Zwischen Hoffen und Bangen

Das Drama um Theater Bonn – ein Schauspiel in drei Akten
1. Akt: Es war einmal ...

Szenenbild Jeptha © Thilo BeuEs war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da war Bonn noch glanzvolle Bundeshauptstadt und Sitz der Regierung der Republik und ganz Deutschland blickte auf die Stadt am Rhein. Dann aber kam der Tag, der Geschichte schrieb: der 9. November des Jahres 1989 – die Mauer fiel und Ost und West lagen sich wiedervereint in den Armen. Nur wenige Jahre später zogen die Politiker vom Rhein an die Spree. Kein leichtes Los für das schon 1990 von der Bundeshauptstadt zur einfachen Bundesstadt degradierte Bonn. Das bekam auch das Theater Bonn zu spüren.

2. Akt: Sparen, sparen, sparen

Noch in der Spielzeit 1999/2000 konnten sich der damalige Intendant Dr. Manfred Beilharz und seine Belegschaft über einen Etat von 49,8 Millionen Euro freuen. Derart »goldene Zeiten« waren nun vorbei. Die Regierung ging und auch Beilharz verließ bald darauf die Stadt. Klaus Weise kam dafür und wurde prompt – gewissermaßen als »Willkommensgeschenk« – mit einer massiven Etatkürzung begrüßt: 35,4 Millionen sollten’s nur noch sein – eine Einsparung von über 14 Millionen Euro. Ob so etwas wohl gut gehen kann? – Es konnte. Und wie! Zwar fielen den Sparmaßnahmen ca. 150 Arbeitsplätze zum Opfer – das Schauspielensemble z.B. schrumpfte von ehemals 55 Schauspielern unter Beilharz auf derzeit 28, die zudem alle noch erheblich weniger verdienen. Dennoch, die künstlerische Qualität litt nicht. Im Gegenteil: Nach 3 Spielzeiten hat sich Weises Theater am Rhein endgültig etabliert; mit hervorragenden Inszenierungen hat man es geschafft, sich ein Stammpublikum zu erarbeiten. Zahlreiche ständig ausverkaufte Vorstellungen und Auslastungszahlen, die mit etwa 85% im Schauspiel weit über Bundesdurchschnitt liegen, sprechen für sich. So lobt denn auch die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann voller Stolz die hiesige Theaterlandschaft:

»Bonn ist zu Recht stolz auf seine hoch entwickelte Infrastruktur im kulturellen Bereich, auf seine Ensembles und Spielstätten […]. In unserer Stadt ist Theater dynamisch und stets in Bewegung begriffen.« (Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann im Grußwort zum 8. Arbeitstreffen der freien Kindertheater, »Spurensuche«, im Bonner Theater Marabu)

