie Regisseur und Produzent sich um Kopf und Kragen gedreht haben.

 

Szenenfoto aus »Das Parfum« (Foto: Constantin Film)

 

Dann beginnt der Film und ganze fünf Minuten kann man den Triumph seiner eigenen Schadenfreude auskosten. Fünf Minuten, in denen der schon erwachsene Grenouille im Gefängnis sitzt, sein Riechorgan in Großaufnahme, dann vor das hetzerische Volk geführt wird, welches seinen Tod fordert. Doch nachdem diese Vorausschau beendet ist und der Film seinen chronologischen Ablauf nimmt, vergeht kein Augenblick, in dem man als Zuschauer nicht ganz ungewollt ständig denken muss: Dieser Film ist ein Meisterwerk, ebenso wie das Buch, und eben doch auf ganz konträre Weise. Fabelhaft hat Tom Tykwer es verstanden, das Geruchsgenie Grenouilles darzustellen durch ausschweifende Kamera-Aufnahmen, die einzelne Elemente der Natur, der Umwelt Grenouilles in Großaufnahme zeigen, um dann immer spezifischer in das innere dieser Gegenstände hineinzublicken. Schmutz und Dreck, werden ebenso sinnlich verwertet wie die schönen Elemente des Lebens. Der Unrat, die mangelnde Hygiene dieser Epoche, die Patrick Süskind mit der Geburt seines Protagonisten so gut beschreibt, hat durch Tykwers Film ein visuelles Pendant erhalten. Überhaupt glaubt man als Zuschauer ständig, den Film nicht nur sehen, sondern auch riechen zu können. Der Film legt Wert auf Details, was ihm gerade seine Eindringlichkeit verleiht. Als Grenouille auf dem Weg nach Grasse vor einem Lavendelfeld steht, dessen leuchtendes Violett sich von der bleichen und grauen Gestalt der Hauptfigur besonders abhebt, scheint einen allein das Rauschen des vom Wind umspielten Feldes in eine sinnliche Ekstase zu erheben. Tom Tykwers Verfilmung lebt von ihrer ästhetischen Opulenz. Ebenso passend erweist sich die Besetzung Grenouilles mit Ben Whishaw. Er vermag es, seiner Figur die Aura eines Außenseiters zu verleihen. Natürlich sieht er etwas zu gut aus für einen Menschen, der im Buch als unscheinbar, eher hässlich als schön, ja als Zecke beschrieben wird. Mimik und Gestik, die immer leicht zusammengekauerte Körperhaltung und der humpelnde Gang des Schauspielers lassen dies aber die meiste Zeit des Films als nichtig erscheinen. Ein weiteres wichtiges Element des Films ist die Musik (Tykwer hat sie selbst mitkomponiert). Nicht nur visuell, sondern auch klanglich hat der Film es geschafft eine ganz besondere Atmosphäre zu vermitteln. Interessant ist auch, dass Tom Tykwer während des Films immer wieder einen Sprecher (Otto Sander) Sätze aus dem Buch rezitieren lässt. Durch Otto Sanders beruhigende Stimme wird etwas Spannung aus der Handlung genommen, um dann nur wenige Zeit später durch die intensiven sakralen Klänge der Filmmusik den Zuschauer wieder mitten in die Leidenschaft der Hauptfigur hineinzukatapultieren. Im Booklet zur Filmmusik sagt Tykwer, dass ihm die Musik auch deswegen besonders wichtig war, weil seines Erachtens die Kunst der Parfümerie einige wichtige Elemente der Musiksprache entliehen hat. »Auch bei Parfums spricht man von Akkorden und einzelnen Duftnoten.« Das Hauptthema, der Geruchssinn, findet im Film also gleich zweimal, visuell und auditiv, seine Entsprechung. Tom Tykwer hat ein opulentes Meisterwerk geschaffen, das als eigenständig betrachtet werden kann und muss. Seine Interpretation der Handlung verklärt Grenouille als einsamen Antihelden auf der Suche nach Liebe, natürlich ohne dass dies Grenouille selbst bewusst wäre. Gefangener seines Genies, strebend nach etwas, das ihm die verschlossene Welt des Alltags der anderen zugänglich macht, ruft er beim Zuschauer mehr Mitleid hervor als der Grenouille des Buches. Zum Schluss hält er in einem kleinen Flakon diesen Schlüssel zur anderen Welt in der Hand und er weiß auf einmal, dass es mehr ist, was ihn von diesen Menschen trennt: Orgiastische Liebe hervorrufen zu können, bedeutet nicht, dass man sie auch versteht oder nachempfinden kann. Diese Erkenntnis treibt ihn schließlich in den indirekten Selbstmord. Die Verfilmung des Romans »Das Parfum« hingegen war kein künstlerischer Selbstmord der Verantwortlichen, sondern ist vielmehr der Beweis, dass man als literaturliebender Kinogänger nicht immer der eigenen Erfahrung trauen kann.

