Zackig

Mit dem Krimi-Preis werden Autoren gewürdigt, die “literarisch gekonnt und inhaltlich originell dem Genre neue Impulse geben”, so die Jury. Schön ist übrigens der Preis des Goldmann-Buchs: 6 Euro 50. So bringt man die Leute wieder zum Lesen.

Mal schnell eine Leseprobe, aus dem Internet stibitzt:

Montag, 11 Uhr 15: Die Kirchentür schmettert schwer ins Schloss, es hallt. Verdammt, aufpassen. Der Pfarrer stockt, sieht hoch. Die in den hinteren Bänken drehen sich um, ein Alter im schwarzen Anzug schüttelt den Kopf. Die letzten Reihen sind frei, schnell rein und setzen. (...) Ganz schön viele Leute hier. Aber kein Wunder. Roberts Sarg vor dem Altar, rundherum wie im Gartencenter. Die Tür öffnet sich leise, der Küster schlurft vorsichtig, das Futter der rechten Jackentasche hängt heraus, glänzt. ... Der Küster kommt zurück, gebückte Haltung. (...) Der Pastor hört auf zu reden. Orgel. Schöne Melodie. Sie singen zurückhaltend, einige kräftige Stimmen dazwischen. (...) Noch mal Amen im Chor. Was redet der für ein Zeug? Die Orgel setzt wieder ein. Keiner singt. Das kenne ich doch. (...) Vorne räumen sie die Kränze weg, der Küster öffnet beide Flügel der Eingangstür. Sie tragen den Sarg durch den Mittelgang, weiße Handschuhe, Gleichschritt. Der Pastor, Monika mit den Kindern dahinter. Eine Rosenblüte fällt ab, rollt unter eine der Bänke. Hinter den vieren ist eine Lücke, schnell durch und raus. Die Sonne blendet.

Die Sonne blendet. Zackig geschrieben. Schnell durch und raus. Heißt “dem Genre neue Impulse geben” in diesem Falle, dass der Krimi wieder einen Schritt in Richtung Drehbuch tun durfte? “Aufblende. Die Sonne. Karl schaut. Edith kommt auf ihn zu. Sie lächelt. Ein Baum rechts. Ein Auto links.” Die Krimis von heute schreien alle: “Verfilm’ mich! Nichts ist leichter. Schau, du brauchst nicht mal einen Drehbuchautor, nimm mich und verfilm’ mich, wie ich vor dir liege!” Alles wird Film. Roland Barthes hat einmal geschrieben, in einem Roman sei die Sprache der Hauptdarsteller, nicht der Autor oder der Protagonist. Stimmt immer. Aber ein blasser Hauptdarsteller ist er manchmal. Diese fallbeilartige Sprache! Auch Graham Greene schämte sich nicht, einfache Hauptsätze zu schreiben. Hemingway sowieso. Aber muss der Krimi so sein? “Schreib auf, was du weißt”, hat Ernest gesagt; und nicht: “Schreib auf, was du siehst.” Reden eigentlich diese Krimi-Autoren auch so mit ihren Nachbarn, wenn sie ihnen was erzählen? “Gestern: Hund. Im Grundstück. Ich: weg, Hund. Hund bleibt. Ich hole Pistole. Draußen, Hund schon weg. Schönentagauch.” Ottos Mops kotzt. Otto: Ogottogott. Man solle das “jandeln” nennen. Immerhin ein Beitrag zur Demokratisierung: So können sich auch ausländische Mitbürger an einem deutschen Krimi erfreuen. Sie müssen nur fehlende Substantive im Wörterbuch nachschlagen, der Rest findet sich.

Der Hauptsatz ist der nicht prämierte Sieger dieser Konkurrenz. Zweiter Sieger ist das Sichtbare, ist die Welt, wie sie ist, die Oberfläche. Dritter Platz für das Authentische. Von Träumen haben wir genug. Die Realität heißt: außen, Nacht. Abblende. Abspann.

Hallo Bernd! Heute schon

Hallo Bernd! Heute schon Todesmuster bestellt. Und danke für den Link. Wo ich die Bücher herkriege, weiß ich schon, und wenn ich wieder mehr Zeit habe, geht's los. Freu mich schon. Viele Grüße Manfred Poser.

Hallo Manfred, das Recht

Hallo Manfred,

das Recht Kritik zu üben, gerne auch polemisch, wird Dir nicht abgesprochen. Nur denke ich, dass auch diese begründet sein muss, wenn man Ernst genommen werden will. Mit Einschüchterung hat das nun aber auch gar nichts zu tun - eher mit Seriösität.

Bzgl. des "Stein des Anstoßes". Ja bitte, dann auch mit "Feedback".

Ellroy, Bruen, ganz klar, immer im Original. Ellroy braucht ein wenig Übung (hilfreich hier ein Glossar auf http://www.ellroy.com/glossary.htm), Bruen gibt eh nur im Original.

Was das Barthes Zitat betrifft, ließe sich hier sicherlich trefflich und gedeihlich streiten. Es bedürfte dazu goßerer Muße, aber kurz gesagt, gibt es, so meine ich, doch viele - auch gute Krimis - die so gekonnt geschrieben sind, dass der Autor und seine Schrift hinter der Story "verwinden" - und das ist nicht das geringste Kompliment.