3. Akt: ... und nochmal sparen, bitte!

Das alles hört sich trotz der anfänglichen Widrigkeiten nach einer bilderbuchreifen Erfolgsgeschichte an – doch just in dem Moment, in dem sich der Erfolg eingestellt hat, sorgt eben diese stolze Bürgermeisterin für Furore in den Theaterreihen. Denn als Belohnung für die erfolgreichen Einsparungen drohen dem Theater nun schon wieder drastische Einschnitte in Millionenhöhe – man hat ja schließlich eindrucksvoll bewiesen, dass man bei gleichbleibend hoher Qualität auf ein paar Millionen verzichten kann. Dass erneut gespart werden musste, war ohnehin klar; das Theater selbst machte Vorschläge für Einsparungen von etwa 3 Millionen Euro – nicht genug, so die politischen Obrigkeiten. Stattdessen werden nun möglicherweise 8 Millionen eingefordert. Derartige Sparaktionen müssen allerdings notwendigerweise jede Dynamik, die laut Dieckmann die Bonner Theater ja auszeichnet, im Keim ersticken. Die einzige Bewegung, die dem städtischen Theater unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch bliebe, wäre ein Rück(wärts)schritt, unter dem eine Sicherung der Vielfalt des künstlerischen Angebots sowie des Niveaus des Theaters kaum mehr möglich scheint. Ungeachtet dessen tagt eine Kulturkommission, bestehend aus der Oberbürgermeisterin, dem Kulturdezernenten Dr. Ludwig Krapf und den Parteispitzen, hinter verschlossenen Türen und diskutiert über mögliche Kürzungen. Experten sitzen nicht mit am Entscheidungstisch – eine recht angenehme Methode, Einsparungen widerstandsfrei zu beschließen. Dass die Überlegungen, die in der Runde auf eben diesen Tisch kommen, dadurch zum Teil recht abstrus sind, beweist ein vertrauliches Ergebnisprotokoll einer Strukturkommissionssitzung, das Anfang März an die Öffentlichkeit gelangte und erstmals die Sparvorschläge ans Licht brachte: Ein zentraler Aspekt innerhalb des Planes der Kommission sieht die Schließung der Kammerspiele Bad Godesberg vor. Das Schauspiel soll in die Innenstadt ziehen, genauer gesagt in das Opernhaus, und hier seinen Platz entweder auf einer separaten Kammerbühne oder gleich mit auf der Opernbühne finden. Dass dies erhebliche Schwierigkeiten in Bezug auf die Proben- und Spielplandisposition zwischen den Sparten mit sich bringt, kann ja so dramatisch nicht sein, es wird doch ohnehin weit weniger gespielt. Denn bei derart hohen Kürzungen wäre jeder dritte Arbeitsplatz am Theater akut gefährdet, ein Wegfall von ca. 200 Stellen, von der Technik über die Verwaltung bis zu den Sängern und Schauspielern, ist zu befürchten. Von den Tänzern braucht dabei offenbar gar keine Rede mehr zu sein. In der Kommission wird längst »davon ausgegangen, dass es ab 2008/2009 keine separate Sparte Tanztheater mit eigenem Ensemble mehr geben wird«. Mit einer Gesamtauslastung von zuletzt nur knapp über 30% konnte Johann Kresnik, Leiter des Choreographischen Theaters, bislang in Bonn kein breites Publikum ansprechen. Auch die Personalfrage ist noch nicht endgütig geklärt: 2008 laufen die Verträge des »theatralischen Dreigestirns« aus: Generalintendant Klaus Weise, der Chef des Choreographischen Theaters, Johann Kresnik, und Roman Kofman, Generalmusikdirektor. Letzterer gab jüngst bekannt, dass er nicht plane, seinen Vertrag darüber hinaus zu verlängern – womöglich um dem bevorstehenden Strukturwandel zuvorzukommen. Die Zukunft Kresniks scheint ebenfalls nicht am Bonner Theater zu liegen. Und Klaus Weise? Im Sparplan finden sich Überlegungen, ganz auf eine Generalintendanz zu verzichten. Wenn aber schon ein Generalintendant, dann werde »eine Persönlichkeit aus dem Bereich Musiktheater« präferiert, eigene Regiearbeiten sollen hinter einer »künstlerischen Gesamtverantwortung« zurückstehen. Dieses Profil passt nicht gerade auf Weise. Dessen Erfolg lässt sich allerdings angesichts der Besucherstatistik sowie seiner eigenen erfolgreichen Inszenierungen in Oper und Schauspiel nicht leugnen. Diese