 

Szenenfoto aus »Das Parfum« (Foto: Constantin Film)

 

Der erahnte Wahnsinn

Von Anna-Lena Scholz »Was bist Du nur für ein Mensch? Weißt Du denn gar nichts?« Die Frage, die der alternde Parfumeur Guiseppe Baldini (Dustin Hoffman) seinem Lehrling Jean-Baptiste Grenouille (Ben Whishaw) entgegenschleudert, ist voller Fassungslosigkeit. Grenouille hat gerade Baldinis Katze in einen Topf mit kochendem Wasser geworfen in dem Versuch, den Geruch des Tieres zu destillieren. Darüber, wie viel Grenouille, das Geruchsmonster aus Patrick Süskinds vielfach bejubeltem und nun durch Regisseur Tom Tykwer verfilmtem Roman »Das Parfum«, weiß, lässt sich streiten. Über menschliche Umgangsformen, soziales Miteinander, Höflich- oder gar Freundlichkeit weiß Grenouille in der Tat nichts. Dafür ist sein Wissen um die unsichtbaren Seiten der Welt dank übernatürlichen Geruchssinns äußerst beeindruckend. Grenouille riecht nicht nur Gras, sondern auch nasses Gras, nicht nur Steine, sondern auch warme Steine, riecht nicht nur das aufgesprühte Parfum, sondern auch den Schweiß unter der Perücke, den Puder im Gesicht und den verfaulten Apfel im Haus nebenan. All diese Facetten sind freilich bloße Nebensächlichkeiten angesichts der Essenz, die die Welt im Innersten zusammenhält – nämlich der Duft der Liebe, der Unschuldigkeit, des Begehrens. Und wie lässt sich Liebe in Parfum verwandeln? Grenouille für seinen Teil geht von dem stinkenden Paris des 18. Jahrhunderts ins für seine Parfumeurkunst bekannte Grasse, tötet dort 13 Jungfrauen (im Roman ganze 25), wälzt ihre nackten Leiber in Tierfett und kocht letzteres mit Alkohol. Als das Parfum fertig ist und sich Grenouille mit der Essenz der Liebe beträufelt, kommt die Ernüchterung. Zur Hölle mit diesem Leben, denkt Grenouille und lässt sich kurzerhand von einer Gruppe schmutziger und ausgehungerter Straßenflegel auffressen. Dass der Roman »Das Parfum« unverfilmbar sei, schwebte jahrelang wie ein erhobener Zeigefinger über der Geschichte. An der Wort- oder vielmehr Duftgewaltigkeit des Romans könne man sich als Regisseur nur die Finger verbrennen. Zudem zeigte sich Autor Patrick Süskind jahrelang recht unkommunikativ bezüglich der Filmrechte, machte sich rar und sorgte dafür, dass sein großer Erfolgsroman in Ruhe gelassen wurde. Vor fünf Jahren gab er schließlich dem Drängen des Produzenten Bernd Eichinger nach. Das Ergebnis ist seit einigen Wochen in den Kinos zu sehen. Wie gut ist die Verfilmung nun?

 

Szenenfoto aus »Das Parfum« (Foto: Constantin Film)

 

