Wir laden Sie ein – zur »Kritik der Gegenwart«
»Kritik der Gegenwart« – so lautet der Titel einer Veranstaltungsreihe, die die »Kritische Ausgabe« gemeinsam mit dem Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn ausrichtet und die vom Deutschen Literaturfonds gefördert wird.
Insgesamt sieben SchriftstellerInnen werden im Sommer und Herbst 2006 zu Lesungen und Diskussionen zu Gast sein. Im Zentrum der Gespräche steht die Frage nach der literarischen Produktion und ihrer kulturjournalistischen Rezeption. Auch die aktuelle Beziehung zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik steht zur Debatte.
21. Juni: Die Träume der Väter – John von Düffel liest aus »Hotel Angst«
Den Auftakt bildet eine Lesung mit John von Düffel am Mittwoch, den 21. Juni um 18:30 Uhr im Übungsraum 6 des Verfügungszentrums im Universitätshauptgebäude. Der Eintritt ist frei.
John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, lebt in Bremen und ist als Romancier, Dramatiker, Theater- und Filmkritiker und Übersetzer bekannt geworden. Als Dramaturg war er an verschiedenen Bühnen, unter anderem von 1998 bis 2000 am Bonner Schauspielhaus tätig, seitdem am Hamburger Thalia-Theater. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 1998 für seinen Debütroman »Vom Wasser« mit dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis des Literaturhauses Hamburg und dem aspekte-Literaturpreis. Für seinen jüngsten Roman »Houwelandt« erhielt er 2005 den Preis »Das neue Buch« des Verbands deutscher Schriftsteller Niedersachsen/Bremen.
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John von Düffel
(Foto: Katja Sonnenberg)
»Hotel Angst«, seine neueste Veröffentlichung, erzählt von einer Fahrt Richtung Vergangenheit, nach Bordighera an der italienischen Riviera. Dort befindet sich das Hotel Angst – ein Luxushotel der Jahrhundertwende, eine Titanic unter den mondänen Prachthotels dieser Welt. Inzwischen längst verfallen, ist es für den Erzähler dennoch ein magischer Ort, bewohnt von seiner Vergangenheit und von der Erinnerung an den Vater, der davon träumte, das Hotel wiederzueröffnen.
John von Düffel liest aus »Hotel Angst« und wird anschließend mit uns über Aspekte seines Werkes, über Schreibanlässe und Fragen des Autorseins diskutieren. Ein ausführliches Interview mit ihm wird außerdem im Winterheft der »Kritischen Ausgabe« erscheinen.
Zur Einstimmung präsentieren wir in unserem Online-Magazin eine Woche lang jeden Tag eine Rezension zu »Hotel Angst«. Sieben Mitglieder unserer Redaktion beschreiben, hinterfragen und bewerten inhaltliche, thematische und stilistische Aspekte der Erzählung – und kommen dabei zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Begonnen hat am vergangenen Donnerstag Fabian Beer, gefolgt von Sonja Gillert, Lena Sundheimer und Julia Scho. [addendum (21.06.06): Mittlerweile ist die Reihe durch Katrin Uelpenich, Ines Böckelmann und Marc Petersdorff komplettiert worden.] Lassen Sie sich überraschen! ;-)
addendum (23.06.06): Ein Bericht über die Lesung mit John von Düffel ist heute im Bonner General-Anzeiger erschienen.
26. Juni: »Trilogie der Trennungen« – und eine Zusammenfassung. Lesung und Diskussion mit Margit Schreiner
Am Montag, den 26. Juni setzen wir unsere Veranstaltungsreihe mit einer Lesung von Margit Schreiner (ebenfalls um 18:30 Uhr im Übungsraum 6) fort.
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Margit Schreiner
(Foto: privat)
Margit Schreiner wurde 1953 in Linz geboren. Sie studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und ging 1977 für drei Jahre nach Japan. Seit 1983 lebt sie als freie Schriftstellerin zunächst in Salzburg und Paris, später in Berlin und Italien, heute wieder in Linz. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2005 den Oberösterreichischen Landeskulturpreis. 2006 erschien ihr neuer Roman »Buch der Enttäuschungen«.