Beste Grüße

Bernd Kochanowski

Hallo Bernd! Dass Bruen und

Hallo Bernd! Dass Bruen und White Jazz Glanzlichter seien, hatte ich begriffen. Möchte ich mal lesen, vielleicht im Original. Von dem Buch habe ich einen Auszug gelesen und mir dann das von der Seele geschrieben. Es war ja kein FAZ-Beitrag und auch keine Dissertation, sondern eine schnelle Polemik. Mich wundert, wie oft einem das Recht abgesprochen wird, Kritik zu üben. Das ist nur Einschüchterung. Wenn sich alle 100-prozentig gründlich informieren müssten, bevor sie den Mund auftun, wäre es ziemlich still in Deutschlands Medienlandschaft. Was Barthes angeht: Ich finde das Zitat völlig zutreffend, aber jemand anders kann gerne den Kommissar oder sein Auto, die Leiche oder die Stadt, in der der Krimi spielt, für die Hauptperson halten. Ich selber schaue manchmal in deutsche Krimis hinein, aber nach ein paar Sätzen bin ich meistens schon bedient. Morgen radle ich zur Buchhandlung und hole mir das Werk, das den Anstoß gegeben hat. 6,50, das ist drin im Budget. Danach kann ich ja mein Urteil revidieren. Viele Grüße Manfred Poser.

Hallo Manfred, sicher, viele

Hallo Manfred,

sicher, viele Bücher sind nicht gerade von literarischen Genies geschrieben. Aber das gibt einem doch nicht das Recht ein Buch zu verurteilen (und so ist der Text angekommen), welches (vielleicht) eine oberflächliche Ähnlichkeit zu solchen Machwerken besitzt. Schon aus Respekt gegenüber dem Autor.

Ansonsten bin ich wohl missverstanden worden. Ken Bruen und erst recht "White Jazz" sind Glanzlichter des Genres.

Bezüglich des Roland Barthes Zitats bin ich mir gar nicht so sicher, ob es auch auf Krimis zutrifft [D.h. eigentlich bin ich mir sicher, dass es nicht zutrifft]. Aber nun ja, weder R. Barthes noch Du sind ja, so scheint es, erfahrene Krimileser.
Bernd Kochanowski

Hallo Bernd! Manchmal reicht

Hallo Bernd! Manchmal reicht ja ein Wort. Jedes Buch ist toll, das einen packt und nicht mehr loslässt und das authentisch ist. Auch mit kurzen Sätzen. Kaminski. Hemingway. Wichtiger ist manchmal das, was nicht erwähnt wird. Die Leere spricht. - Mein Beitrag war ja nur ein Aufschrei, und vielleicht tue ich dem erwähnten Buch Unrecht ... es nervt mich bloß, dass viele Bücher aus Unfähigkeit heraus simpel und irgendwie grob geschrieben sind. Wollte keine Regeln aufstellen. Viele Grüße Manfed Poser.

? Wie würde Manfred Poser

? Wie würde Manfred Poser wohl "White Jazz" von James Ellroy bewerten ?

Naja, kann man sich denken: Durchgefallen. Vermutlich zu wenig Verben.

Genauso schlimm: Ken Bruen. Manchmal: Ein Wort, eine Zeile, ein Satz.

Ganz richtig ! So geht es nicht. Haltet das Genre zusammen, lasst alle so schreiben wie Steinfest !

[...] Egal, ob die Prämissen

[...] Egal, ob die Prämissen stimmen oder nicht, die Rezensenten halten sich brav an die Norm und bestätigen Müllers Beobachtung. Ein Beispiel: Der Blogger von hinternet.de findet Norbert Horsts Kriminalroman Todesmuster (2005) gut, während der Kollege von Kritische Ausgabe wenig Begeisterung empfindet und dafür die Kritik eines Dritten einfährt, der den Roman großartig findet. Am vorläufigen Ende setzt hinternet noch eins drauf und wirft dem Kollegen eine “groteske Verkennung der Sprache und der Bilder, die sie auslöst” vor. Der Leser bleibt ratlos, weil er nichts zum Zusammenhang von Plot und Sprache erfährt. (Forts. folgt.) [...]

"und trotzdem nicht viel von

"und trotzdem nicht viel von Sprache begriffen haben..."
Ja, Herr Eckert, das scheint mir bei Ihnen so zu sein. Durchsichtiger Stil. Autor, der sich produziert, nicht erzählt. Will auffallen. Um jeden, jeden. Preis. Abgehakt.

"Aber muss der Krimi so

"Aber muss der Krimi so sein?" Nein, muss er nicht. "Reden diese Krimi-Autoren ...?" Welche? Es gibt viele unterschiedliche. Dass Norbert Horst so schreibt, ist ein Glücksfall, der den Deutschen Krimipreis verdient hat. Wenige Autoren, kaum ein Krimiautor, wagt einen solchen reduzierten Schreibstil, quasi eine Ich-Erzählung (fast) ohne "ich", und in den wenigsten Fällen geht das Wagnis auf, ergibt sich eine so packende Erzählung. Norbert Horst hält sich keineswegs bei Oberflächlichkeiten auf. Wenn es noch in der ersten Zeile des zitierten Romananfangs heißt: "Verdammt, aufpassen", dann sind wir bereits ganz bei den Gedanken der Hauptfigur und werden im Folgenden nicht mehr losgelassen. Wie gut Horst schreibt, zeigt gerade der Kontrast zur angeblichen Karikatur dieses Stils: "Gestern: Hund ...". Was beweist Manfred Posers Kritik? Man kann Barthes und "Ernest" zitieren und trotzdem nicht viel von Sprache begriffen haben. Oder wollte hier jemand nur schnell mal Vorurteile über ein literarisches Genre loswerden, und der Anlass war eigentlich egal, das Buch "Todesmuster" nicht einmal gelesen? "Muss der Krimi so sein?" Nein, er kann. Und es ist großartig, dass es solche Krimis gibt.
Mit freundlichem Gruß
Horst Eckert

 

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