Sparvorschläge sorgten in den letzten Monaten für Furore; die Schauspieler demonstrierten und riefen nach den Vorstellungen immer wieder zur Unterstützung auf – fast 30.000 Unterschriften wurden für den Erhalt der Kammerspiele gesammelt und der Oberbürgermeisterin in einer Ratssitzung überreicht. Auf ein öffentliches Statement seitens der Politiker wartet man indes vergeblich. Eine Meldung aus der Wirtschaft stimmte kurzzeitig zuversichtlicher: Bonn steht ein unerwarteter Geldsegen in Form von Steuereinnahmen ins Haus. Zusätzlich zu den bereits eingeplanten 260 Millionen Euro Gewerbesteuern erhält die Stadt unverhofft weitere 309 Millionen – dies verkündete die Oberbürgermeisterin in einer Pressekonferenz Anfang Juni. Damit geht es der Stadt finanziell plötzlich sehr viel besser – doch die Lokalpolitiker zeigen sich ob der Neuigkeit recht reserviert: »Wir werden weiter einen Kurs fahren, um das verbliebene Strukturdefizit abzubauen und die Entschuldung der Stadt voranzutreiben.« Die Worte von Werner Hümmrich (FDP) sind exemplarisch für die allgemeine Tendenz innerhalb der Fraktionen. Zudem stehe nicht der gesamte Millionenbetrag für Investitionen zur Verfügung, nur etwa 70 % könnten tatsächlich behalten werden, so Stadtkämmerer Ludger Sander. Schön und gut, aber selbst das wären noch mehr als 216 zusätzliche Millionen. Natürlich will die Stadt nicht noch einmal eine derartige Finanznot geraten, natürlich muss die Stadt auch für die Zukunft planen – aber ist nicht gerade das auch ein Argument für die Kultur? »Unsere Stadt wächst und weiteres Bevölkerungswachstum ist prognostiziert«, so Bärbel Dieckmann anlässlich einer Einzelhandelskonferenz im April. Wenn sich Bonn zudem mit großen Konzernen wie der Telekom und der Deutschen Post wirtschaftlich gegen andere deutsche Großstädte behaupten will, wäre doch wohl auch eine angemessene Kulturlandschaft eine lohnenswerte Investition. Ein Blick auf die Theater in vergleichbar großen Städten lässt für den zukünftigen Stand von Theater Bonn Schlechtes ahnen: Mannheim beispielsweise investiert bei 308.353 Einwohnern 47.194.000 Euro, Karlsruhe bei 282.595 Einwohnern 40.892.000 Euro, Wiesbaden bei nur 271.995 Einwohnern 38.041.000 Euro. Wo stünde dann noch Bonn mit 311.052 Einwohnern (Tendenz steigend) und einem zukünftigen Etat von nur noch etwa 28 Millionen (Tendenz fallend)? Welche renommierten Sänger und Schauspieler würden wohl angesichts einer solch fatalen Finanzlage noch das Risiko eines Gast- oder gar eines Festengagements eingehen? Ob es am Theater Bonn in Zukunft nicht nur für die Sommerpause, sondern endgültig heißt: »Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!«, wird sich zeigen. Bis Juli müssen die Fragen geklärt sein – und da sind Theaterferien. Also kann auch hier wieder mit einer weitgehend widerstandsfreien Entscheidung gerechnet werden. Na dann: Schöne Ferien!

Seit letzten Freitag (23.

Seit letzten Freitag (23. Juni) ist es nun amtlich: Die Bonner Oberbürgermeisterin verkündete, dass sie die zusätzlichen Steuereinnahmen nicht als Grund sehe, von den geplanten Etatkürzungen am Theater abzurücken, bzw., dass das Geld für die Festigung des Haushalts benötigt werde.
Ab 2008 werden die finanziellen Mittel des Theaters nun um 5,1 Millionen Euro gekürzt. Eine Millionen soll dabei durch die Streichung des Choreografischen Theaters eingespart werden. Die Kammerspiele Bad Godesberg hingegen sollen als Spielstätte erhalten bleiben. Erfreulicherweise wird offenbar ebenso an dem Generalintendanten Klaus Weise festgehalten. Mit ihm sollen Verhandlungen über eine fünfjährige Vertragsverlängerung geführt werden.
Weitere Einsparungen sollen vor allem durch strukturelle Veränderungen erreicht werden. Dennoch gehe - so Personalrat PROSO - notwendigerweise auch der Verlust von über 100 Arbeitsplätzen am Theater mit den Kürzungen einher.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!