Die Finger verbrannt hat sich Tykwer jedenfalls nicht. Die Verfilmung des Romans ist gelungen – doch hat sie einen entscheidenden Nachteil: Sie trägt sich nur zusammen mit dem Buch. Seien es die Bilder, die Gerüche zu visualisieren zu versuchen, oder die Person des Grenouille: Authentisch und bewegend wird fast jede Einstellung des Filmes, jeder Kameraschwenk und jeder Dialog nur durch die Bilder des Romans, die beim Zuschauer wie Untertitel mitlaufen. Dabei ist die grundsätzliche Visualisierung der Geruchswelt, die der entscheidende Teil der Geschichte ist, in vielen Fällen außerordentlich geglückt. Grenouilles Geburtsstätte, der Fischmarkt in Paris – von Süskind als »allerstinkendster Ort des gesamten Königreichs« beschrieben –, wird drastisch überzeichnet: Blutspritzer, abgehackte Fischköpfe, ein kotzender Mann, Schleim, Dreck, Eingeweide. All das nimmt die Kamera in schnell wechselnden Einstellungen auf und zerbricht so das Gesamtbild des Marktes zu Bildfetzen, die der kleinteiligen Beschreibung aller ekelerregenden Gerüche im Roman durchaus gleichkommen. Geradezu ironisch zitiert Tykwer an anderer Stelle die Parfumindustrie: Als Baldini an Grenouilles erstem, innerhalb von Sekunden zusammengemixten Parfum schnuppert, befindet er sich plötzlich in einem blühenden Garten voll bunter Rosen – eine überstilisierte Reklamekulisse, in der sich ihm schließlich gar eine langhaarige Schönheit nähert und ihm ein »Ich liebe dich« ins Ohr haucht. Überhaupt sind die Szenen, in denen Düfte verbildlicht werden, surreal und artifiziell und lassen die normale, sich durch gewöhnliche Sinnenswahrnehmung erschließende Welt hinter sich. Damit setzt Tykwer die Struktur des Romans, nämlich normale Wahrnehmungskategorien zu sprengen, um und lässt Raum für die unwirklich anmutende Welt Grenouilles. Aber ach, der Grenouille! Geradezu schön anzuschauen ist er, der dunkelhaarige Jüngling, daran können auch ein verschmutztes Hemd und dreckige Fingernägel nichts ändern. Nichts von der Abscheulichkeit und Abartigkeit, die den Leser so schaudern ließ, findet sich in der Filmversion wieder. Zwar lassen die gestammelten, immer kurzen und oft holprig ausgestoßenen Sätze Grenouilles und sein manisch dreinblickendes Gesicht den Wahnsinn dieser Person erahnen, seine Asozialität, seinen unbeirrbaren Wahn nach dem perfekten Duft – doch ein Erahnen allein reicht für die exzessiven Ereignisse des Schlussteils nicht aus. Die Orgie auf dem Marktplatz, nachdem Grenouille erstmals drei Tropfen seines Wässerchens aufgetupft hat, wirkt beinahe lächerlich: Nacktes Fleisch, übereinanderherfallende Menschen, ein knutschender Bischof. Eine Frau schreit »Er ist ein Engel!«, mit langgezogenem »E«, damit es möglichst ekstatisch klingt. Und auch als Grenouille sich am Ende schließlich mit dem Duft, der liebend macht, übergießt, stürzen Frauen wir Männer auf ihn, um ihn mit Haut und Haar zu verschlingen und sich ihn, die scheinbar personifizierte Liebe, einzuverleiben. Wer da nicht die oftmals langen Romanpassagen im Hinterkopf hat und um die sieben Jahre weiß, die Grenouille einsam in einer Höhle nur mit sich und seinen imaginären Düften verbringt (in der Filmversion fehlt eine Zeitangabe gänzlich; und nach Haar- und Bartwuchs Grenouilles zu urteilen, kann er sich höchstens vier Wochen in der Höhle aufgehalten haben), wer da nicht um die Eindringlichkeit von Süskinds Schreibe weiß, der steht mit diesen extremen Szenen allein da und fragt sich, wieso um alles in der Welt ein Parfum liebend machen kann. »Das Parfum« ist eine Geschichte, die in jeglicher Hinsicht überstilisiert ist. Ohne diese maßlos überzeichnete Künstlichkeit kann die Erzählung nicht glücken. Schade, dass Tykwer die Überzeichnung zwar sehr gelungen auf die Visualisierung der Duftfacetten und auch die ermordeten Jungfrauen – mit elfenbeinfarbener Haut und roten, fülligen Locken, mit unschuldigem Blick und vollen, pfirsichfarbenen Lippen eher für den Zuschauer als ihren Mörder übermäßig fetischisiert – anwendet, aber gerade den Kern der Geschichte, nämlich den Protagonisten Grenouille ausspart und ihn zu blass, normal und nachvollziehbar erscheinen lässt. So ist die Verfilmung des »Parfums« vielleicht einmal mehr ein Beweis für die Grundregel: Erst das Buch lesen, dann den Film schauen!

 

Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders. Regie: Tom Tykwer. Drehbuch: Andrew Birkin, Tom Tykwer, Bernd Eichinger, Caroline Thompson (nach dem Roman »Das Parfum« von Patrick Süskind). Kamera: Frank Griebe. Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil. Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd Wood, Corinna Harfouch u.a. Länge: 147 min. Premiere: 14.09.2006. – Nähere Infos unter www.parfum.film.de. (Fotos: Constantin Film)

 

Anm. d. Red.: Unter dem Titel »Überweltigend! Wie sich das Genie an der Welt und die Schrift sich an sich selbst berauscht« ist in K.A. 1/2005 »eine Lesart von Robert Schneiders Schlafes Bruder und Patrick Süskinds Das Parfum« von Anna-Lena Scholz erschienen. Der Essay steht hier als PDF-Dokument zum Download bereit (~900 kb).

hallo angelique, ich heisse

hallo angelique, ich heisse nicola und ich komme aus italien.ich habe nichts verstanden was du gemeint hast, ich kann nur dazu sagen dass das buch sehr spannend ist.

Hallo,ich möchte gerne mal

Hallo,ich möchte gerne mal ein DVD haben und Buch lesen und so ist mein lieblings-film,weil ich habe noch nie diesem Film nicht gesehen und kann ich nicht so bestellen,sry und aber möchte ich gerne haben vom DVD ihm.... Bitte.....

grüsse Angelique

Das Buch NICHT gelesen zu

Das Buch NICHT gelesen zu haben ersparte mir offenbar die Enttäuschung - ich habe weder Szenen noch "die Eindringlichkeit von Süskinds Schreibe" vermisst und konnte mir sehr gut vorstellen, warum ein Duft liebend macht. - Für mich wird das Buch eine Erweiterung der Geschichte sein, deshlab kann ich persönlich nur empfehlen: erst den Film sehen, dann das Buch lesen.

 

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