Margit Schreiner liest aus ihrer »Trilogie der Trennungen«, bestehend aus den Romanen »Nackte Väter« (1997), »Haus, Frauen, Sex« (2001) und »Heißt lieben« (2003), und will sich zugleich, wie sie uns vorab bereits mitgeteilt hat, an einer »Zusammenfassung«, wenn nicht gar »Zusammenführung«, versuchen.
»Nackte Väter« beschreibt die Trennung einer Tochter von einem an Alzheimer erkrankten Vater, »Haus, Frauen, Sex« das Scheitern einer Ehe aus der Sicht des Mannes und »Heißt lieben« das Abschiednehmen von einer Mutter, den Müttern überhaupt, und einen hoffnungsvollen Neubeginn aus der Perspektive einer Frau. Die drei Trennungsgeschichten sind zugleich drei Liebesgeschichten. Denn Lieben ohne Trennung gibt es nicht.
addendum (28.06.06): Über die Lesung mit Margit Schreiner berichtet der Bonner General-Anzeiger in seiner heutigen Ausgabe.
10. Juli: Feuilleton beobachten. Blattkritik mit Michael Rutschky
Am Montag, den 10. Juli (wiederum um 18:30 Uhr im Übungsraum 6) wagt der Kritiker und Schriftsteller Michael Rutschky unter dem Motto »Feuilleton beobachten« eine umfassende Blattkritik.
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Michael Rutschky
(Foto: Sven Paustian)
Rutschky (Jahrgang 1943) arbeitet als freier Autor für Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen und hat sich immer wieder als kritischer und scharfsichtiger Beobachter des Feuilletons in Stellung gebracht. Im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt etwa schrieb er:
Das Feuilleton wird periodisch von tiefem Selbstzweifel erschüttert, wie das Uneigentliche seiner eigenen Seins- und Redeweise aufzugeben und zur Authentizität der schweren Zeichen zurückzukehren wäre, worin auch immer die schweren Zeichen bestehen könnten. Dann wird die ›neue Verbindlichkeit‹ oder ›das Ende der Spaßgesellschaft‹ ausgerufen, und weil es in Deutschland keine Tradition des ergriffenen und ergreifenden Bußpredigers gibt, findet sich, anders als in den USA, hier kein Jedediah Purdy, um eine solche Predigt zu halten, die alle erschüttert. Stattdessen kommt es bloß zu periodischen Ausgießungen der schlechten Laune von Botho Strauß. [...] Nur ein sehr autoritäres Verständnis verbindlicher Rede- und Lebensweisen geht davon aus, dass Ironie jede Verbindlichkeit zersetzt und postmoderne Beliebigkeit herstellt, ein bekanntes Gespenst im Feuilleton.
Michael Rutschky studierte Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie (Promotion 1978). Er war zeitweise Redakteur der Zeitschriften »Merkur« und »Transatlantik« und ab Anfang der 1990er bis zu deren Einstellung 1997 Herausgeber der Zeitschrift »Der Alltag«, in der die »Sensationen des Gewöhnlichen« erforscht wurden. 1997 erhielt er für sein essayistisches Werk den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste, 1999 hatte er die Poetik-Dozentur an der Universität Heidelberg inne. Er veröffentlichte zahlreiche literarische und essayistische Werke, zuletzt »Die Meinungsfreude. Anthropologische Feuilletons« (1997), »Lebensromane. Zehn Kapitel über das Phantasieren« (1998), »Berlin. Die Stadt als Roman« (2001) und »Wie wir Amerikaner wurden. Eine deutsche Entwicklungsgeschichte« (2004).
addendum (13.07.06): Auch über die Veranstaltung mit Michael Rutschky berichtet der Bonner General-Anzeiger. Der Text des Vortrages wird übrigens im Winterheft der Kritischen Ausgabe (Dezember 2006) erscheinen.
addendum: Die Veranstaltungsreihe »Kritik der Gegenwart« wird im Wintersemester 2006/07 fortgesetzt. Zu Gast sind dann: Norbert Scheuer, Wolfgang Kaes, Kathrin Röggla und Helmut Krausser.
